Neuer Zuchtplan Wenn der Königstiger mit dem Südchinesischen Tiger...

Jeder darf ab jetzt mit jedem - zumindest fast. Neue Zuchtregeln sollen den Tiger vorm Aussterben retten.

Von

DPA

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Für den Tiger ist kaum Platz mehr auf der Erde. Wilderei und illegale Abholzung bedrohen die Art. Noch vor 100 Jahren lebten etwa 100.000 Tiger in den Wäldern Asiens. Heute sind es noch ungefähr 3400, verteilt auf einige Dutzend Gebiete von der indonesischen Insel Sumatra bis ins mehr als 10.000 Kilometer entfernte Sibirien. Drei Unterarten sind bereits ausgestorben.

Nun sind Forscher in der bisher umfassendsten Tigerarten-Analyse allerdings zu dem Schluss gekommen, dass es eigentlich nur zwei Unterarten gibt: einen indonesischen Inseltiger und einen Festlandtiger. Zuvor war man von neun ausgegangen. Die neue Aufteilung könnte entscheidend für den Erhalt des Tigers sein. Denn nun ist denkbar, die neun zum Teil stark dezimierten Untergruppen in Zucht-, Auswilderungs- und Umsiedlungsprogrammen zumindest teilweise zu vermischen.

Sechs plus drei macht zwei

200 Schädelknochen, über hundert Felle, zahlreiche genetische Merkmale und die Lebensräume der neun Tigergruppen haben Forscher um Andreas Wilting vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin (IZW) verglichen.

Die Daten zeigen, dass sich die drei kleinsten Tigerarten, der Balitiger, der Javatiger und der Sumatratiger zu einer Unterart zusammenfassen lassen. Laut Studie waren die Inseln Sumatra, Java und Bali während des letzten glazialen Maximums vor 10.000 Jahren miteinander verbunden, sodass sich die Unterarten heute kaum voneinander unterscheiden lassen. Die Forscher haben die neue Unterart Sunda-Tiger genannt.

"Den Sunda-Tiger zu erhalten, dürfte besonders schwierig werden", sagt Wilting. Es gibt nur noch 400 Exemplare auf Sumatra. Auf Bali und Java sind sie seit Jahrzehnten ausgestorben. Zwar könnten Tiger aus Sumatra wieder auf Bali und Java ausgewildert werden, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin "Science Advances". Tatsächlich ist der Lebensraum auf den Inseln dafür aber zu stark zerstört.

Ursprüngliche Verbreitung der neun Unterarten

Karte

Klicken Sie auf die markierten Flächen.

Quelle: Wilting et al. 2015


Hoffnung für den Südchinesischen Tiger

Größere Hoffnung gibt es für die anderen sechs Tigerarten, die die Forscher Festlandtiger nennen. Zu ihnen gehören etwa der stark bedrohte Indochinesische Tiger und der in freier Natur wohl ausgestorbene Südchinesische Tiger.

"Hier standen Tigerschützer bislang vor dem Dilemma, dass die Populationen für viele Schutzmaßnahmen schon zu stark dezimiert waren", erklärt Wilting. Nun könnten die noch etwa 2500 Bengaltiger, auch bekannt als Königstiger, helfen, die südchinesische und indochinesische Population zu vergrößern. Auch Malaysische Tiger könnten eingekreuzt werden.

Nördlicher und südlicher Festlandtiger

Der Sibirische Tiger dagegen, die größte noch lebende Katze der Erde, kommt dafür nicht in Frage, obwohl er auch zu den Festlandtigern zählt. "Wir haben die Festland-Unterart für die Schutzprogramme noch mal in eine südliche und nördliche Population unterteilt", erklärt Wilting. Die beiden Gruppen seien an zu unterschiedliche Bedingungen angepasst, um sie zu vermischen.

Während der Sibirische Tiger im Norden in Laub- und Nadelwäldern umherstreift und eisiger Kälte trotz, lebt die südliche Population in deutlich wärmeren Gebieten, oft im Dschungel. Hinzu kommt, dass Tiger aus dem Norden Chinas verschwunden sind, sodass sich Sibirischer und Südchinesischer Tiger über diese große Verbreitungslücke hinweg natürlicherweise nie begegnen würden.

Neue Einteilung in Sunda- und Festlandtiger

Karte

Klicken Sie auf die markierten Flächen.


