Illegaler Tierhandel Im Unterschlupf der Tiger-Mafia

Der Schweizer Artenschützer Karl Ammann recherchiert seit Jahren gemeinsam mit SPIEGEL TV die Aktivitäten der Tiermafia. Jetzt sind spektakuläre Einblicke in den Handel mit den letzten Tigern gelungen.

SPIEGEL TV

Aus Vientiane berichtet Thilo Thielke


Ein Mann führt durch seinen kleinen Palast in der laotischen Stadt Pakse: eine gewaltige Vorhalle, eine Wendeltreppe, ein goldener Buddha und ziemlich viel Kitsch. Er wirkt leger, trägt ein rotes T-Shirt, Jeans, weiß-blaue Strümpfe. Dann führt er seinen Besucher in einen kleinen Nebenraum, und greift zum Mobiltelefon. Auf dem Fußboden türmen sich Löwenknochen.

Die Aufnahmen sind mit versteckter Kamera aufgenommen und ziemlich spektakulär. Der Laote, klein und untersetzt, der hier seine Geschäfte abwickelt, ist ein gesuchter Mann und seit Monaten abgetaucht: Vixay Keosavang, auch bekannt als der Pablo Escobar des illegalen Tierhandels. Vor einiger Zeit setzte US-Außenminister John Kerry eine Million Dollar Belohnung für Hinweise aus, die zur Ergreifung des Schmuggelkönigs führen. Seitdem hält sich der ohnehin schon kaum Greifbare noch sorgfältiger versteckt.

Gelungen sind die ungewöhnlichen Aufnahmen einem Team des Schweizer Artenschützers und Enthüllungsjournalisten Karl Ammann, der vom kenianischen Nakuru aus operiert, und einem Team von SPIEGEL TV. Sie rüsteten einen einheimischen Mitarbeiter mit einer Miniaturkamera aus und schickten ihn in die Höhle des Löwen.

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Karl Ammann: Der Anwalt der Tiere
Gegenüber Keosavang gab sich der Mann als Tierhändler aus - und förderte Interessantes zu Tage: Unverhohlen bot ihm der Tiermafioso Tiger-und Löwenknochen zum Kauf an, plauderte freimütig über die Verkochung der Tierskelette zu einer angeblich potenzsteigernden Paste und diskutierte Schmuggelwege ins benachbarte Vietnam.

Drittgrößte Einnahmequelle von Mafiaorganisationen

Jahrelang wurde der Kampf gegen den Schmuggel mit toten oder lebenden Wildtieren eher vernachlässigt. Dabei rangiert das Geschäft mittlerweile unmittelbar hinter dem Menschen- und Waffenhandel als drittgrößte Einnahmequelle von Mafiaorganisationen.

Insbesondere mit Vietnamesen und Chinesen lassen sich gute Geschäfte machen. In beiden Ländern ist der Glaube weitverbreitet, dass der Konsum von Nashornpulver Krebs kurieren, der Verzehr von Tigerteilen verlorene Manneskraft zurückgeben oder das Trinken einer bitteren Flüssigkeit aus der Bärengalle Kopfschmerzen kurieren könne.

Je seltener die Spezies, die auf den Tisch kommt, desto höher der Preis. Und weil die Tiger in den meisten Ländern mittlerweile nahezu ausgerottet sind, werden für ihre Überreste astronomische Summen gezahlt. Überall schießen in Südostasien deshalb jetzt Tigerzuchtstationen aus dem Boden, die nur notdürftig als Zoos oder Zirkusse getarnt sind.

Ammann führt das SPIEGEL-TV-Team durch einige dieser Einrichtungen. Touristen kuscheln hier mit den Jungtieren und bestaunen, wie die Tigerbabys von Schweinen gesäugt werden. Damit die Muttertiere schneller wieder Nachwuchs zeigen können, werden ihnen die Jungtiere kurz nach der Geburt entrissen. Ammann sagt: "Die Tiger werden regelrecht ausgeschlachtet. Wenn sie noch klein sind, werden sie als Touristenattraktion vermarktet, dann werden sie geschlachtet und in ihren Einzelteilen über Laos nach China und Vietnam geschmuggelt."

Tigerpenis als Valentinsgeschenk

Es gibt kaum etwas, das nicht verwertet wird. Die Knochen werden zu Tigerpaste zerkocht oder in einer trüben Brühe zu Tigerwein vergoren. Die Penisse werden hübsch verpackt als Valentinsgeschenke angeboten. Und die Felle schmücken Wände.

