Trügerische Pflanzen Insekten foppen

Grün und harmlos, so kommen Pflanzen meist daher. Welch listige Tricks sie zum Nachteil von Insekten nutzen, haben Forscher jetzt aufgedeckt.

Das Tagesgeschäft eines Mistkäfers: Dung zu Kugeln rollen und als Nahrungsvorrat für den Nachwuchs vergraben
REUTERS/ Drago Prvulovic/ Scanpix

Das Tagesgeschäft eines Mistkäfers: Dung zu Kugeln rollen und als Nahrungsvorrat für den Nachwuchs vergraben


Die Anklage wiegt schwer, der Vorwurf lautet: Betrug. Angeklagt ist die südafrikanische Blütenpflanze Ceratocaryum argentum. Ihr Opfer: der Mistkäfer Epirinus flagellatus.

Forscher der University of Cape Town in Südafrika berichten in der Fachzeitschrift "Nature Plants", dass die Blütenpflanze den Mistkäfer trickreich täuscht, damit er ihren Samen verbreitet. Dieser ähnelt nicht nur Antilopendung - er riecht auch so. Der Mistkäfer glaubt, er hätte den nahrungsreichen Dung eines Wildes vor sich und gräbt ihn von der Pflanze entfernt in den Boden.

In der Natur sind viele Beispiele bekannt, in denen Pflanzen und Tiere zum gegenseitigen Nutzen kooperieren. Viele Vögel tragen gefressene Kerne mit ihrem Kot in neue Gebiete - ihre Belohnung dafür ist das Fruchtfleisch drumherum. Doch die Forscher gehen davon aus, dass der Mistkäfer keinen Nutzen von seinen Mühen davonträgt - die Samen seien zu hart für den Käfer. Auf den Schwindel werden die Tiere offenbar erst aufmerksam, wenn sie ihre Eier in die so mühsam in Erde eingebetteten Kugeln legen wollen.

Rutschige Fallgruben für Ameisen

Die südafrikanische Pflanze ist nicht die einzige, die ihre Umgebung trickreich ausnutzt. Forscher haben jetzt in Südostasien eine Spezies entdeckt, die nicht Insekten, sondern die Kräfte der Natur für ihre Zwecke nutzt: Regentropfen sind der Kannenpflanze behilflich, indem sie Beute in deren Trichter schnipsen. Vor allem Ameisen landeten bei Regen in der Fallgrube von Nepenthes gracilis und würden verdaut, berichten Forscher in den "Proceedings" der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften ("PNAS").

Kannenpflanzen sind tropische, fleischfressende Pflanzen. Sie bilden spezielle Fallgruben mit rutschigen Innenwänden, auf dem Grund schwimmt eine Verdauungsflüssigkeit und ein Deckel dient als Regenschutz über der Öffnung. Prallt bei Nepenthes gracilis ein Regentropfen auf diese Fläche, schlage sie ähnlich einem Sprungbrett nach oben und unten aus, erläutern die Forscher. Insekten, die auf der ohnehin sehr rutschigen Unterseite sitzen, werden dadurch in den tödlichen Pool darunter befördert. Der Mechanismus erreiche mit eineinhalb Metern pro Sekunde Spitzengeschwindigkeiten vergleichbar denen einer springenden Heuschrecke.

Mit dem regengetriebenen Fangmechanismus sei eine neue Kategorie entdeckt, schreiben die Forscher. Die Fallen fleischfressender Pflanzen würden bisher in aktive wie die der Venusfliegenfalle und passive ohne jede Bewegung unterteilt. "Nun ist eine Falle bekannt, die sich schnell, aber gänzlich passiv bewegt", erläutert Bauer. Angelockt werden die Ameisen demnach vom Nektar, den Nepenthes gracilis an der Unterseite des Deckels bildet. Oft finden sie so ihren Tod - denn in der südostasiatischen Heimat der Kannenpflanzen regnet es vergleichsweise häufig.

Pflanzliche Abwehrmechanismen für die Landwirtschaft

Für die Landwirtschaft habe der Mensch in den zurückliegenden Jahrzehnten zu wenig berücksichtigt, auf welch ausgeklügelte Weise sich Wildpflanzen zu helfen wissen, schreiben Wissenschaftler aus Schweden und Mexiko im Fachjournal "Trends in Plant Science Opinion". "Wildpflanzen geben bestimmte Duftstoffe ab, wenn sie beschädigt werden und locken dadurch natürliche Fressfeinde schädlicher Insekten an", erläutert Martin Heil vom Cinvestav-Forschungszentrum in Irapuato.

