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Treibhausgas-Reduktion: USA bremsen Kopenhagener Klimaziele aus

Scheitert die Klimakonferenz in Kopenhagen schon bevor sie begonnen hat? Vor allem in den USA mehren sich die Vorbehalte gegen allzu ambitionierte CO2-Ziele. EU-Diplomaten fürchten bereits, dass der Gipfel im Dezember zur Farce geraten könnte.

Klimaschutz: Diplomatisches Gezerre um Prozente Fotos
AFP

Hamburg - Meint es die Regierung Obama mit dem Klimaschutz wirklich ernst? Diese Fragen stellt sich derzeit mancher der Diplomaten, die an den Vorverhandlungen für ein Kyoto-Nachfolgeabkommen teilnehmen. Im Dezember soll dies in Kopenhagen abgeschlossen werden. Erklärtes Ziel ist, den Temperaturanstieg infolge des Klimawandels auf zwei Grad Celsius zu beschränken.

Der amerikanische Energieminister Steven Chu hat nun in Wien erreichbare und durchsetzbare Zielmarken bei der Begrenzung des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) gefordert. Eine Reduzierung des CO2-Ausstoßes um 30 oder gar 40 Prozent sei für die USA bis 2020 wahrscheinlich zu ambitioniert, sagte Chu am Dienstag und warnte, der US-Senat würde eine solche Zielmarke ablehnen.

Entwicklungsländer fordern von den Industrienationen, ihre Emissionen bis 2020 um 25 bis 40 Prozent unterhalb des Niveaus von 1990 zu senken, um die schlimmsten Folgen des Klimawandels abzuwenden. Bislang haben sich die USA jedoch lediglich darauf festgelegt, ihre Emissionen bis 2020 auf das Niveau von 1990 zu begrenzen. Im Vergleich zu 2007 wäre dies eine Reduzierung um 14 Prozent.

Mit gutem Beispiel vorangehen?

Chu verwies darauf, dass die meisten im Kyoto-Abkommen gesteckten Ziele nicht eingehalten worden seien. Deshalb sei es nun besonders wichtig, realistische Marken festzuschreiben. Die Industrienationen sollten mit gutem Beispiel vorangehen und dem Rest der Welt beweisen, dass eine Reduktion um 20 bis 30 Prozent allein durch einen sparsameren Umgang mit Energie möglich ist, forderte der US-Minister.

Chus Äußerungen verblüffen Beobachter nur wenig. Der Nobelpreisträger galt anfangs als große Hoffnung im Obama-Team und symbolisierte einen Neuanfang in der amerikanischen Klimapolitik. Längst hat den Physiker jedoch die harte politische Realität eingeholt. Das anfangs durchaus ambitionierte Klimaschutzgesetz für die USA wurde vom Energieausschuss des Repräsentantenhauses abgeschwächt.

Schon im Mai, lange bevor das Gesetz beschlossen wurde, hatte sich Chu äußerst pessimistisch dazu geäußert. Die ehrgeizigen Ziele könnten in Verhandlungen mit Parlament und Industrie aufgerieben werden, erklärte er und lag damit durchaus richtig.

Nun baut Chu mit seinen Warnungen vor zu hohen Reduktionszielen offenbar schon mal vor, falls bei den Verhandlungen in Kopenhagen nur ein lauer Kompromiss herauskommt. Genau dies befürchten offenbar auch Diplomaten mehrerer europäischer Länder. Der britische "Guardian" will sogar erfahren haben, das die bereits laufenden Gespräche mit den US-Vertretern festgefahren sind. Es gebe erhebliche Differenzen darüber, wie der Kopenhagener Klimaschutzvertrag aussehen soll, berichtete das Blatt und berief sich auf Quellen, die dem EU-Verhandlungsteam nahe stehen.

Fokus China

Wissenschaftler wie Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung haben bereits mehrfach davor gewarnt, sich zu niedrige CO2-Reduktionsziele zu setzen. Der Berater der Bundesregierung hält ein Minus von 25 bis 40 Prozent gegenüber 1990, das im Augenblick bei den Uno-Klimaverhandlungen für die Industrieländer gehandelt wird, für nicht ehrgeizig genug. Das Zwei-Grad-Ziel sei so kaum zu schaffen, erklärte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Deutschland, das bis 2020 minus 40 Prozent CO2 gegenüber 1990 anpeilt, müsste nach Schellnhubers Angaben eigentlich 60 Prozent anvisieren.

Die wohl entscheidende Rolle in der Zukunft des Weltklimas werden allerdings eher nicht die USA, sondern rasant wachsende Länder wie China und Indien spielen. China ist schon heute der weltgrößte CO2-Produzent und hat konkrete Klimaschutzziele lange Zeit abgelehnt. Doch das scheint sich langsam zu ändern. So hat eine staatliche chinesische Denkfabrik ein Konzept vorgelegt, das ab dem Jahr 2030 einen sinkenden CO2-Aussoß des Landes vorsieht.

