Atemlos bei Gefahr Tintenfische tricksen Elektrosinn von Haien aus

Im Angesicht von Fressfeinden halten Tintenfische den Atem an und verharren starr am Boden. Messungen zeigen, dass sie sogar verräterische elektrische Signale ihres Körpers dimmen.

Gewöhnlicher Tintenfisch (Sepia officinalis): Meister der Tarnung
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Gewöhnlicher Tintenfisch (Sepia officinalis): Meister der Tarnung


Tarnung ist alles - besonders dann, wenn sich Raubtiere nähern. Viele Kopffüßer, wozu auch Tintenfische gehören, können ihre Färbung verändern. Sie besitzen sogenannte Chromatophoren, spezielle Hautzellen, die einen Farbstoff enthalten und von winzigen Muskeln umgeben sind. Diese beeinflussen die Form der Zelle und in der Folge die Farbe an dieser Körperstelle.

Nun haben Forscher bei einer Tintenfischart eine weitere Tarnmethode beobachtet. Die Tiere verfallen bei Gefahr in eine Art Totenstarre und erzeugen dabei geringere elektrische Felder, die von Fressfeinden mit Elektrosensoren, wie etwa Haien, schwerer erspürt werden können, berichten Forscher in den "Proceedings B" der britischen Royal Society.

Die Forscher um Christine Bedore von der Duke University in Durham hatten das Verhalten Gewöhnlicher Tintenfische (Sepia officinalis) untersucht. Um sich zu tarnen, verändern diese Tiere auch ihre Farbe, bei einer Attacke können sie zudem schwarze Farbwolken ausstoßen, um den Angreifer zu verwirren und rasch zu flüchten.

Hai trifft Tintenfisch

Manche Jäger können die Tintenfische allerdings mit ihren Elektrorezeptoren aufspüren, die bei Haien Lorenzinische Ampullen genannt werden und an Kopf und Schnauze liegen. Diesen Rezeptoren entgeht kaum ein Lebenszeichen, weil es für ein Tier quasi unmöglich ist, die von Muskeln und Stoffwechsel ausgehende elektrische Spannung komplett zu verbergen.

Für die Versuche wurden Tintenfische aus dem Monterey Bay Aquarium in Kalifornien sowie im Meer vor der Halbinsel Florida gefangene Schaufelnasen-Hammerhaie (Sphyrna tiburo) und Kleine Schwarzspitzenhaie (Carcharhinus limbatus) verwendet. Ein bis zwei Tage vor dem Experiment bekamen die Haie nichts mehr zu fressen, um sicherzustellen, dass sie motiviert auf Beutesuche gehen. Bei drei der Tintenfische wurde die Häufigkeit und Stärke der aus ihrer Atmung resultierenden elektrischen Felder gemessen. Ruhig am Boden liegend kamen sie auf 10 bis 30 Mikrovolt.

Anschließend wurden in mehreren Testreihen den jeweils einzeln in einem Wasserbecken sitzenden Tintenfischen Bilder auf einem Tablet-Computer gezeigt. War die Silhouette eines lauernden Räubers zu sehen, froren die Tiere in 80 Prozent der Fälle regelrecht ein: Sie pressten den Körper auf den Grund und verharrten bewegungslos, ihre Atemzüge wurden flacher und seltener - siehe Video unten. Zugleich verminderten sich Stärke und Frequenz der ausgesandten elektrischen Felder - vor allem, wenn die Tiere wie meist auch noch ihre Arme vor ihre Mantelöffnungen hielten. Die Stromstärke sank dann auf etwa 6 Mikrovolt.

Elektro-Tarnung funktioniert

In einem weiteren Experiment wurde die Reaktion der Haie auf die Schockstarre der Tintenfische untersucht. Die Forscher gaukelten den Haien mit künstlich erzeugten elektrischen Feldern die Gegenwart von Tintenfischen vor. Mal mit Signalen ruhender Tiere, mal mit Signalen atemlos verharrender Tintenfische. Angriffe gab es demnach in beiden Fällen - bei den Schreckensstarre-Feldern allerdings um die Hälfte weniger.

Die Haie mussten weit näher an der vermeintlichen Beute sein, bevor sie diese erkannten und zubissen: Ein für einen davonschießenden Tintenfisch typisches Feld wurde vereinzelt noch in gut 38 Zentimetern Entfernung erfasst, das eines schreckensstarren Tieres dagegen in maximal 16 Zentimetern Distanz. Flucht sei zumindest in dieser Hinsicht die riskanteste Option, solange der Jäger seine potenzielle Beute noch nicht entdeckt habe, schreiben die Forscher.

hda/dpa

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