Trischen in der Nordsee Die schnellste Insel der Welt

Eine deutsche Insel in der Nordsee beeindruckt Geologen: Trischen wandert mit geologischem Spitzentempo Richtung Festland.

Martin Stock/ LKN.SH

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Mit jeder Flut schwemmt die Nordsee zweimal am Tag Sand vor die deutsche Küste, örtlich wachsen Sandbänke über den Meeresspiegel. 18 Kilometer vor Büsum hatte sich vor gut 400 Jahren sogar eine Düne aus der Nordsee erhoben, sie wuchs schnell - und beeindruckt nun Geologen: die Insel Trischen.

Alle paar Jahre machen sie Luftaufnahmen des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer - und jedes Mal liegt die Insel woanders. Mit geologischem Spitzentempo von etwa drei Metern im Monat wandert Trischen nach Osten, Richtung Festland. Geologen nennen sie die schnellste Meeresinsel der Welt.

Vier Kilometer hat das rasende Eiland bereits zurückgelegt. Sofern es nicht schlappmacht, würde es in 400 Jahren aufs Festland treffen.

Dass Trischen bis dahin durchhält, ist nicht ausgemacht. Ihr Spurt hat die Insel bereits drei Viertel ihrer Fläche gekostet. Doch noch ist sie mit knapp zwei Quadratkilometern etwa so groß wie Helgoland.

Die Hochseeinsel Helgoland aber wurzelt auf Sandstein, Trischen hingegen hat keinen festen Kern, sie verlagert sich zehn Zentimeter pro Tag.

An den Rändern der unbewohnten Insel nagt das Meer. Jede Welle auf die Längsseite im Westen wirbelt Sand auf, sodass er sich an den Flanken der Insel Richtung Osten auf den Weg macht. Strömung treibt die Partikel an der sichelförmigen Insel entlang, an ihrer Nordflanke und ihrer Südflanke.

Westwind weht Sandkörner über die Insel. Im Windschatten eines Steinchens, einer Muschel, einer Pflanze oder eines Sandhaufens lagern sie sich ab - es wachsen Dünen, die größten sind auf Trischen drei Meter hoch. Der Wind treibt sie nach Osten. Trischen wandert.

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Fester Sand säumt nur die Küste von Trischen, dort überspült die Flut täglich die Insel, der Sand härtet im Wasser. Teppiche von Muschelschalen pflastern den Spülsaum, an dem bei Flut die Nordsee leckt - dahinter weißer Sand und Pflanzen.

Tausende Vögel nisten dort, und Hunderttausende Zugvögel nutzen Trischen als Rastplatz. Menschen dürfen die Insel nicht betreten, nur ein Vogelwart wohnt im Sommer auf Trischen. Er zählt Tiere, beringt Möwen, sammelt Strandgut, kartiert Veränderungen der Landschaft und beantwortet auch mal eine Flaschenpost.

Seine Hütte musste immer wieder verlegt werden, weil die Insel im Laufe der Jahre unter ihr hindurchgewandert war. Auch einen Hof gab es einst auf Trischen, doch die Flut hat alle Bauten geholt.

Der neuen Vogelhütte im Süden der Insel bleiben noch ein paar Jahre, bevor die rasende Insel auch ihr enteilt sein wird.

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