Tsunami in Südasien Noch Wochen später bebte der gesamte Globus

Das gewaltige Erdbeben, das den Tsunami vom 26. Dezember 2004 auslöste, liegt nun beinahe fünf Monate zurück. Erst jetzt zeigen wissenschaftliche Untersuchungen das ganze Ausmaß der Katastrophe: Die gesamte Erde war betroffen. Noch Wochen später bebte der Planet.

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Karte der Nachbeben: Seismische Wellen noch Wochen später
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Karte der Nachbeben: Seismische Wellen noch Wochen später

Die Menschheit wird wohl noch viele Jahre brauchen, um den Albtraum zu verdauen. Fast 300.000 Menschen kostete der Tsunami am 26. Dezember 2004 das Leben, bis heute sind große Gebiete in Südasien verwüstet. Erst nach und nach wird nun klar, wie mächtig das Beben, das die Flutwelle auslöste, tatsächlich war. Das Wissenschaftsmagazin "Science" widmet der inzwischen "Sumatra-Andaman-Beben" genannten Katastrophe gleich fünf Artikel - weltweit versuchen Forscher, das Ereignis zu begreifen und Lehren für die Zukunft abzuleiten (Bd. 308, S. 1126 ff.).

Die Veröffentlichungen über das Beben, dessen Stärke von einigen Forschern auf 9,3 auf der Richterskala geschätzt wird, sind Ansammlungen von Superlativen. Die Energie, die freigesetzt wurde, entspricht beispielsweise der einer Bombe mit einer Sprengkraft von 100 Gigatonnen TNT - vergleichbar etwa der Gewalt von sieben Millionen Hiroshima-Bomben. Eine ähnliche Menge Energie wird in den USA in sechs Monaten verbraucht. 30 Kubikkilometer Meerwasser wurden bewegt.

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Erdbebenforschung: Der Tsunami vor der Küste Sumatras

Der Tsunami erreichte von seinem Ursprungsort vor der Westküste Sumatras aus die Antarktis und beide Küsten Amerikas. Weil sich der Meeresboden im Golf von Bengalen und der Andamanensee dauerhaft gehoben hat, stieg der Meeresspiegel weltweit um einen Zehntelmillimeter an - permanent. "Im Zentimeterbereich blieb kein einziger Punkt auf der Erdoberfläche unberührt", schreibt der amerikanische Geologe Roger Bilham in "Science".

Weitere Beben in 11.000 Kilometern Entfernung

Die seismischen Wellen waren so stark, dass in anderen, vulkanisch aktiven Regionen weitere Erdbeben ausgelöst wurden. Eine Forschergruppe um Michael West von der University of Fairbanks etwa beobachtete, dass am Mount Wrangell in Alaska 14 kleinere lokale Beben ausgelöst wurden, über einen Zeitraum von elf Minuten verteilt. Der Vulkan ist fast 11.000 Kilometer vom Epizentrum des Bebens vor der Küste Sumatras entfernt.

Der Schwarm von Nachbeben in der Katastrophenregion selbst war der energiereichste, der je beobachtet wurde. Mehr als 150 Beben der Stärke fünf und größer ereigneten sich dort Ende Januar innerhalb eines Zeitraums von vier Tagen. Viele Nachbeben erreichten auch Stärken von 6 und mehr auf der Richterskala.

Nicht nur die Gewalt und die Reichweite des Bebens verblüffen die Wissenschaftler - auch der Zeitverlauf ist ungewöhnlich. In den ersten 40 bis 60 Sekunden verlief der Bruch vergleichsweise langsam. Dann geschah etwas, das im Gegensatz zum Verlauf der meisten anderen Erdbeben steht: Die Bruchgeschwindigkeit nahm zu. Vier Minuten lang raste der Riss in der Erde mit drei Kilometern pro Sekunde Richtung Norden - das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit von fast 11.000 Stundenkilometern. Weitere sechs Minuten lang lag die Geschwindigkeit bei 2,5 Kilometern pro Sekunde. Das errechneten Charles Ammon von der Pennsylvania State University und ein Team von Kollegen aus Daten, die von Seismographen überall auf der Welt aufgezeichnet wurden.

Langsame seismische Wellen noch Wochen später

Nach der explosiven Anfangsphase reduzierte sich die Bruchgeschwindigkeit, vor allem am nördlichen Ende des Risses. Wenn diese Bewegung nicht langsamer gewesen wäre als die am Rest der 1300 Kilomenter langen Bruchlinie, wären möglicherweise sogar noch verheerendere Tsunamis entstanden, vermutet Roger Bilham. Auch diese langsame Verschiebung - in 30 Minuten gab es nur eine Veränderung von etwa 7 bis 20 Metern - setzte aber eine riesige Menge Energie frei. Die langsamsten seismischen Wellen, die dabei entstanden, wanderten noch Tage später um den Erdball. Nach den Erkenntnissen des Teams um Jeffrey Park von der Yale University waren sogar noch Wochen nach dem 26. Dezember langsame Wellen als Spätfolgen des Bebens zu beobachten.

Die tägliche Bebenvorhersage für Kalifornier

Eine regelrechte Erdbebenvorhersage gibt es ab jetzt für die Einwohner des US-Staates Kalifornien. Eine Gruppe von Seismologen um Matthew Gerstenberger von der U.S. Geological Survey entwickelte den Service und berichtet darüber in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Nature" (Bd. 435, S. 328). Er gibt jeweils für die nächsten 24 Stunden eine Wahrscheinlichkeit an, ob an einem bestimmten Ort ein Erdstoß zu erwarten ist, der ausreichen würde, den Asphalt aufzubrechen und Scheiben zum Zerspringen zu bringen. Dazu werden verschiedene Faktoren miteinander verrechnet, etwa die seismologische Tagesform des San-Andreas-Grabens. Auch kleinere und größere Beben der jüngeren Vergangenheit gehen in die Berechnungen ein.

"Das kann uns aber nicht vorhersagen, wann 'The Big One' kommt', erklärt Lucy Jones, von der U.S. Geological Survey. Das System ist vor allem dann nützlich, wenn bereits ein Beben stattgefunden hat: Kaliforniens Bewohner können dann online überprüfen, wie wahrscheinlich ein Nachbeben in ihrer Nachbarschaft ist.



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