Tschernobyl-Folgen in Weißrussland Verschwiegen, vertuscht, verharmlost

70 Prozent des radioaktiven Niederschlags von Tschernobyl landeten in Weißrussland. Doch Präsident Lukaschenko spielt die Gefahren der Strahlung herunter - und setzt auf Atomenergie.

Gesperrte Zone in Weißrussland unweit von Tschernobyl
REUTERS

Gesperrte Zone in Weißrussland unweit von Tschernobyl

Aus Weißrussland und der Ukraine berichtet Alisa Bauchina


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Der Nuklearmediziner Juri Bandaschewskij sitzt in den Räumen seines "Zentrums für Ökologie und Gesundheit" in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. In seine Heimat Weißrussland darf er nicht mehr einreisen, seit er der Regierung vorwarf, den Bürgern die Wahrheit zu verschweigen über die Gefahr, die von verstrahlten Gebieten in Weißrussland ausgehe, die in der Nähe von Tschernobyl liegen.

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Heft 17/2016
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Durch kontaminierte Lebensmittel seien inzwischen viele Weißrussen belastet, sagt Bandaschewskij: "Sie tragen eine genetische Bombe mit sich herum." Präsident Alexander Lukaschenko verschweige die Gefahren systematisch: "Er macht Weißrussland zu einem Land mit kranker Bevölkerung."

1999 hatte ihn die Regierung in Minsk ins Gefängnis werfen lassen, angeblich wegen Bestechlichkeit. Tatsächlich ging es darum, Bandaschewskij mundtot zu machen. Amnesty International machte sich für ihn stark, erklärte Bandaschewskij zum politischen Gefangenen. 2005 kam er frei, musste aber seine Heimat verlassen.

Als am 26. April 1986 in Tschernobyl in der damaligen ukrainischen Sowjetrepublik Reaktor 4 explodierte, verbreitete sich die radioaktive Wolke fast über die halbe Welt. Besonders stark wurden dennoch die Ukraine, Russland und Weißrussland verstrahlt . Das lange Schweigen und die Zögerlichkeit der sowjetischen Führung machten es noch schlimmer: Tausende wurden Opfer einer Katastrophe, von der sie erst erfuhren, als es schon zu spät war.

Strahlungsmessung ist zu umständlich

Weißrussland war am stärksten betroffen. 70 Prozent des Fall-Outs gingen über den Regionen Gomel und Mogilew im Osten des Landes nieder, aber auch Brest und Grodno nahe der Grenze zu Polen. In den verstrahlten Gebieten sind offiziell 2.193 Siedlungen erfasst. Evakuiert wurden sie nicht, alle fünf Jahre wird dort lediglich die Strahlungsbelastung kontrolliert.

Ein Beispiel ist das Dorf Buda-Koschelewo. Der Ort ist bewohnbar, der Wald aber verstrahlt. Wer dort Beeren oder Pilze sammelt, muss sie eigentlich erst zur Kontrolle bringen. Vielen Bewohnern ist das zu umständlich.

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Experten wie Bandaschewskij glauben, dass in Wahrheit viel mehr Ortschaften betroffen sind. In Weißrussland, Russland und der Ukraine leben laut Schätzungen noch immer fünf Millionen Menschen auf verstrahlten Flächen. Anfang des Jahres hat Lukaschenkos Regierung 203 bislang als kontaminiert geltende Siedlungen zu sauberen Zonen erklärt. Die weißrussischen Behörden stützen sich darauf, dass die Halbwertszeit des radioaktiven Cäsium-137 etwa 30 Jahre betrage. Diese Zeit ist nun um.

300 Jahre warten?

Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Zerfall von Cäsium-137 abgeschlossen ist. Vielmehr ist erst die Hälfte der Nuklide zerfallen, die Radioaktivität hat sich somit etwa halbiert. Strahlenschützer kalkulieren nicht deshalb mit einer, sondern mit zehn Halbwertzeiten, die vergehen müssen, bis ein Nuklid verschwunden ist. Im Falle von Cäsium-137 sind das 300 Jahre.

Cäsium ist aber nicht die einzige Gefahr, die im Boden lauert. "Die verstrahlten Gebiete sind auch mit Strontium und Polonium belastet", sagt Iwan Krasnoperow vom unabhängigen Instituts für Radioaktivität "Belrad" in Minsk.

Ebenfalls vorhanden, wenn auch in geringeren Mengen ist Plutonium-240. Dessen Halbwertszeit beträgt sogar 6537 Jahre. Aus Plutonium bildet sich beim Zerfall Americium, das sogar noch stärker strahlt. Americium löst sich auch in Wasser auf.

Todeszone um Tschernobyl

In tiefere Bodenschichten gespülte radioaktive Isotope können über Pflanzenwurzeln wieder an die Oberfläche gelangen. Von dort gelangt die Radioaktivität in den Nahrungskreislauf, in Heu für das Milchvieh und Pilze und Beeren, die Weißrussen gern im Wald sammeln. Die 200 Dollar teuren Dosimeter, die Alarm schlagen bei hoher Strahlung, kann sich kaum jemand leisten.

