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08. Februar 2005, 17:01 Uhr

Tsunami-Katastrophe

Beben war dreimal stärker als vermutet

Das Erdbeben auf Sumatra und die folgende Flutwelle haben am 26. Dezember mindestens 240.000 Menschen getötet. Wie enorm die Erschütterung wirklich war, stellt sich erst langsam heraus. Geologen korrigierten jetzt die Bebenstärke nach oben.

Trümmer auf Sumatra: Beben war viel stärker als erst vermutet
AP

Trümmer auf Sumatra: Beben war viel stärker als erst vermutet

Die von zwei US-Forschern geforderte Korrektur von 9 auf 9,3 auf der Richterskala scheint nicht viel auszumachen. Tatsächlich bedeute dies aber, dass das Beben dreimal so stark gewesen sei, wie bisher vermutet, schreibt der Geologe Seth Stein von der Northwestern University auf seiner Website. Die Richterskala ist eine sogenannte logarithmische Skala, eine Steigerung um einen ganzen Punkt würde ein rund 30fach stärkeres Beben bedeuten.

Mit einer Magnitude von 9,3 wäre das Sumatra-Beben das zweitstärkste seit Beginn der seismischen Messungen vor etwa 100 Jahren. Gewaltiger war nur ein Beben vor der Küste Chiles im Jahr 1960. Das erreichte 9,5 auf der Richterskala. 1964 wurde noch ein Beben von 9,2 im Prince-William-Sund in Alaska registriert. Die Richterskala ist zwar theoretisch nach oben offen, aber ein Beben von mehr als 9,5 gilt als beinahe unmöglich. Das Gestein der Erdkruste kann die dafür nötige Energie nicht speichern.

Seth Stein und und sein Forscher-Kollege Emile Okal sprachen sich für die Korrektur des Messwertes auf 9,3 aus, nachdem sie Seismografen-Aufzeichnungen aus der ganzen Welt analysiert hatten. "Die ursprünglichen Berechnungen mit dem Ergebnis 9 zogen nicht das in Betracht, was wir Slow Slip nennen, ein langsames Rutschen", sagte Stein. "Die zusätzliche Energie, die bei dem Slow Slip entlang der 1200 Kilometer langen Grabenzone frei wurde, spielte eine entscheidende Rolle bei der Entstehung des Tsunami."

Alle Energie ist frei geworden

Diese Ergebnisse sind vor allem für Indien und Sri Lanka interessant. "Die großen Tsunami-Amplituden, die in Sri Lanka und Indien auftraten, entstanden durch Risse im nördlichen Segment der Bruchzone vor Sumatra, dem Bereich des Slow Slip", sagte Tsunami-Experte Okal.

Die Wissenschaftler geben nun vorsichtige Entwarnung. Durch das enorm starke Beben sei ein Großteil der tektonischen Spannung in der Grabenzone vor Sumatra frei geworden. Deshalb wäre ein ähnlich starkes Beben in näherer Zukunft unwahrscheinlich. Schwächere Beben und lokale Tsunamis könnten aber nicht ausgeschlossen werden.

Stein und Okal haben für ihre Berechnung die Nachschwingungen des gesamten Planeten gemessen. "Dies sind ultra lange Vibrationen, die die Erde noch für Tage und Wochen nach einem so starken Beben klingeln lassen wie eine Glocke (oder genauer, klappern lassen wie eine Mülltonne)", schreibt Stein auf seiner Website. Diesen Messweg für die Bebenstärke hatten Stein, Okal und Robert Geller, der jetzt an der University of Tokio lehrt, schon vor fast 30 Jahren entwickelt. Doch erst das Beben von Sumatra war stark genug, um die Methode zu überprüfen.

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