Treibhausgas Methan vor Helgoland ausgetreten

Etwa 400.000 Methan-Krater haben Forscher in der Deutschen Bucht entdeckt. Daraus sind große Mengen des klimaschädlichen Gases entwichen - ein bisher übersehener Beitrag zur Erderwärmung.

DPA

"Wir waren überrascht, als wir plötzlich eine Kraterlandschaft gesehen haben, wo sonst nur ebene Sandfläche war", sagt Knut Krämer von der Universität Bremen. Pro Quadratkilometer habe man im Durchschnitt 450 Krater gezählt, hochgerechnet auf die Gesamtfläche seien das mehr als 400.000.

Die Wissenschaftler vom Zentrum für Marine Umweltwissenschaften (Marum) hatten den Meeresboden vor Helgoland untersucht. Aus den im Schnitt 140 Quadratmeter großen Kratern sei klimaschädliches Methangas entwichen. Es handle sich um den ersten Fund dieser Art im Gebiet Helgoland-Riff.

In der im Fachblatt "Scientific Reports" veröffentlichten Studie schreiben die Forscher, dass bei der Kraterbildung rund 6,9 Millionen Kubikmeter Sediment umgelagert worden seien, was in etwa 12 Millionen Tonnen Sand entspräche.

Wegen der erhöhten Methankonzentrationen im Sediment wurden die Krater als sogenannte Pockmarks (Pockennarben) identifiziert. Das sind charakteristische Krater am Gewässerboden, die beim Austritt von Flüssigkeiten oder Gasen aus dem Untergrund entstehen.

Etwa 5000 Tonnen Methan entwichen

Die küstennahen Gebiete sind reich an organischem Material, aus dem sich durch bakterielle Zersetzung Methan bildet. Dieses könne sich im Meeresgrund unter undurchlässigen Schichten sammeln. Gelangt Methan in die Erdatmosphäre, wirkt es dort als Treibhausgas etwa 25-mal stärker als Kohlenstoffdioxid (CO2).

Welche Menge an Methan im Helgoland-Riff freigesetzt wurde, lasse sich nur schätzen, heißt es weiter. Die Forscher gehen davon aus, das es zumindest 5000 Tonnen waren. "Das entspricht etwa zwei Dritteln des bisher angenommenen jährlichen Ausstoßes der gesamten Nordsee", sagt Krämer. Die nun geschätzte Menge entspreche 0,5 Prozent des jährlichen vom Menschen verursachten Methanausstoßes Deutschlands.

Die Forscher vermuten, dass die Krater durch Druckschwankungen am Meeresboden entstanden sind. Diese seien durch bis zu sieben Meter hohe Sturmwellen ausgelöst worden und hätten wie eine Pumpe auf das gespeicherte Gas gewirkt. "Die Häufigkeit der auslösenden Sturmwellen legt nahe, dass es sich dabei um ein wiederkehrendes Phänomen handeln könnte", sagt Krämer.

Krater verschwinden schnell wieder

Es sei davon auszugehen, dass sich küstennahe Gebiete mit reichen Methanvorkommen weltweit in einem ähnlich labilen Zustand befänden. Ein wichtiger Beitrag zum globalen Methanhaushalt aus hoch dynamischen Küstenregionen sei daher möglicherweise bisher übersehen worden, heißt es.

In dem Gebiet Helgoland-Riff, das sich etwa 45 Kilometer nordwestlich der deutschen Hochseeinsel befindet, sei in den vergangenen Jahren bis Juli 2015 ein weitgehend flacher Meeresboden vorgefunden worden. Als das Areal im November 2015 erneut kartiert wurde, sei der Meeresboden mit Vertiefungen von der Größe eines Tennisplatzes übersät gewesen.

Ausfahrten mit dem Forschungsschiff "Heincke" im August und September 2016 hätten gezeigt, dass sich die rund 400.000 Krater über eine Fläche von rund 915 Quadratkilometern erstreckten. Das Gebiet ist damit mehr als doppelt so groß wie das Bundesland Bremen. Solche Krater seien bisher sehr selten beobachtet worden. Unter dem Einfluss von Tideströmungen und Wellen würden sie in flachen Küstengewässern mit sandigem Boden schnell verschwinden, berichten die Forscher weiter.

brt

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