Trümmer im Pazifik: Das Rätsel des Tsunami-Treibguts

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Es war eine Katastrophe von epischen Ausmaßen: Als die Tsunamis vor einem Jahr die japanische Küste trafen, rissen sie Millionen Tonnen Trümmer in den Pazifik. Doch wohin treibt der Müll? Vor allem in den USA wächst die Sorge vor Radioaktivität und Giftstoffen, denn Forscher haben die Schrottspur verloren.

Fotostrecke: Müllschwemme aus Japan Fotos
AP/ US NAVY

Hamburg - Die riesigen Wellen rissen alles mit. Boote, Autos, Hütten, Kühlschränke und jede Menge Trümmer strömten nach dem Seebeben vom 11. März 2011 entlang eines tausend Kilometer langen Küstenstreifens ins Meer vor Japan. Seither driften die Gegenstände über den Pazifik. Erste Trümmerteppiche wurden vor Hawaii und angeblich auch bereits vor der Küste der USA gesichtet. Doch mittlerweile ist das Material verschollen.

Wo ist das Geistertreibgut, fragten zahlreiche Bürger den Geologischen Dienst der USA (USGS). Sie sorgten sich vor angeschwemmter Radioaktivität, vor Leichen und vor giftigen Chemikalien. Der USGS stellt nun klar: Die Trümmer seien "höchstwahrscheinlich" nicht radioaktiv kontaminiert. Die meisten seien schließlich ins Meer gespült worden, bevor die Atomreaktoren in Fukushima explodierten, beruhigen die Experten. Auch Leichenteile könnten den langen Weg kaum überdauert haben. Über ein Risiko durch chemische Substanzen gibt es bislang keine Angaben.

Sicher sei aber, dass der Müll nicht mit einem Mal als Riesenteppich anlanden werde, sagt Nancy Wallace von der US-Meeresbehörde NOAA. Der Müll hätte sich bereits weit zerstreut, Schätzungen über die Menge seien unmöglich. Die Behörden haben Seefahrer und Küstenbesucher aufgerufen, Sichtungen von Trümmerteilen zu melden.

Wie viele Gegenstände einen Strand erreichen, hängt nicht unbedingt von ihrer Dichte ab, sondern von den Strömungen, erklärt der Meereskundler Nikolai Maximenko von der Universität Hawaii. Manche Buchten könnten die Massen wie Müllschlucker aufnehmen, während andere Abschnitte im Schatten großer Strömungen kaum etwas abbekämen.

Und wann erreicht das Driftgut der Tsunami-Katastrophe das Land? Die meisten Trümmer seien vermutlich bereits versunken, sagt Wallace. Wie viel Material der geschätzten 25 Millionen Tonnen, die vor einem Jahr ins Meer gespült wurden, noch über den Pazifik vagabundieren, sei unklar.

Nun häufen sich Meldungen über angebliche Sichtungen japanischen Materials vor der nordamerikanischen Küste. Zuletzt wurden die Überreste einer japanischen Austernfarm vor Kanada aufgegriffen. Die ersten Tsunami-Trümmer hätten die Küste erreicht, folgerte der emeritierte Ozeanograf Curtis Ebbesmeyer, ein Spezialist für Treibgut.

Bojen als Vorboten

Doch seine Kollegen widersprechen. Die Austernfarm hätte schneller sein müssen als die Strömung, sagt Maximenko. Das sei ein unrealistisches Szenario. Schneller als die Strömung wären nur leichte Dinge wie Bälle, Bojen oder Kanister, die vom Wind bewegt werden könnten, ergänzt der Meeresforscher Martin Visbeck vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (Geomar). Die Austernfarm habe sich wohl schon vor dem Tsunami losgerissen, schließlich schwimme seit jeher Müll aus Asien nach Amerika, sagt Maximenko.

Den Rechnungen mehrerer Institute zufolge dürften die Tsunami-Fragmente erst im kommenden Jahr an der US-Küste eintreffen. Strandspaziergänger auf Hawaii würden wohl bereits im kommenden Winter vermehrt Trümmerteilen finden, prophezeit der USGS. Von 2014 bis 2016 würde die Inselgruppe eine zweite Trümmerwelle erreichen - dann von Süden her, wenn eine ringförmige Strömung den Müll zurück in Richtung Asien schwemmt.

