Tromsø: Arktischer Rat bekommt Zuhause in Norwegen

Aus Tromsø berichtet Christoph Seidler

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Fahnenparade in Tromsø: "Das bringt die Stabilität"

Er soll die Regeln für die Zukunft der Arktis schaffen - doch bisher war er nicht besonders mächtig: Nun bekommt der Arktische Rat zumindest eine dauerhafte Postadresse. Doch das wird nicht ausreichen, um das Gremium fit für die Zukunft zu machen.

Einem echten Nordmann kann es einfach nicht frostig genug sein. "Ich hatte auf kälteres Wetter gehofft", witzelte Espen Bart Eide bei der Begrüßung seiner Gäste. Schließlich, so erklärte Norwegens Außenminister, sei Tromsø aus seiner Sicht die Hauptstadt der Arktis. Und das müsse man doch auch beim Wetter spüren - immerhin liegt die Stadt weit jenseits des Polarkreises. Doch am Montag fielen nur Regentropfen auf eine dünne Schneedecke. "Wir arbeiten daran", so der lakonische Kommentar des Ministers.

Zumindest politisch wird Tromsø in Zukunft tatsächlich eine Art der Hauptstadt des hohen Nordens: Der Arktische Rat wird in der Stadt ein ständiges Sekretariat beziehen. Eide unterschrieb dazu am Montag ein Abkommen. "Das bringt die Stabilität, die wir für die weitere Kooperation brauchen", lobt Schwedens Arktisbotschafter Gustaf Lind im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Der Arktische Rat hat bisher acht feste Mitglieder. Neben Norwegen und Schweden sind das Dänemark, Finnland, Island, Kanada, Russland und die USA. Außerdem vertreten sechs Dachorganisationen als "ständige Teilnehmer" die Interessen der indigenen Bevölkerung. Der Rat existiert seit 1996 und ist das wichtigste internationale Forum für den hohen Norden, wo der Klimawandel so unerbittlich zuschlägt wie in wohl keiner anderen Weltregion. So wurde im vergangenen Sommer die geringste Eisausdehnung seit Beginn der Messungen registriert.

Bisher befasste sich der Arktische Rat vor allem mit den Umweltveränderungen rund um den Pol. Politische Themen, gar Fragen nach Abrüstung im hohen Norden, sollten dagegen nicht diskutiert werden. Das ist bis heute so, doch nach und nach hat sich der Rat sein Arbeitsgebiet ausgeweitet. Zuletzt schlossen die Staaten ein Abkommen zu Such- und Rettungseinsätzen im Eis. Ein Vertrag zu Aufräumoperationen nach Ölunfällen ist so gut wie fertig.

Das Sekretariat wechselte bisher zwischen den Mitgliedstaaten hin und her. Es war in den vergangen Jahren provisorisch am Norwegischen Polarinstitut in Tromsø untergebracht. Dort bleibt es nun dauerhaft, der Isländer Magnús Jóhannesson wird das Büro leiten. Man könnte das als Bestätigung eines längst existierenden Zustands verstehen - doch das trifft es nicht ganz.

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"Ein ständiges Sekretariat für den Arktischen Rat ist eine logische Konsequenz der steigenden Bedeutung des Hohen Nordens und damit seiner Institutionen", sagt etwa Kathrin Keil vom "Arctic Institute", einem internationalen Zusammenschluss junger Forscher. Das Sekretariat könnte außerdem administrative Unterstützung für die Zukunft leisten, sagt Keil - "vor allem die Aufnahme weiterer Beobachterstaaten." Denn damit muss sich das Gremium schnellstens befassen.

Das internationale Interesse am Arktischen Rat ist groß. Sechs Staaten sind bereits jetzt Beobachter: Deutschland, Frankreich, Polen, Spanien, die Niederlande und Großbritannien. Dazu kommen weitere Vertreter indigener Bevölkerungsgruppen und Umweltorganisationen. Doch auch die Europäische Union, China und andere wollen Beobachter werden. Und beim letzten Anlauf im Jahr 2009 ging das gehörig schief.

Vor allem die Vertreter der indigenen Bevölkerung wollten sich nicht aus Brüssel bevormunden lassen. Andere Polarstaaten äußerten sich freundlicher: "Norwegen steht der Erweiterung um neue Beobachter positiv gegenüber, stärker als andere Länder das tun", erklärte Norwegens Außenminister Espen Barth Eide vergangenes Jahr im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Doch auch zwischen Norwegen und China liegt seit dem Friedensnobelpreis für den Dissidenten Liu Xiaobo einiges im Argen.

In diesem Jahr werden die Kandidaten für den Arktis-Rat nun einen neuen Vorstoß starten, die Bewerbungsfrist ist gerade abgelaufen. "Wenn wir einander zuhören, können wir einander auch helfen - und vielleicht auch dem Rest des Planeten", warb Brüssels Fischerei-Kommissarin Maria Damanaki in Tromsø. Sie sei hoffnungsfroh, dass die Ratsmitglieder zu einer "fairen Entscheidung" kommen.

Insgesamt 14 Interessenten für den Beobachterstatus habe man registriert, sagt der Schwede Gustaf Lind. Ob es Europa und China diesmal schaffen? Der Diplomat, optisch übrigens Matt Damon nicht unähnlich, gibt sich zugeknöpft: "Wir haben noch keine spezifischen Bewerbungen besprochen"

Der Norweger Barth Eide sagt immerhin: "Wir sind glücklich, dass viele Leute in unseren Club wollen. Das bedeutet nämlich auch, dass sie keinen anderen Club aufmachen."

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