Asiens letzte Tiger Dschungel ohne König

Gerade einmal 3200 Tiger leben auf der Erde noch in freier Wildbahn, schätzen Umweltschützer. Indien ist die letzte Hochburg der Großkatzen, hier könnte sich das Überleben der Art entscheiden. Doch es sieht nicht gut aus.

Aus Thekkady berichtet Kai Althoetmar

India Tourism

Zu Fuß geht es auf Tigersuche. Zweimal die Woche führt der Thekkady Tiger Trail im Periyar Nationalpark einen Trupp ehemaliger Wilderer durch Wald, Elefantengras und sumpfige Seelandschaft - im Schlepptau eine Handvoll Wildlife-Touristen. In einem abgelegenen Winkel Südindiens, der Bergkette der Westghats, soll es noch 53 Tiger geben, wie die letzte Zählung ergab.

Indien ist die letzte Tigerhochburg. Hier könnte sich das Überleben der Art entscheiden. Indien hat 27 Tigerreservate. 1909 Bengaltiger streifen durch das Land, jeder dritte außerhalb der Reservate.

Die Tigerschutzgebiete in den Westghats und die am Fuße des Himalajas lassen der Art ausreichend Raum und ermöglichen genetischen Austausch, solange die Reservate durch Korridore verbunden sind. Anderswo, vor allem in Südostasien, gibt es nur noch Kleinstbestände. Die Gruppen schwindender Mini-Populationen leben in mittlerweile viel zu kleinen Reservaten, auf Dauer sind sie dort kaum lebensfähig.

Vor allem in Indochina und auf Sumatra sind die Bestände zuletzt weiter eingebrochen. Vielerorts sind die Populationen so klein, dass die Anzahl der Tiere für die Fortpflanzung kaum mehr ausreicht. Vor allem außerhalb der Schutzgebiete nimmt die Zahl der Tiger ab.

Um 1900 streiften noch rund 100.000 Tiger durch Asien. Anfang der achtziger Jahre waren es 8000. Heute sind es nach Schätzungen des WWF noch 3200, andere gehen von 4000 Tieren aus. "Der Niedergang hält an und könnte unumkehrbar sein", schreibt die Weltnaturschutzunion (IUCN). Keine einzige Subpopulation - der Bestand in einer bestimmten Region - mache mehr als 250 Tiere im Fortpflanzungsstadium aus.

Ohne eine Verteidigung seiner Reservate gegen den Menschen, ohne hartes Durchgreifen gegen Wilderer und ihre Händlermafia, droht dem Tier in freier Wildbahn der Garaus. Die IUCN listet einige Unterarten bereits als "critically endangered" auf - "stark vom Aussterben bedroht".

Forscher besorgt über geringe Verbreitung

Wie weit sich der Tiger zurückgezogen hat, zeigt eine aktuelle Feldstudie. Biologen entdeckten, dass Tiger in Nepal den Großteil geeigneter Lebensräume aus Futtermangel nicht besiedeln. Nur auf 5049 von 13.915 Quadratkilometern in der Terai-Tiefebene waren die Großkatzen präsent. Zuvor waren Zoologen von einer doppelt so weiten Verbreitung ausgegangen. Das Terai-Gebiet gilt als eines der Herzstücke für das langfristige Überleben des Bengaltigers. In Nepal leben zwischen 100 und 200 Tiger, allein rund 50 im Chitwan Nationalpark.

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Tiger und Leoparden: Das langsame Sterben der Großkatzen
Wo es wenig Nahrung gibt, da sind Tiger nicht anzutreffen. "Die Tigerdichte korreliert direkt mit der Dichte an Beutetieren", schreiben die Forscher im "Journal of Zoology". Zu der geringen Beutetierdichte trägt vor allem die Wilderei bei, hauptsächlich außerhalb der Schutzgebiete. Störungen durch Menschen, seien es Holzschlag oder das Weiden von Vieh, fielen als Wirkungsfaktor dagegen deutlich ab.

In lediglich 33 der 96 untersuchten Planquadrate gab es Hinweise auf Tiger. Während in den vier unter Schutz gestellten wildreichen Nationalparks und Wildreservaten Tiger in 17 von 18 Planbezirken vorkamen, fanden sich in über 80 Prozent der eher wildarmen Bezirke außerhalb der Schutzgebiete keine der Tiere, obwohl die Bereiche als Lebensraum prinzipiell in Frage kamen.