Trümmerwolke vor Hawaii

Derzeit dürften die meisten Trümmer mit dem Kuroshio-Strom etwa zehn Kilometer pro Tag gen Osten driften, sagt der Meereskundler Claus Böning vom Geomar. Die Strömung sei allerdings stark verwirbelt, so dass der Müll aus Japan wohl über eine Fläche von zehn Millionen Quadratkilometern verstreut würde - der 30-fachen Fläche Deutschlands.

Simulationen der Kieler Forscher zeigen, wo die meisten Trümmer derzeit treiben könnten: "Der Schwerpunkt der Trümmerwolke dürfte etwa tausend Kilometer nordwestlich von Hawaii liegen", sagt Böning. Der Nordpazifikstrom treibt den Müll bald vor die Küste Amerikas. Doch die Strömung werde nach Osten hin schwächer, sagt Böning. Nicht gestrandete Güter werden schließlich vom Kalifornienstrom und später vom Äquatorialstrom zurück nach Westen gespült.

Das Risiko für Küstenbewohner durch den Müll sei gering, sagt Nancy Wallace. Gefährlich werden könnten die Trümmer allenfalls Schiffen, Riffen oder Tieren. Fischernetze etwa könnten Seehunde, Korallen oder Fische ersticken. Doch was die Trümmerflut wirklich anrichten werde, sei unklar. Das hänge von der Art der Gegenstände und ihrer Route ab. Zu beidem können Wissenschaftler aber keine genauen Angaben machen - das Geistertreibgut bleibt verschollen.

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insgesamt 26 Beiträge
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1. ...
kojak2010 09.03.2012
über was soll man da dikutieren liebes SPON? da werden bei ganz andere Themen ein Schreibverbot ausgehängt, wo man wirklich locker flockig schreien könnte... der apokalyptische Tsunami ist an Trauer nicht zu überbieten. Ruhe den Toten und alle Ehre den Helfern und Arbeitern und den Menschen in Japan. den treibenden Müll bekommt der Mensch auch noch in den Griff....
2. "Gefahr...
pförtner 09.03.2012
für Menschen hat zu keiner Zeit bestanden!"
3. Wissenschaft heute
EchoRomeo 09.03.2012
Zitat von pförtnerfür Menschen hat zu keiner Zeit bestanden!"
Keine Ahnung was es ist, keine Ahnung wieviel es ist, keine Ahnung wo es ist, keine Ahnung wie gefährlich es ist und keine Ahnung wieviel noch übrig sein könnte. Dafür unzählige Simulationen ohne Wert, keine Bestätigung, jede Menge Angst erzeugt und mindestens ein Jahr gut an dieser Art von "Forschung" verdient. Habe da auch was, keine Ahnung was es ist, habe es schließlich noch nie gesehen. Wie es sich auswirkt kann auch noch nicht gesagt werden. Da aber nicht 100% ausgeschlossen werden kann, daß das Das gefährlich ist, bitte schnell 25 Millionen auf mein Konto. Werde dann simulieren, das Ergebnis publizieren und warnen.
4. epische Ausmaße?
semaphil 09.03.2012
Zitat von sysopDie Tsunamis in Japan vor einem Jahr rissen Millionen Gegenstände ins Meer - doch Wissenschaftler haben ihre Spur verloren: Küstenbewohner sorgen sich vor angeschwemmter Radioaktivität, Chemikalien und Leichen. Simulationen zeigen den Weg des Treibguts, Buchten könnten zu Müllschluckern werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,820113,00.html
Kann mir der geschätzte Autor mal bitte erklären, was er damit meint? Gewöhnlich verwenden wir das Adjektiv "episch", um eine besonders weitschweifige Erzählung/Dichtung zu charakterisieren. Hier hätte eher "apokalyptisch" gepasst.
5.
Altesocke 09.03.2012
Zitat von sysopDie Tsunamis in Japan vor einem Jahr rissen Millionen Gegenstände ins Meer - doch Wissenschaftler haben ihre Spur verloren: Küstenbewohner sorgen sich vor angeschwemmter Radioaktivität, Chemikalien und Leichen. Simulationen zeigen den Weg des Treibguts, Buchten könnten zu Müllschluckern werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,820113,00.html
Das Bild 3, das 'versunkene' Auto: Hat die Umwelt aber Glueck gehabt, sieht aus, als ob der Motor vorher ausgebaut wurde. Gab es Schrottplaetze in der Gegend, oder hat das Bild wenig mit dem Tsunami zu tun?
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