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29. September 2005, 10:31 Uhr

Treibhausgas im Wasser

CO2 wird die Meere entvölkern

Die Meere dieser Welt werden saurer, weil die Kohlendioxidkonzentration im Wasser zunimmt. Für viele Organismen könnte das ein Todesurteil sein. Der Prozess, der marine Ökosysteme zerstören könnte, wird schon in Jahrzehnten sichtbare Folgen haben, berichten Forscher.

Korallen, Fische: CO2 zerstört Ökosystem
AP

Korallen, Fische: CO2 zerstört Ökosystem

Kohlendioxid steigt nicht nur aus Fabrikschloten und Auspuffrohren auf und vermischt sich mit der Luft - es löst sich auch in den Ozeanen dieser Erde. Das Wasser der Weltmeere wird damit zunehmend weniger alkalisch - es bewegt sich gewissermaßen Richtung Säure. Dieses sauerwerdende Wasser bedroht die Ökosysteme, die unter der Meeresoberfläche liegen.

James Orr vom französichen Laboratoire des Sciences du Climat et de l'Environnement in Gif-sur-Yvette berichtet gemeinsam mit Kollegen in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins "Nature" (Bd. 473, S. 681), dass dieser Prozess deutlich schneller abläuft, als man bislang angenommen hatte. Für viele Meeresbewohner könnte der sinkende pH-Wert binnen Jahrzehnten das Ende bedeuten.

Orr und sein Team simulierten, wie sich die Konzentration von Karbonat-Ionen in den Ozeanen im Verlauf des nächsten Jahrhunderts verändern wird. Viele Meerestiere, etwa Korallen und Seeschnecken, brauchen diese Ionen, um ihre kalkhaltigen Schalen und Exoskelette zu bilden. Schon im Jahr 2100, berichten die Forscher, könnte dies in den südlichen Ozeanen der Erde und dem subarktische Pazifik unmöglich geworden sein. Bereits im Jahr 2050 werde die Konzentration des wichtigen Stoffes dramatisch abgenommen haben.

Ursache ist eine chemische Reaktion. Kohlendioxid reagiert mit Karbonat-Ionen und Wasser. Das Reaktionsprodukt sind Hydrogenkarbonat-Ionen - dadurch sinkt die Karbonat-Konzentration.

Ohne Plankton verhungern Wale und Fische

Die Wissenschaftler probierten ihre prognostizierten Ionenkonzentrationen an einer bestimmten Art von Wasserschnecke aus. Innerhalb von 48 Stunden begann sich die Schale des Tieres aufzulösen. Der Untergang der Schnecke und ähnlicher Lebewesen würde weitreichende Folgen haben, denn etwa Wale und Fische ernähren sich von den Tieren. Absterbende Korallenriffe würden viele Fischarten ihrer Heimat berauben und so weltweit Ökosysteme zerstören.

Diese Bedingungen, warnen die Forscher, könnten sich nach ihren Berechnungen "in Jahrzehnten, nicht wie bisher angenommen, Jahrhunderten entwickeln". Erst kürzlich hatte ein Forschungsbericht der britischen Royal Society vor den Folgen dieses unumkehrbaren Prozesses gewarnt.

Das französische Forscherteam legte bei seiner Simulation einen in etwa dem heutigen entsprechenden CO2-Ausstoß zugrunde. In Wahrheit aber steigt der weltweite Ausstoß des Treibhausgases weiter an. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung berichtet, allein seit dem Jahr 2003 sei die emittierte Menge um 4,5 Prozent gestiegen. "In fast allen Ländern" sei der CO2-Ausstoß "kräftig gestiegen", in den OECD-Staaten beispielsweise seit 1990 um 16 Prozent. Allein in China betrug der Zuwachs den Schätzungen zufolge 15 Prozent. Deutschland hat seine Emissionen demnach dagegen gesenkt, seit 1990 um etwa 19 Prozent.

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