Lange Zeit sei es leider das Bestreben von Züchtern gewesen, möglichst sämtliche Insekten von ihren Pflanzen abzuhalten, so die Forscher. Damit seien viele hocheffektive, aber eben auf angelockten Insekten beruhende Abwehrmaßnahmen verschwunden. Sie wieder zurückzuholen, sei schwierig: "In solche Mechanismen sind viele verschiedene Gene involviert."

Ein Ausweg könne sein, in der Nachbarschaft von Nutzpflanzen Arten anzubauen, die mit ihren Duftstoffen Schädlinge abschrecken oder deren Fressfeinde anlocken - so wie Gärtner stark riechende Gewächse wie Lavendel oder Schnittlauch zwischen Rosen setzen, um Blattläuse fernzuhalten. Das bedeutet allerdings Mehrarbeit für die Landwirte.

Eine Alternative: Geräte zur Freisetzung solcher Duftstoffe, die an Äckern und Feldern stehen könnten. Die müssen allerdings erst noch entwickelt werden. Auch für die Tricks von Pflanzen gilt eben: Die Natur nachzuahmen, kann dem Menschen viel Nutzen bringen.

mls/dpa

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
ky3 05.10.2015
1. Tricks? Wissenschaft?
Hier wird wie so oft von den "Tricks der Natur" geschrieben. Ihr seid doch eine Wissenschafts-Journalisten, wieso macht Ihr dann sowas? Mutationen entstehen aus verschiedenen Gründen und können in selten Fällen zum Vorteil manchen Lebewesen sein. Mutationen entstehen jedoch nicht aus Absicht was bei einem Trick der Fall wäre. Als wenn die Evolution einen freien Willen hätte. Können wir Spiegel-Leser für mehr als Schulkinder gehalten werden?
l/d 05.10.2015
2. Oft falsche Ansätze ...
Zu spät wurde auch erkennt, dass in der Nase des Menschen verschiedene Bakterien siedeln, von denen die nicht schädlichen die schädlichen bei guten Bedingungen per Verdrängung für den Menschen (ohne Wollen) in Schach halten. Geht man gegen alle Bakterien gleichermaßen vor per Antibiotikum, tut man dem Patienten keinen Gefallen, wenn der schädliche Erreger die höhere Populationsrate bei schlechten Bedingungen hat. Besser ist es, für alle eine gutes Klima zu schaffen, weil dann die bessere Populationsrate der "Guten" bei guten Bedingungen den "Sieg" davontragen kann. Unser Bild von Freund und Feund muss grau gesprenkelt sein und nicht schwarz-weiß - lehrt die Natur.
Bueckstueck 05.10.2015
3. Schnittlauch gegen Blattläuse?
"so wie Gärtner stark riechende Gewächse wie Lavendel oder Schnittlauch zwischen Rosen setzen, um Blattläuse fernzuhalten." Mein Schnittlauch kann sich nicht mal selbst vor Blattläusen schützen, wie soll er dann Rosen schützen? Tatsächlich sehe ich an Schnittlauch mehr Blattläuse als sonst wo - naja, auch irgendwie ein Schutz für andere Pflanzen, wenn ich den nur nicht selber essen wollen würde...
syracusa 06.10.2015
4.
Zitat von ky3Hier wird wie so oft von den "Tricks der Natur" geschrieben. Ihr seid doch eine Wissenschafts-Journalisten, wieso macht Ihr dann sowas? Mutationen entstehen aus verschiedenen Gründen und können in selten Fällen zum Vorteil manchen Lebewesen sein. Mutationen entstehen jedoch nicht aus Absicht was bei einem Trick der Fall wäre. Als wenn die Evolution einen freien Willen hätte. Können wir Spiegel-Leser für mehr als Schulkinder gehalten werden?
Sie werden es kaum glauben: auch wissenschaftlich arbeitende Biologen sprechen so. Ihr Vorwurf ist absurd, denn jeder weiß, dass die Evolution mit dem Werkzeug des Zufalls arbeitet. Aber halt: die Evolution arbeitet ja gar nicht, und sie setzt auch den Zufall nicht vorsätzlich ein. Metaphern sind also erlaubt, und wer sich darüber mokiert, der outet sich damit nur als vollkommen ignoranter Möchtegernbesserwisser.
richardheinen 06.10.2015
5.
Man könnte fast annehmen, "Betrüger" wie Ceratocaryum argentum verfügten über eine Art Gehirn. Klingt total bescheuert, aber die geschilderte Vermehrungsmethode zu entwickeln (mit oder ohne Anführungszeichen), sie über Generationen zu bewahren und zu verfeinern, ist schon eine tolle Leistung.
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