Top Ten der Umweltverpestung Wie die Welt vergiftet wird

Goldabbau, Batterie-Recycling, Gewässer voller Dreck und Gift: Naturschützer verraten in einer neuen Rangliste die schlimmsten Umweltverpester der Welt. Viele Ergebnisse überraschen - eines des größten Gesundheitsprobleme sind offene Feuer in Slum-Baracken.

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Zürich - Diese Top Ten sind keine Hitliste. Sie sind ein Armutszeugnis.

Die Umweltorganisation Green Cross Schweiz und das Blacksmith Institute aus den USA haben die zehn schlimmsten Umweltschweinereien der Welt gekürt - ein Ranking, das den Fokus auf viele naturschädliche Praktiken und Probleme lenken soll, die in der öffentlichen Debatte über Klimaschutz & Co. oft untergehen.

Goldabbau, verseuchtes Oberflächen- und Grundwasser belegen die ersten Ränge. Dann folgen Luftschadstoffe in Innenräumen, städtische Luftverschmutzung, ungeklärte Abwässer - SPIEGEL ONLINE dokumentiert die Liste:

Aus der Studie kann man viele interessante Schlüsse ziehen - zum Beispiel, dass die wichtigste Ursache für Gebäudeluftgifte in Entwicklungsländern die Verbrennung von Kohle und anderer Biomasse sind. Nämlich zum Essenmachen, Heizen oder zur Beleuchtung. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung kocht mit offenem Feuer in ungenügend belüfteten Räumen, genauer: 80 Prozent aller Haushalte in China, Indien und im südlichen Afrika. Dies verursacht den Angaben zufolge weltweit jährlich rund drei Millionen Todesfälle und ist für vier Prozent der weltweiten Krankheitsfälle verantwortlich.

"Wir wollen die Öffentlichkeit auf die schwerwiegenden Folgen von Umweltgiften auf die menschliche Gesundheit aufmerksam machen und die internationale Gemeinschaft zum Handeln auffordern", sagte Richard Fuller, Gründer des Blacksmith Institute. Nathalie Gysi, Geschäftsleiterin von Green Cross Schweiz: "Saubere Luft, Gewässer und Böden sind ein Menschenrecht."

Reiche Länder sind teilweise verantwortlich

Selbst konservative Schätzungen gingen davon aus, dass Umweltfaktoren für 25 Prozent der Todesfälle in Entwicklungsländern verantwortlich sind, bilanzieren die beiden Umweltorganisationen. Sie kritisieren, dass vor allem Schadstoffprobleme angesichts ihrer enormen Folgen in der öffentlichen Debatte oft übersehen werden.

So seien von der hochgiftigen Quecksilber-Amalgamierung, die beim Goldabbau zum Einsatz kommt, bis zu 15 Millionen Minenarbeiter betroffen, darunter 4,5 Millionen Frauen und 600.000 Kinder. Ein ernsthaftes Problem ist dem Bericht zufolge auch das Recycling von Bleibatterien. Die gestiegenen Preise für wiederaufgearbeitetes Blei trügen direkt zum Wachstum eines illegalen Marktes bei - in dem erst recht schlechte Standards gelten.

"In unserem Teil der Welt sind diese Probleme größtenteils gelöst", sagt Fuller. Dennoch seien die reichen Länder teilweise verantwortlich für die Verschmutzung der ärmeren Länder: weil sie viele der Rohmaterialien und Güter kauften, die den Abfall verursachten. "Wir haben unsere Industrien in diese Länder exportiert, und bislang gibt es dort keine Kontrolle der Umweltverschmutzung - oder falls doch, dann völlig unzureichend."

Die im Bericht aufgeführten Umweltgifte haben den Autoren zufolge weltweit einen signifikanten Einfluss auf die menschliche Gesundheit. Sie lösen chronische Erkrankungen und neurologische Schäden bei Millionen Menschen aus, führen zum Tod - und vor allem Kinder haben darunter zu leiden: Sie sind viel empfindlicher für Umweltgifte, die unter anderem bei der Herstellung von Exportgütern für die Industrienationen entstehen.

Manche Probleme sind allerdings auch hausgemacht. In Entwicklungs- und Schwellenländern mit hohem Wirtschaftswachstum wie China und Indien werden viele Produkte, die Umweltzerstörung nach sich ziehen, nicht exportiert - sondern im eigenen Land verwendet.

Gifte reisen um die Welt

Die Umweltschützer nehmen die Industriestaaten in die Pflicht, beim Eindämmen des Problems in den Entwicklungsländern mitzuhelfen, schon aus Eigeninteresse. Denn die Gifte verbreiten sich durchaus auch global: "Quecksilber aus dem Goldabbau kann sich in dem Thunfisch wiederfinden, den wir essen und mit dem unsere Kinder vergiftet werden", sagt Fuller.

Zusätzlich zur Top-Ten-Liste enthält der Bericht unter dem Namen "Toxic Twenty" auch eine erweiterte Liste mit 20 Umweltthemen. Diese beleuchtet eine Vielzahl von Problemen wie die Verschmutzungsprozesse bei der Förderung von Erdöl.

Das Ranking basiert auf Kriterien, die eine internationale Gruppe von Umwelt- und Gesundheitsexperten aufgestellt hat. Zu den drei Hauptkriterien für die Beurteilung zählen: die Giftigkeit des Schadstoffs, der Vergiftungsweg und die Zahl der weltweit gefährdeten Menschen.

Das Blacksmith Institute befasst sich weltweit mit der Bestandsaufnahme gefährlich verschmutzter Orte und der Einleitung von Sanierungsmaßnahmen in Entwicklungsländern. So veröffentlichte es im Jahr 2006 und 2007 schon die Top Ten der schmutzigsten Orte der Welt. Green Cross Schweiz setzt sich für die Beseitigung der Folgeschäden aus Industrie- und Militärkatastrophen und der Altlasten aus dem Kalten Krieg ein. Green Cross International mit Sitz in Genf wurde 1993 von Michail Gorbatschow gegründet, dem ehemaligen Staatschef der Sowjetunion. Die Organisation besteht aus einem weltweiten Netz von 30 Tochterorganisationen.

mit Material von AP und Reuters



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