Milchprodukte gehören zu Weißrusslands wichtigsten Export-Produkten, größter Abnehmer ist Russland. Der offizielle Cäsium-Grenzwert für Milch liegt bei 100 Becquerel pro Liter.

Neues AKW startet 2018

Die Tests jedoch sind aufwändig und langwierig. Eine ausführliche Untersuchung auf Cäsium-137 in Lebensmitteln dauere mindestens einen Tag, sagt der weißrussische Strahlenexperte Iwan Krasnoperow. Ein Test auf Strontium-90 nehme bis zu fünf Tage in Anspruch.

Der Nuklearmediziner Bandaschewskij fürchtet zudem, die genaue Strahlenbelastung wollten die weißrussischen Behörden lieber gar nicht so genau wissen. Präsident Lukaschenko vertrete die Interessen der Atom-Lobby. Tatsächlich setzt der Staatschef auf Nuklearenergie. In Ostrowez entsteht das erste Atomkraftwerk des Landes. Es soll 2018 an in Betrieb gehen. Der Vertrag wurde im Oktober 2011 unterschrieben, ein halbes Jahr nach Fukushima.


Zusammengefasst: Bis heute leidet Weißrussland unter den Folgen von Tschernobyl. Ganze Regionen sind unbewohnbar - und selbst dort, wo Menschen leben, ist die Radioaktivität erhöht. Wer dies zur Sprache bringt, bekommt Ärger mit der Regierung von Alexander Lukaschenko.

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Seite 1
Arrows 26.04.2016
1. Das Gegenteil von Deutschland
Wer in Deutschland für Kernkraft ist der bekommt Ärger, wer in der Ukraine gegen Atomkraft ist, auch. In Deutschland wird von der Anti-Atom-Mafia gelogen, dramatisiert und an den Haaren herbeigezogen. Wer ihre "Fakten" anzweifelt ganz schnell politisch einen Kopf kürzer gemacht. Da unterscheiden sich Deutschland und die Ukraine nicht, außer das in der Ukraine nicht so dreist gelogen wird.
ostap 26.04.2016
2. Gott stehe uns bei
Da können wir nur hoffen, dass bis zu unserem endgültigen Atomausstieg nichts bei uns passiert und den Franzosen und Belgieren ihre Schrottmeiler nicht demnächst um die Ohren fliegen, sonst sähe es bei uns auch wie in Weißrussland aus! Eine Horrorvorstellung. Und das alles, um für den Profit einer gierigen Lobbykaste den teuersten Strom der Welt zu produzieren.
er,ka 26.04.2016
3. Artikel gelesen ?
Zitat von ArrowsWer in Deutschland für Kernkraft ist der bekommt Ärger, wer in der Ukraine gegen Atomkraft ist, auch. In Deutschland wird von der Anti-Atom-Mafia gelogen, dramatisiert und an den Haaren herbeigezogen. Wer ihre "Fakten" anzweifelt ganz schnell politisch einen Kopf kürzer gemacht. Da unterscheiden sich Deutschland und die Ukraine nicht, außer das in der Ukraine nicht so dreist gelogen wird.
...oder einfach "pfeilschnell" Ihre "Fakten" verbreitet. Es geht nicht um die Ukraine, sondern um Weißrussland.
ulfD 26.04.2016
4. Fukushima
wie war noch der Name des EINZIGEN landes dieser Erde welches völlig überstürzt und chaotisch Konsequenzen aus Fukushima gezogen hat? Hmmm irgend ein 3. Welt land...moment...irgendwas mit D......
LudBri 26.04.2016
5. Ideologie, Gesinnung oder Realität?
Fakt ist, dass sich die Mortalität der Menschen in den verstrahlten, aber nicht evakuierte Gebieten von Weissrussland nicht verändert hat. Die Frage ist daher nicht, ob Strontium, Cäsium oder Polonium vorhabden sind, sondern wieviel davon verhanden ist. Schließlich sollte man nicht vergessen, dass in Tschernobyl, direkt vor Ort, 2.600 Menschen hdaran arbeiten, eine neue "Abdeckhaube" für den havarierten Reaktor zu bauen. Inzwischen leben in den kontaminierten Gebieten um Tschernobyl Rehe, Rothirsche, Elche, Wildschweine, Wölfe und sogar der Braunbär ist zurück gekommen. Sie haben sich kräftig vermehrt. Auch die vom Aussterben bedrohte Rasse der Przewalski-Pferden fasste in der verstrahlten Zone Fuß. Inzwischen streifen rund 100 von ihnen über die einstigen Felder. Obwohl das Militär die Sperrzone bewacht, da offiziell niemand mehr dort leben darf, sind 300 meist ältere Bewohner dennoch seit Jahren in ihre Häuser zurückgekehrt. Doch diese wenigen scheinen Flora und Fauna nicht zu stören. Anstelle des abgestorbenen Waldes ist ein neuer, gesunder gewachsen, von dem sie sich ernähren. Die Lage ist sich nicht optimal, aber aufbauschen ist auch keine Option.
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