Tornado in Oklahoma Der Tod kam mit 300 Stundenkilometern

Dutzende Tote, eine kilometerlange Spur der Zerstörung - der Tornado von Oklahoma dürfte als einer der stärksten Wirbelstürme in die US-Geschichte eingehen. Warum war er so gefährlich?

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Hamburg - 80 Pferde betreute Lando Hite auf seiner Farm in Moore im US-Bundesstaat Oklahoma. Nun hat der Tornado seine Heimat zerstört. "Die Pferde flogen durch die Luft", sagte Hite dem TV-Sender KFOR. Ein Tier sei ihm geblieben. Sein Haus habe der Sturm bis auf das Fundament zerstört.

Die Katastrophe begann am Montag um 21.56 Uhr deutscher Zeit. Aus einer dunklen Gewitterwolke hatte sich Minuten zuvor ein mächtiger schwarzer Schlauch gebildet. Der etwa anderthalb Kilometer breite Wirbel zog gemächlich wie ein Fahrradfahrer mitten durch Moore, einer Vorstadt der Metropole Oklahoma City - doch sein Wirbel hatte zerstörerisches Tempo.

Die Trümmerwolke, die sich bildete, war deutlich größer als der Sturm selbst: "Wir waren starr vor Entsetzen", berichtet Helikopterpilot Jon Welsh, der während des Sturms Luftaufnahmen machte. "Die Wolke mit Trümmerteilen war etwa sechs Kilometer breit. Dieser Sturm fraß und zermalmte die Stadt."

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Wirbelsturm in USA: Die Folgen des Tornados
Binnen 40 Minuten schlug der Tornado eine mehr als 30 Kilometer lange Narbe in die Landschaft. Dutzende Menschen starben, die meisten wohl durch Trümmer, die wie Geschosse herumflogen. Auch eine Grundschule wurde zerstört, ersten Angaben zufolge kamen 20 Kinder ums Leben.

Der Sturm zertrümmerte Häuser, Autos und Stromleitungen. Handy-Videos zeigen, wie der Tornado alles aufsaugt und Gebäude und Traktoren umherschleudert wie Spielzeug. "Hier sieht es aus wie in einem Kriegsgebiet. Mein Ford Pick-up ist weg, ich habe keine Ahnung, wo er sein könnte. Vielleicht zwei Straßen weiter", sagte Melissa Burton lokalen Medien.

Warnung 16 Minuten im Voraus

Klar ist: Die Ausmaße sind kaum zu fassen. Selbst 160 Kilometer entfernt regnete es eine Stunde später Trümmer, die der Tornado in Moore losgerissen hatte, berichtet der Nationale Wetterdienst NOAA. Der Tornado habe mit mindestens 180 km/h gewirbelt, möglicherweise sogar stärker als 300 km/h. Bei Tornados ähnlicher Stärke wurden in der Vergangenheit Grashalme gefunden, die wie Igelstacheln in Holzwänden steckten. Die Gräser konnten nicht abknicken, weil ihre Auftreffgeschwindigkeit so hoch war. Anhand des Ausmaßes der Zerstörungen werden Meteorologen die Stärke des Sturms von Moore in den kommenden Tagen genauer einordnen - doch das ist nur ein wissenschaftliches Detail.

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Grafiken: So wütete der Tornado

Von konkreter Bedeutung hingegen war die Warnung der Experten: 16 Minuten, bevor der Wirbel am Montagabend den Boden berührte, gab der Wetterdienst Alarm für die Umgebung von Moore. Sirenenalarm wurde ausgelöst, Radio und Polizei riefen dazu auf, Schutz zu suchen. Zeit zur Flucht mit dem Auto oder für den Weg in einen betonierten Schutzraum wäre also gewesen. Doch viele haben von der Warnung anscheinend nicht erfahren. Manche hatten auch keinen Schutzraum in ihrer Nähe, oder sie konnten kein Auto nehmen.

Tagelang hatten Meteorologen für die Region bereits gefährliches Wetter angesagt - Tornado-Witterung war aufgezogen. Vom Golf von Mexiko strömte tropisch warme Luft heran, sie ist die perfekte Zutat für die Tornado-Entstehung: Trifft die Meeresluft über den USA auf kühlen Westwind, steht das Rezept für schwere Unwetter bereit. Die warme Luft steigt auf, kondensiert in kühler Höhe zu Regentropfen und bildet riesige ambossförmige Gewitterwolken.

Das Tornado-Rezept von Oklahoma

Gigantische Mengen Wasserdampf steigen dabei aufgrund ihrer Wärme in die Höhe. Die Wolkenbildung setzt zusätzlich Energie frei, die den Luftaufstieg weiter antreibt. Manche Gewitter gewinnen eine Eigendynamik, sie schälen sich als sogenannte Superzellen aus der Wetterfront heraus und beginnen sich langsam um ihre Achse zu drehen.

Entscheidende Kraft ist der Höhenwind: Kommt er aus anderer Richtung als die Luftströmung in Bodennähe, gerät die aufströmende Luft verstärkt ins Wirbeln. Wie dunkle Geschwüre wachsen Wolken aus der Gewitterfront nach unten - ein Alarmsignal. Schon Momente später kann das Wolkengeschwulst zu dem gefürchteten Schlauch werden - sobald er Bodenkontakt hat, ist ein Tornado geboren.