Lücken beim Tigerschutz

"Eine Schlussfolgerung aus der Studie ist, dass die Bedrohung für einzelne Tigerunterarten sinkt, wenn mehr Tiger zu dieser Unterart gehören", sagte Volker Homes, Leiter für den Bereich Artenschutz beim WWF. Dies darf seinen Worten zufolge aber nicht dazu führen, dass Staaten die Verantwortung an Nachbarn abschieben, weil dort genetisch ähnliche Tiger leben.

In einigen Ländern sei der Tigerschutz heute sehr gut, wie in Nepal, Indien und Russland. "Dort wächst die Anzahl der Tiger", so Homes. Indonesien und Malaysia zählten ihre Großkatzen hingegen noch nicht einmal. "Wenn man nicht weiß, wie viele Tiger man hat, weiß man auch nicht, wie schnell die Bestände abnehmen".

In Kambodscha, Laos und Vietnam seien die Tiere bereits weitgehend ausgestorben. Thailand und Burma hätten dagegen Potenzial, die Bestände schnell zu vergrößern.

2010 hatten sich Tiger-Länder verpflichtet, die Zahl der Tiere bis 2022 von etwa 3200 auf gut 6000 zu erhöhen. Ob die neue Unterteilung in drei Schutzgruppen in die Praxis übernommen wird, um dieses ambitionierte Ziel zu erreichen, ist noch unklar.

Zusammengefasst: Forscher berichten, dass es statt neun Tigerarten eigentlich nur zwei gibt. Das könnte für den Erhalt der Art entscheidend werden, denn einige Populationen sind bereits sehr klein. Die neue Aufteilung erlaubt, sie künftig mit anderen Unterarten zu kreuzen und so die genetische Vielfalt zu erhalten. Ob das umgesetzt wird, ist aber noch offen.

Der Autorin auf Twitter folgen

Rettungsaktion in Sibirien
Er verängstigte Menschen und riss Hunde - dabei war er selbst schwach. Im Osten Russlands haben Tierschützer einen Tiger eingefangen und aufgepäppelt. Ein Video zeigt jetzt die Auswilderung der Großkatze.

Mit Material von dpa

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
erwin.duesenberg 27.06.2015
1. Ökosystem
Ich halte die Maßnahmen zur Erhaltung einzelner Tierarten für Quatsch. Statt dessen sollte man versuchen die Lebensräume der Tiere zu erhalten. Die Natur findet von selbst die richtige Balance. Denn schließlich ist der Mensch Schuld am Rückgang der Tigerpopulation.
ex_Kamikaze 27.06.2015
2. Alibi
So werden Schwuppdiwupp die ausgestorbenen Unterarten für nicht vorhanden erklärt. Tja, der Javatiger, der Balitiger und der Turantiger haben davon nichts. Diese Populationen wurden ausgerottet, ganz ohne Wissenschaft. Ich habe mein ganzes Leben die Entwicklung der schönsten Katze der Welt verfolgt, wir schützen seit Jahrzehnten angeblich Tiere. Tatsächlich sind die Bestände noch schneller zusammengebrochen als vorher. Ich hoffe, das zu meinem Lebensende noch ein paar Tiger durch Wälder streifen - zumindest in Sibirien gibt es ja Hoffnung!
hinschauen 27.06.2015
3. Chinesen mit Potenzproblemen
Wilderei bedroht den Tiger? Warum wird denn gewildert? Und warum sind so viele andere Tierarten auf der Welt durch Wilderei bedroht? Zu 90 Prozent, weil Männer in ostasiatischen Ländern - allen voran China - daran glauben, dass deren Hörner, Krallen, Hoden oderwasauchimmer ihre Potenz stärken würde. DAS müsste mal öffentlich angegriffen werden. Abgesehen von den Therapeuten, die mal klären müssten, warum die Männer in China solche Sorgen haben....
pojarkow 27.06.2015
4. Kein sibirischer
Der "sibirische" Tiger heißt korrekt Amur-Tiger, das gezeigte Verbreitungsgebiet (hellgrün) ist nicht Sibirien, sondern die Russische Region Ferner Osten (Dalnewo Wostok). Es ist das Gebiet, in das die Transsibirische Einsenbahn am östlichen Ende aus Sibirien wieder hinaus fährt (trans).
simplythebeast 27.06.2015
5. Ein Tropfen auf dem heissen Stein
Die Biodiversität ist dem Untergang geweiht. Da bleiben am Ende nur noch die Menschen, die Kakerlaken und ein paar Nutztiere übrig. Die meisten Menschen auf der Erde haben eh ganz andere Sorgen und von dem Rest muss man sich als 'Gutmensch' beschimpfen lassen, wenn man den Lebensraum von Tiger, Bären oder Elefanten schützen möchte.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.