Tiere nach Tsunami-Katastrophe Per Anhalter durch den Pazifik

Die Tsunami-Katastrophe von 2011 hat in Japan zahlreiche Gegenstände ins Meer gespült. Auf Plastik-Flößen sind einige Tierarten erstaunlich lange und weit gereist - bis an die amerikanische Küste.

Der Biologe John Chapman untersucht ein japanisches Boot am Strand von Long Beach (USA)
DPA

Der Biologe John Chapman untersucht ein japanisches Boot am Strand von Long Beach (USA)


Es war eine riesige Katastrophe, die Japan im März 2011 heimsuchte: Ein Seebeben hatte auf dem Meer vor dem Inselstaat einen Tsunami ausgelöst, der auf die Küsten zuraste und dort nicht nur mehr als 15.000 Todesopfer forderte sondern auch erhebliche Zerstörung anrichtete. Unter anderem geriet das Atomkraftwerk Fukushima außer Kontrolle, die Folgen beschäftigen Japan bis heute.

Dass die Katastrophe noch weitere Konsequenzen hatte, zeigt sich nun in einer Studie: Durch das Unglück wurden zahllose Lebewesen auf Plastikmüll-Flößen über den Pazifik Richtung Amerika geschickt. Noch viele Jahre danach fanden Wissenschaftler an den Küsten von Nordamerika und Hawaii immer wieder Trümmerteile mit ursprünglich in Japan beheimateten Tieren und Algen. Sie kamen lebend in der Neuen Welt an und hatten sich teils sogar unterwegs vermehrt, schreiben Forscher im Fachblatt "Science".

In Zukunft werden sich demnach vermutlich zunehmend Lebewesen auf diesem Weg verbreiten - weil in den Meeren immer mehr Plastikmüll treibt und weil angesichts des Klimawandels häufigere und stärkere Stürme erwartet werden. Durch den Tsunami waren Millionen Objekte - von kleinen Plastikteilen bis zu ganzen Schiffen und Teilen von Hafenanlagen - in den Pazifischen Ozean gespült worden.

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Das Team um James Carlton vom Williams College begann 2012 damit, an der Pazifikküste Nordamerikas und den Küsten Hawaiis Bruchstücke und Wrackteile zu untersuchen, die von Japan aus angeschwemmt worden waren. Bis zur US-Küste hatten sie eine Reise von mindestens 7000 Kilometern auf offener See zurückgelegt.

Bis zum Jahr 2017 analysierten die Forscher insgesamt 634 Objekte und die darauf mitgereisten Tierarten. Sie fanden von mindestens 289 Arten Exemplare, die die Reise lebend überstanden hatten - und zwar noch bis zu sechs Jahre nach dem Tsunami. Darunter waren Fische, Muscheln, Schnecken, Würmer, Krebse und Algen. Nicht wenige der reisenden Populationen hatten sich unterwegs vermehrt.

Die Funde belegten, wie widerstandsfähig einige Arten seien, sagt John Chapman, einer der beteiligten Wissenschaftler von der Oregon State University. "Als wir das erste Mal Arten aus Japan sahen, waren wir geschockt. Wir hätten nie gedacht, dass sie so lange leben, unter diesen rauen Bedingungen." Ob einige Arten sich in der neuen Heimat bereits dauerhaft angesiedelt haben, ist derzeit noch unklar. "Es würde mich nicht wundern", sagt Chapman. "Ehrlich gesagt würde es mich überraschen, wenn sie es nicht getan haben." Es könne allerdings Jahre oder Jahrzehnte dauern, eine Ansiedlung fremder Arten tatsächlich nachzuweisen.

Die Forscher rechnen damit, dass solche Seereisen auf Plastikteilen in Zukunft häufiger vorkommen. Bis zu zehn Millionen Tonnen Plastikmüll gelangten jährlich in die Weltmeere - und die Menge werde in den kommenden Jahren wohl noch steigen. Das schaffe eine ganz neue Art der Artenverbreitung. Holzbruchstücke aus Japan hingegen fanden die Forscher bei ihren Analysen nur bis zum Jahr 2014, danach ging der Anteil rapide zurück. Holz zersetze sich auf dem Ozean, werde von Schiffswürmern zerstört oder sinke zu Boden.

Der Transport von Organismen auf natürlichen Flößen wie Bäumen oder Seetang habe zur Kolonisierung von Inseln und dem Austausch von Arten zwischen Kontinenten beigetragen, schreibt Steven Chown von der Monash University in Melbourne in einem Kommentar zur Studie. In den vergangenen Jahren seien Plastikteile immer bedeutsamer geworden: Sie hätten eine längere Lebensdauer und könnten ihre Fracht deshalb weiter befördern.



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