Im Zentrum eines Tornados entsteht ein Unterdruck, die Luft steigt rapide auf. Der Luftdruck fällt, wenn ein Tornado vorüberzieht, innerhalb von Sekunden um 100 bis 200 Millibar. Erde und Staub werden angesogen und färben den Schlauch dreckig braun. Manche Menschen, die dort hineingerieten, kamen sogar heil wieder heraus: Sie hatten das Glück, im dämpfenden Aufwind herunterzugleiten.

Doch warum konnte der Sturm von Oklahoma so verheerend wirken? Anfang dieser Woche herrschten ideale Bedingungen für die Geburt von Tornados: Der Temperaturunterschied zwischen der warmen Meeresbrise und der kühlen Höhenluft war besonders groß, so dass viele heftige Gewitter entstanden. Weil reichlich warme Luft aus Süden nachströmte und der Wind in der Höhe für Wirbel sorgte, konnten sich starke Tornados bilden.

Nichts gelernt aus dem letzten Desaster?

Derzeit ist Tornado-Saison in den USA: Die meisten Wirbel entstehen von April bis Juni entlang der sogenannten Tornado-Allee im Zentrum des Landes. Im Westen der Tornado-Allee blockieren die Rocky Mountains die Luftströmungen, im Osten die Appalachen. Wie so oft waren die meisten Tornados nun zusammen mit den Unwetterfronten von Süden nach Norden gezogen - es ist eine übliche Tornado-Spur.

Jährlich ziehen etwa 1200 der Wirbelstürme durch die USA, am stärksten gefährdet ist die nun wieder betroffene Region um Oklahoma. Die Stürme - sie werden auch ehrfürchtig "Finger Gottes" genannt - kündigen sich mit monströsen Geräuschen bereits von weitem an: "Es war, als führe ein Güterzug durch unser Haus", sagte Anwohnerin Melissa Burton nun lokalen Medien.

"Da war auf einmal ein unfassbar lautes Grollen, und der Boden fing an zu beben", erzählt James Dock aus Moore, der gerade im Kino war, dessen Betonwände dem Sturm standhielten. Ricky Stover hingegen war in seinen Keller geflüchtet: "Als wir sahen, dass es losgeht, haben wir die Kellertür abgeschlossen", berichtete er der BBC. "Draußen wurde es lauter und lauter - und plötzlich riss sich der Riegel los. Die Tür flog auf, und Glas und Trümmerteile knallten auf uns runter. Um ehrlich zu sein: Wir dachten, wir wären tot."

Die Größe des Tornados schockiert. Selbst Tornados von mehreren hundert Metern Breite sind selten; der Wirbel von Moore gehört daher zu den größten. Die scharfe Begrenzung der Tornados soll Berichten zufolge bei früheren Tornados dazu geführt haben, dass Häuser weggerissen wurden, während Kerzen im Garten weiter brannten. Das Monstrum von Moore hat sein Pendant ausgerechnet im selben Ort: Im Mai 1999 wirbelte ein ähnlicher Riesentornado durch Moore, mit der Rekordgeschwindigkeit von 486 km/h. 48 Menschen starben damals, der Sachschaden überschritt eine Milliarde Dollar.

Inspektionen von Ingenieuren drei Jahre nach der Katastrophe hatten Schlimmes befürchten lassen: Die wiederaufgebauten Häuser seien meist nicht stabiler als jene, die 1999 vom Tornado umgeweht worden waren, heißt es in einem Prüfbericht von 2002. Die Katastrophe vom Montagabend hat die Diagnose auf grausame Weise bestätigt.

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Seite 1
alextherocker 21.05.2013
1.
Ein Tornado der stärksten Kategorie beginnt erst deutlich höher. Anders als bei Hurricanes wo die Zahl stimmen würde, besser recherchiern bitte!
Tom Joad 21.05.2013
2. "Der Tod kam mit 300 Stundenkilometern"
Grundgütiger! Es heißt "Kilometer pro Stunde" (km/h) und nicht "Stundenkilometer" (h*km), mir wurde das schon in der Grundschule beigebracht.
Kawee 21.05.2013
3. Vo.
Zitat von alextherockerEin Tornado der stärksten Kategorie beginnt erst deutlich höher. Anders als bei Hurricanes wo die Zahl stimmen würde, besser recherchiern bitte!
Trotzdem hat bei 300 Kmh eine Zaunlatte die Durchschlagskraft einer Pistolenkugel. Ist mir unverständlich, warum man dagegen in diesen Breitengraden keine Schutzräume zur Pflicht macht.
reifenexperte 21.05.2013
4. Wir in Deutschland
sind ja so viel klüger! Deshalb bauen wir auch keine Häuser in die Überflutungsgebiete unserer Flüsse.
hauketimm 21.05.2013
5. Schutzkeller?
Ist in den Bauvorschriften Kein Schutzkeller vorgeschrieben oder ein panic room aus Beton. Merkwürdig, dass die Amis 2 mio Schadensersatz für eine Katze in der Mikrowelle durch sitzen können, aber offensichtlich keine ausreichenden Bauregelwerke.
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