Präsident Hu Jintao will in Kürze auf internationalen Parkett die Strategie seines Landes zur Bekämpfung des Klimawandels präsentieren. Dies kündigte Chinas oberster Klimapolitiker Xie Zhenhua am Dienstag an. Hu reist in der kommenden Woche zur Uno-Vollversammlung und zum G-20-Gipfel in Pittsburgh, eine wichtige Rede sei zu erwarten.

Einer neuen Studie zufolge kann China seinen Ausstoß an Treibhausgasen nur mit Investitionen von Hunderten Milliarden Euro langfristig senken. Dazu sei das Land auf erhebliche Unterstützung der Industriestaaten angewiesen, heißt es in einer am Mittwoch veröffentlichten Untersuchung des Energieforschungsinstituts in Peking, das die chinesische Regierung in der Klimapolitik berät. Mit genug Geld und den entsprechenden Strategien könnten Chinas Emissionen zwischen den Jahren 2030 und 2035 ihren Höhepunkt erreichen und danach bis 2050 auf das Niveau von 2005 zurückgehen.

Hilfe könnte China unter anderem aus Japan bekommen. Die neue Regierung des Landes hat erst vor wenigen Tagen eine Trendwende im Klimaschutz verkündet. Die CO2-Emissionen sollen um 25 statt um 8 Prozent sinken. Zudem möchte Japan Entwicklungsländern mit Technologie beim Klimaschutz helfen.

hda/Reuters

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Geo-Engineering
Pro und Contra
Wenn der Klimawandel dramatische Ausnahmen anzunehmen droht, bleibt als letzte Option wohl nur Geo-Engineering, sagen viele Forscher. Entweder man verringert die Sonneneinstrahlung auf der Erde, etwa durch Wolken oder Aerosole. Oder man filtert massenhaft CO2 aus der Atmosphäre und lässt es unter der Erde oder im Meer verschwinden. Doch so gut das auch klingt, Geo-Engineering ist umstritten.

Die einen warnen vor den Risiken und Nebenwirkungen menschlicher Eingriffe, die nur wenig erforscht sind. Die anderen fürchten, Geo-Engineering könnte die Menschheit dazu verleiten, andere Maßnahmen zum Klimaschutz gleich ganz bleiben zu lassen. Möglicherweise lässt sich mit den Eingriffen aber Zeit gewinnen. Geo-Engineering könnte für 10 oder 20 Jahre helfen, den Klimawandel zu bremsen. Um die eigentliche Aufgabe, den CO2-Ausstoß drastisch zu reduzieren, wird die Menschheit jedoch nicht herumkommen.
Mit Aeorosolen das Sonnenlicht dimmen
USGS / Cascades Volcano Observatory
Der Nobelpreisträger Paul Crutzen hat im Jahr 2006 eine Art Giftkur fürs Weltklima vorgeschlagen: Feinste Schwefelpartikel, ausgebracht in 10 bis 50 Kilometer Höhe, sollen das Sonnenlicht dämpfen. Um ein paar Prozent nur, aber das würde reichen, damit die Temperatur auf der Erde bis zum Ende des Jahrhunderts nur um zwei bis zweieinhalb Grad ansteigt.

Dass das Verfahren funktioniert, zeigte sich 1991 beim Ausbruch des Vulkans Pinatubo auf den Philippinen. Mehr als 20 Kilometer hoch wurde damals die Aschewolke geschleudert. Schwefeldioxide oxidierten zu genau jenen kleinen Schwefelsäure-Tröpfchen, die Crutzen nutzen will. Der Himmel verdunkelte sich ein ganz kleines bisschen, die Temperatur sank weltweit um 0,5 Grad. Atmosphärenforscher wissen inzwischen, dass der Schwefel die Ozonschicht stark schädigen könnte und denken deshalb über andere Aerosole nach. Der Charme der Methode ist aber, dass sie vergleichsweise billig umzusetzen ist. Ein US-Forscher hat ausgerechnet, dass Militärjets die mit Abstand billigste Variante sind, um Schwefelpartikel in den Himmel zu transportieren.
Ozeane mit Eisen düngen
AWI
Seit Wissenschaftler wissen, dass Eisensulfat Plankton dazu bringt, deutlich mehr CO2 zu binden als normalerweise, gilt die Düngung der Ozeane als mögliches Klimaschutzprojekt. Damit das Verfahren tatsächlich klappt, muss das Phytoplankton nach dem Absterben zum Meeresboden sinken - und möglichst lange dort verbleiben. Forscher halten das massenweise Verschütten von Eisen in die Ozeane allerdings auch für ein riskantes Experiment: Es könnte marine Ökosysteme radikal verändern. Zudem ergaben mehrere Experimente, darunter auch von deutschen Forschern im Südmeer, dass durch eine Düngung viel weniger Treibhausgas Kohlendioxid gebunden wird als angenommen.
Sonnenschirme im All
UA Steward Observatory
Wie aus einem Science-Fiction-Roman klingt der Vorschlag, einen gigantischen Spiegel im Weltall zwischen Sonne und Erde zu positionieren, der wie ein Sonnenschirm wirkt. 1992 wurden die Kosten für ein solches Projekt grob geschätzt: Man kam auf über hundert Milliarden Dollar, um die Sonnenstrahlung um ein Prozent zu verringern. In dieser Größenordnung sollen auch die globalen Kosten des Klimawandels pro Jahr liegen. Der Spiegel müsste in etwa die Größe Manhattans haben. Von der Erde aus wäre der Spiegel praktisch nicht erkennbar, höchstens als kleiner dunkler Fleck auf der Sonne.

