Tonga Das ist die neueste Insel der Welt

Sie gilt als jüngste Insel der Welt - und sollte eigentlich innerhalb kürzester Zeit verschwinden. Doch ein Südsee-Eiland mit ziemlich unaussprechlichem Namen ist verblüffend stabil. Jetzt soll es sogar Mars-Forschern helfen.

DigitalGlobe

Aus New Orleans berichtet


Die Menschen im pazifischen Inselreich von Tonga wissen seit Generationen um die geheimnisvollen Kräfte im Untergrund. Ihre Heimat liegt im geologisch hochaktiven Gebiet des sogenannten Pazifischen Feuerrings. Östlich der Inseln treffen zwei Erdplatten aufeinander, die Pazifische Platte taucht westwärts unter die Australische Platte ab und wird dabei aufgeschmolzen.

Doch selbst wenn Vulkanismus quasi alltäglich ist, war es doch ein ganz besonderes Schauspiel, das sich Bewohnern im Dezember 2014 und Januar 2015 gleich mehrfach bot: Wer vom Hafen der Hauptstadt Nukualofa in nordwestlicher Richtung aufs Meer schaute, konnte bis zu neun Kilometer hohe Rauchsäulen in den Himmel steigen sehen. Zuvor hatten bereits Fischer berichtet, dass es im Seegebiet um die Inseln Hunga Tonga und Hunga Ha'apai brodelt.

Doch dies war nicht nur einer von vielen Vulkanausbrüchen. Es war die Geburt einer neuen und - wie mittlerweile klar ist - auch überraschend stabilen Insel. Auf dem Jahrestreffen der American Geophysical Union (AGU) in New Orleans berichten Forscher nun vom Schicksal des informell Hunga-Tonga-Hunga-Ha'apai - kurz: HTHH - genannten Eilandes. Und sie ziehen überraschende Parallelen: Erkenntnisse über den Vulkanismus in der Südsee könnten, so sagen sie, auch für die Erforschung des Planeten Mars von Interesse sein.

Entwicklung der Insel im Zeitraffer

Die neue Insel war innerhalb von nur drei Wochen auf einen Durchmesser von zwei Kilometern angewachsen. Der höchste Punkt ragte immerhin 120 Meter aus dem Meer. Dann setzten Regen und Wellen der Insel zu - und ließen sie schrumpfen. Aber nicht sehr lange.

Normalerweise verschwänden vergleichbare Eilande innerhalb von drei bis vier Monaten, sagt Jim Garvin vom Goddard Space Flight Center der Nasa in Greenbelt (US-Bundesstaat Maryland). Doch diese verhalte sich anders: "Die Insel kämpft um ihr Leben und aktuell sieht es so aus, als könnte sie noch ein paar Jahrzehnte da sein." Zwar zeigten Satellitenbilder einen Verlust von Material im Süden, gleichzeitig werde dieses im Norden aber wieder angelagert.

Garvin vergleicht die Geburt der Insel mit der von Surtsey vor der Küste von Island im Jahr 1963. Auch die existiert bis heute.

Immer wieder einmal kommt auch zu den gut 170 Inseln Tongas eine hinzu, wenn ein Unterwasservulkan ausbricht. So war zuletzt in den Jahren 1984 und 2006 eine kleine Insel namens Home Reef aus dem Ozean aufgetaucht. Inzwischen gilt sie als wieder verschwunden.

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Vulkanismus: Neues Eiland in der Südsee

Ein anderes Eiland, Metis Shoal, entstanden unter anderem in den Jahren 1851 und 1995, ist ebenfalls längst wieder vom Wasser überspült. Auch im Fall der neuen, ganz in der Nähe gelegenen Insel hatten Forscher geargwöhnt, diese werde nach dem Abreißen des Magma-Nachschubs aus dem Untergrund schnell wieder in den Fluten verschwinden. Sie bestehe einfach aus zu weichem Material. Doch HTHH ist offenbar gekommen, um zu bleiben.