Weil die Nachfrage immer weiter steigt, werden zunehmend auch Wilderer in Afrika damit beauftragt, Löwenknochen zu besorgen. Vixay Keosavang vor der heimlich mitlaufenden Kamera: "Wir haben hier gerade drei Tonnen Löwenknochen aus Afrika bekommen. Sie sind von Tigerknochen kaum zu unterscheiden."

Die Recherchen Karl Ammanns belegen, was amerikanische Ermittler dem Chef des "Xaysavang-Netzwerks" seit langem vorwerfen: Er betreibe sein Geschäft im großen Stil mit dem "Töten von bedrohten Spezies wie Nashörnern, Elefanten und anderen Arten für Produkte wie Elfenbein".

Die Tigerrecherche ist nicht die erste spektakuläre Aktion, die der Artenschützer Ammann mit SPIEGEL TV durchgeführt hat. In der Vergangenheit deckte er zum Beispiel auf, wie Nashornteile von Südafrika nach Vietnam geschmuggelt wurden, wie die Ausschlachtung von asiatischen Schwarzbären in Casinostädten entlang der chinesischen Grenze floriert und wie der Handel mit Elefanten von Burma nach Thailand funktioniert.

Geändert hat sich seitdem nicht viel. Im vergangenen Jahr wurden allein in Afrika rund 30.000 Elefanten abgeschlachtet - das sind zehn Prozent der Gesamtpopulation. "Wenn wir nicht endlich den Handel mit Wildtieren eindämmen, werden wir diesen Kampf verlieren", sagt Ammann. "Aber offenbar kuschen die meisten Länder vor dem chinesischen Einfluss."

Vor Jahren wurde mit Cites eine Organisation ins Leben gerufen, die das Washingtoner Artenschutzabkommen von 1973 umsetzen und die Tiere schützen soll. Cites untersteht dem Uno-Umweltprogramm Unep. Immer wieder appelliert Ammann an die Uno-Leute, den illegalen Tierhandel konsequent zu bekämpfen - vergeblich. Er klagt: "Cites ist ein stumpfes Schwert."

Mehr zum Thema am Sonntag, 22 Uhr im SPIEGEL TV MAGAZIN bei RTL

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Seite 1
johnnyrees 02.03.2014
1.
Widerlich und erschütternd!
Schakutinga 02.03.2014
2.
Zitat von sysopThilo ThielkeDer Schweizer Artenschützer Karl Ammann recherchiert seit Jahren gemeinsam mit SPIEGEL TV die Aktivitäten der Tiermafia. Jetzt sind spektakuläre Einblicke in den Handel mit den letzten Tigern gelungen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/tiger-spiegel-tv-recherche-auf-den-spuren-des-illegalen-tierhandels-a-956320.html
Der illegale Tierhandel bedrohter Arten sollte mindestens mit der gleichen Härte verfolgt und bestraft werden wie der Heroinhandel, d.h. langjährige Gefängnisstrafen für Handel und Besitz, unabhängig von der Menge, also egal, ob man ein Gramm illegales Elfenbein besitzt oder ein Kilo. Leider nur ein Wunschtraum von mir...:-(
wonder2009 02.03.2014
3.
Die hören erst auf ,wenn der letzte Tiger ,Löwe ,Elefant oder Wal abgeschlachtet ist. Das ist die Realität auf unserem Planeten und wie der Grossteil der menschlichen Rasse mit anderen Lebewesen umgeht. Ändern wird das niemand mehr.
naturfan 02.03.2014
4. warum
Hier wäre eigentlich eine bzw mehrere militärische Aktionen angebracht. Nur mit eigenen Ranger kann und wird es sicher nicht unter Kontrolle gebracht werden.
Sippi 02.03.2014
5. Leider?
Zitat von SchakutingaDer illegale Tierhandel bedrohter Arten sollte mindestens mit der gleichen Härte verfolgt und bestraft werden wie der Heroinhandel, d.h. langjährige Gefängnisstrafen für Handel und Besitz, unabhängig von der Menge, also egal, ob man ein Gramm illegales Elfenbein besitzt oder ein Kilo. Leider nur ein Wunschtraum von mir...:-(
Hoffentl. wird ihr Wunschtraum nicht erfuellt, denn er entbehrt jedweder Logik. Die Dinge lassen sich nicht vergleichen. Der letzte Tropfen Oel wird verarbeitet werden und der letzte Grosssaeuger ebenfalls bzw. werden wir der letzte sein. Und ganz am Ende wird man sogar Mensch essen weil die landwirts. Nutzflaeche die Maeuler nicht ernaehren kann. Sie duerfen mich zitieren. ;)
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