Die Idee wurde an der University of Arizona weiterentwickelt: Ein 100.000 Kilometer langen Schweif aus 16 Billionen Scheibchen soll im All schweben. Jedes Scheibchen soll aus transparentem Kunststoff bestehen, 60 Zentimeter groß und nur ein Gramm schwer sein. Der Effekt: Die Sonneneinstrahlung würde um 1,8 Prozent sinken.

Für die Idee eines wie auch immer aufgebauten Sonnenschirms im All spricht, dass er keine chemischen Eingriffe in die Atmosphäre erfordert, deren Folgen schwer abzusehen sind. Theoretisch ließe sich der kosmische Sonnenschutz auch wieder abbauen. Allerdings sind Klimaexperten skeptisch, ob die Idee wegen der enorm hohen Kosten praktikabel ist.
Die Wolken aufhellen
DPA
Hunderte Geisterschiffe sollen auf den Ozeane rund um die Uhr Meerwassertropfen in die Luft blasen, die Kondensationskeime bilden. Erhoffter Effekt: hellere Wolken, die mehr Sonnenstrahlung zurück ins All reflektieren und so abkühlend wirken. Die Idee besticht durch ihre verblüffend niedrigen Kosten: Nicht einmal hundert Millionen Euro pro Jahr soll die Flotte aus Roboterschiffen kosten, die ihre Energie aus dem Wind beziehen. Statt mit Segeln sollen die Boote mit sogenannten Flettner-Rotoren bestückt werden.
Künstliche Bäume (Air Capture)
Institution of Mechanical Engineers
In Kohlekraftwerken der Zukunft soll das klimaschädliche CO2 aufgefangen und unterirdisch gespeichert werden (Carbon Capture and Storage -: kurz CCS). Künstliche Bäume arbeiten im Prinzip genauso, nur dass sie das CO2 nicht aus Abgasen, sondern direkt aus der Atmosphäre herausfiltern (Air Capture). Das ist aufwendiger und auch deutlich teuerer als CCS. Doch mit Air Capture lässt sich auch schon vor Jahren emittiertes CO2 nachträglich wiedereinfangen, was mit CCS nicht möglich ist. Ein künstlicher Baum soll nach Angaben britischer Forscher etwa 20.000 Dollar kosten und könnte zehn Tonnen CO2 pro Tag absorbieren. In ganz Großbritannien müssten 100.000 derartige Bäume aufgestellt werden, um sämtliches CO2 aufzufangen, das vom Verkehr der Insel stammt.
Bäume anpflanzen, verbrennen, CO2 auffangen
DPA
CO2 aus der Luft holen - das beherrschen natürlich nicht nur teure Anlagen, sondern auch Wälder. Man müsste den in Holz einlagerten Kohlenstoff nur noch dauerhaft speichern - fertig wäre das natürliche Geo-Engineering. Forscher haben vorgeschlagen, das Holz nicht mit großem Aufwand zu lagern, sondern einfach zu verbrennen. Das dabei entstehende CO2 wird dann aufgefangen und unterirdisch gespeichert (CCS). Diese Geo-Engineering-Variante würde nicht nur analog zu Air Capture die CO2-Konzentration der Atmosphäre senken, sondern nebenbei auch Energie produzieren. Freilich gibt es auch beim gezielten Holzverbrennen Probleme. So könnten neu angepflanzte Wälder auf der Nordhalbkugel die Erdoberfläche zusätzlich verdunkeln. Folge: Es wird mehr Wärmestrahlung der Sonne absorbiert, die Temperaturen steigen.

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