Im März 2015 betraten die ersten Besucher die Insel - ein Team um den in Italien geborenen, aber seit vielen Jahren auf Tonga lebenden Künstler GP Orbassano. Sie berichteten von beißendem Schwefelgeruch, einem grünlich schimmernden See im Vulkanschlot - und Seevögeln, die ihre Eier auf das blanke Gestein legten. Seit dem waren mehrere Expeditionen auf Hunga-Tonga-Hunga-Ha'apai. Sie bemerkten, dass inzwischen sogar Pflanzen wachsen - wohl weil sich Samen in den Exkrementen der Vögel fanden.

In der Mitte einer riesigen Caldera

Verantwortlich für die Entstehung der Insel sei ein mächtiger Unterwasservulkan, der sich rund anderthalb Kilometer vom Ozeangrund erhebt, beschreibt Vicki Ferrini von der Columbia University in Palisades (US-Bundesstaat New York). Sie war an Bord des Forschungsschiffes "Falkor", von dem aus der Seeboden in der Region vermessen wurde.

Hunga-Tonga-Hunga-Ha'apai befinde sich in der riesigen Caldera dieses Vulkans. Solche kesselförmigen Strukturen entstehen typischerweise beim Zusammenbruch von Magmakammern oder durch explosive Vulkanausbrüche. Die Caldera von Tonga habe einen Durchmesser von etwa fünf Kilometern und sei sehr flach, beschreibt Ferrini. Und diese besondere Lage helfe der Insel wohl auch, sich einstweilen vor dem Verschwinden zu retten - weil ihre Flanken so offenbar den Wellen besser trotzen können.

Forscher um den neuseeländischen Vulkanologen Shane Cronin hatten im Sommer im Magazin "EoS" gemutmaßt, eine mächtige frühere Eruption habe dafür gesorgt, dass der riesige Unterwasservulkan, in dessen Caldera die neue Insel liegt, heute nicht mehr zu sehen ist. Womöglich habe es sich um einen gigantischen Ausbruch im Jahr 1108 gehandelt, der zu einer weltweiten Abkühlung um ein Grad geführt haben soll.

Bis zu 30 Jahre Lebenszeit vorhergesagt

Dan Slayback vom Goddard Space Flight Center der Nasa hat die neue Insel auf Satellitenbildern vermessen. "Die gesamte Landfläche ist verblüffend gleichbleibend", lautet sein Fazit der letzten 30 Monate. Das Volumen des Materials nehme immerhin ab - aber sehr langsam. Er gehe daher aktuell von einer Lebenszeit von bis zu 30 Jahren aus.

Doch was hat die Sache nun mit dem Mars zu tun? Nun, sagt Jim Garvin, der "Mars Reconaissance Orbiter" habe an verschiedenen Orten des Roten Planeten riesige Felder kleiner Vulkane gefunden. "Es gibt Tausende davon an den verschiedensten Orten." Und diese sähen Hunga-Tonga-Hunga-Ha'apai verblüffend ähnlich. Er gehe deswegen davon aus, dass die Formationen bei Vulkanausbrüchen in vergleichsweise flachem Wasser entstanden seien, das es vor Milliarden von Jahren auf dem Mars in großen Mengen gegeben haben dürfte.

Wie tief dieses Wasser gewesen sei, könne man womöglich mithilfe eines Vergleichs herausbekommen: "Wenn wir die Lebensstadien einer Vulkaninsel auf der Erde mit Satelliten studieren, können wir wichtige Erkenntnisse für den Mars sammeln", sagt Garvin. Die Entwicklung des wellenumtosten Südsee-Eilandes laufe im Vergleich zum Roten Planeten im Zeitraffer ab.

Und da sei noch etwas, sagt Garvin: Die nasse Umgebung, kombiniert mit der Wärme der vulkanischen Aktivität sei eine ideale Umgebung für die Entstehung von Leben. Im Vulkangestein von Surtsey habe man Spuren von Mikroorganismen gefunden, womöglich finde sich so etwas auch im Material aus Tonga. Und auch auf dem Mars seien die kleinen Vulkane ein attraktives Ziel für Robotermissionen auf der Suche nach Leben.



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