Lebensraum muss verteidigt werden

Shannon M. Barber-Meyer, US-Wildbiologin und Autorin der Studie, sieht den Befund nicht nur negativ: "Es bleibt viel geeigneter Lebensraum für Tiger in Nepal - wenn wir uns anstrengen, die Kernpopulationen der Tiger und die Korridore zwischen den Lebensräumen zu schützen."

Pro Wildlife verlangt schon lange, dass die Tiger-Staaten "noch mehr Schutzgebiete ausweisen und die Wildhüter im Kampf gegen Wilderei besser ausstatten". Vor allem China müsse gegen den Verkauf von Tigerprodukten strikt vorgehen, auch gegen Produkte aus Tigerfarmen. Diese Geschäfte, so Sprecherin Sandra Altherr, heizten die Nachfrage und damit die Wilderei an. "Das deutsche Umweltministerium könnte China auffordern, den Handel mit Tigerprodukten innerhalb Chinas konsequent zu beenden", sagt die Biologin.

Für die Dschungelcamper in Indiens Periyar Nationalpark geht es derweil drei Tage quer durch die Wildnis, mit Trägern, Koch und Fährtenleser in olivgrünen Tarnanzügen, vorneweg ein Guide der Forstverwaltung mit Gewehr im Anschlag. Im Morgengrauen der dritten Nacht reißt ein langgezogenes "Auuuun" alle aus dem Schlaf. Der Tiger ist da. Der Lautstärke nach könnte er vor dem Zelt stehen.

Guide Tanghan drängt zum Aufbruch - vielleicht kann die Gruppe der Tiger-Touristen das Tier noch sehen. Durch Grasland geht es zum Waldrand, wo der Tigerexperte die Katze zuletzt gesehen hat. "Ein Tigerweibchen mit Jungen", sagt er. Doch der Dschungel hat die Tigerin direkt wieder verschluckt. "Wir gehen lieber nicht weiter, im Wald ist es zu unübersichtlich und zu gefährlich", sagt der Guide. Immerhin, die Touristen haben den König des Dschungels gehört.



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fuchs008 09.04.2013
1. Ein-Kind-Politik
China ist das einzige Land, dass Familien mit mehr als einem Kind steuerlich benachteiligt. Und alle europäischen Länder rümpfen darüber die Nase. Dabei ist eine Reduktion der Bevölkerung das einzige Mittel, um genügend Lebensraum für wilde Großsäugetiere zu haben. Eine wachsende Menschheit brauch Platz, für Häuser, für Nahrungsmittel, für Energiepflanzen - der wachsende Bedarf lässt keine Raum für große wilde Tiere.
mrangrybates 09.04.2013
2. Es sieht gut aus...
Ein voller Erfolg der ungehemmten Ausbreitung menschlicher Zivilisation. Vernichtung von Lebensraum, Zersiedelung, Wilderei, Handel mit Wildtieren bzw. Wildtierprodukten etc. Über kurz oder oder lang werden nicht nur Tiger und Leoparden definitv aus freier Wildbahn verschwinden. Gegen die Krone der Schöpfung werden langfristig nur Arten, die ökologische Nischen besetzen oder sich an menschliche "Infrastruktur" anpassen können, überleben. Wir können stolz sein!
KlausErmecke 09.04.2013
3.
Vielleicht sollten wir uns auch einmal über die Menschen Gedanken machen, die es nicht schätzen, aus Angst vor dem Gefressenwerden nicht in den Wald gehen zu können. Ich habe in meinem weiteren Bekanntenkreis Anzeichen dafür entdeckt, daß es eine Korrelation geben könnte zwischen den Merkmalen "Strahlungsangsthase" und "Retter-der-Raubtiere-in-entfernten-Gebieten".
kroto 09.04.2013
4. Es...
... ist nur eine Frage der Zeit, auch wenn viele das hier wieder auf die Palme bringen wird. Das extreme Wachstum der Menschheit, die postindustrielle Massengesellschaft und "natürliche Lebensräume" passen einfach nicht wirklich zusammen. Da kann ich meine Rasse geißeln und den Verlust archaischer Großraubtiere in freier Wildbahn beweihnen- oder es anerkennen. Im Westen will man SUVs und Smartphones, in Indien Essen und Kleidung, mehr Platz für eine natürliche Fauna generiert keine dieser Nachfragen. Und Lust, auf dem Weg zum Lokus von einer Großkatze zerfleischt zu werden, hat dort hinten auch niemand.
adazaurak 09.04.2013
5. da freut sich doch
da freut sich doch der normale neoliberale Autofahrer und FDP-Wähler. Mit dem Tiger ist kein Geld zu machen, also weg mit ihm.
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