Aus San Francisco berichtet Axel Bojanowski
Im Morgengrauen des 30. Juni 1908 ereignete sich in der Einöde Westsibiriens ein Inferno, dessen Ursache mysteriös geblieben ist. Ein gewaltiger Knall zerriss die Stille der Taiga am Fluss Tunguska, dann brannte die Luft: Ein Hitzesturm knickte alle Bäume um - in einem Gebiet fast so groß wie das Saarland. Noch in Europa sahen Menschen den Nachthorizont leuchten.
Trotz der vielen Zeugenberichte rätseln Wissenschaftler noch immer über die Ursache der Explosion. Am Montag präsentieren Geoforscher auf der Jahrestagung der Amerikanischen Geophysikalischen Union (AGU) in San Francisco nun Belege für eine erstaunliche Theorie: Demnach schossen in Tunguska vulkanische Feuerbomben aus dem Boden. Die Katastrophe könnte sich wiederholen, auch in Europa - und zwar ohne Vorwarnung.
Viele Wissenschaftler glauben bislang, ein Meteorit habe den Knall von Tunguska verursacht. Allerdings wurden keine entsprechenden Spuren gefunden. Das kosmische Geschoss sei in der Luft explodiert, heißt es in Lehrbüchern. Aber warum gab es dann 14 Explosionen, wie Zeugen erzählten? Und warum drehte sich in Sibirien das Erdmagnetfeld für einige Stunden, wie russische Geophysiker nun auf der AGU-Tagung berichten?
Knallkörper pusteten Miniaturbäume um
Kesse Spekulationen gibt es viele. 2002 meldeten russische Abenteurer sogar den Fund von Ufo-Teilen in Tunguska. Sie würden "im Labor untersucht", hieß es damals. Die Verkündung eines Ergebnisses lässt auf sich warten.
Bereits in den fünfziger Jahren mühten sich Forscher, das Rätsel von Tunguska von lästiger Komplexität zu befreien - sie stellten es mit Spielzeug nach: Knallkörper pusteten Miniaturbäume um. Sorgsam gefilmt inspirierte die plastische Anschauung gewagte Theorien: Antimaterie-Beschuss aus dem All habe die Explosionen ausgelöst, schrieben Physiker 1958. Falsch, ein kleines Schwarzes Loch habe die Erde durchbohrt, konterten zwei Astronomen 1973.
Beide Studien überzeugten immerhin die Gutachter des renommierten Wissenschaftsmagazins "Nature", wo sie publiziert wurden. Allerdings konnte nie recht geklärt werden, warum Antimaterie, beziehungsweise ein Schwarzes Loch, in unteren Luftschichten Explosionen erzeugten, ansonsten aber offenbar folgenlos umherflitzen konnten.
Auch ein Meteorit wurde immer wieder ins Spiel gebracht. 1983 präsentierte ein Chemiker aus den USA Eisenkügelchen aus der Taiga. Sie würden beweisen, dass ein 160 Meter dicker Himmelskörper über Sibirien explodiert sei. Geologen jedoch blieben misstrauisch: Die Gegend liege über einem alten Vulkan, der ebenfalls Metallkugeln gespuckt haben könnte, erwiderten sie.
Einheimische widersprechen
Dennoch glauben viele Fachleute noch immer an eine Bombe aus dem All. Ein Komet aus Eis wäre allerdings schon beim Eintreffen in die Atmosphäre zerborsten, wenden Kritiker ein. Steinmeteoriten hingegen durchdringen zwar die Luft, doch sie explodieren eigentlich nicht. Italienische Geologen meinen aber inzwischen, den mutmaßlichen Einschlagkrater gefunden zu haben: den Tscheko-See.
Ihre Studie von 2007 erklärte ausführlich, warum Tiefe und Umrisse des Sees nur von einem Meteoriten geformt worden sein konnten. Bald jedoch meldeten sich Einheimische zu Wort: Sie verstünden zwar nichts von Wissenschaft, entschuldigten sie sich, jedoch hätten ihre Vorfahren den Tscheko-See schon vor 1908 gekannt.
Damit standen die Forscher wieder am Anfang, denn andere Spuren eines kosmischen Brockens gibt es nicht. Bislang wurden in Tunguska keine außerirdischen Partikel gefunden. Dennoch berichten die meisten Fachbücher weiterhin, ein Einschlag sei das wahrscheinlichste Szenario.
Magma im Untergrund
Der Physiker Wolfgang Kundt von der Universität Bonn vertritt hingegen die Meinung, das Unheil sei nicht von oben gekommen, sondern von unten: Eine riesige Erdgasblase sei aus dem Boden geschossen und habe sich entzündet. Im matschigen Boden Tunguskas blubbern tatsächlich beträchtliche Mengen Methangas. Deshalb gewinnt Kundts Idee immer mehr Fürsprecher.
Nun jedoch scheint eine andere Theorie das Szenario noch besser zu erklären. Von Magma getriebene Feuerbomben seien aus dem Boden geschossen, berichten Forscher um Jason Phipps Morgan von der Cornell University in Ithaca im US-Bundesstaat New York auf der AGU-Tagung in San Francisco. "Verneshots" nennt Morgan die hypothetischen Explosionen - nach einer Kanone, die Jules Verne in einem seiner Romane beschreibt.
Diese Eruptionen brauten sich dort zusammen, wo die Erdkruste besonders dick sei, glaubt der Geophysiker. Neben Sibirien kämen demnach auch weite Teile Europas, Nordamerikas und Australiens für Verneshots infrage. Dort staute sich in der Tiefe Magma, ohne dass Vulkane die Hitze abführten, meint Morgan. Dabei sammelte sich auch vulkanisches Gas. Schließlich halte die Erdkruste dem Druck nicht mehr stand, sie zerreißt: Mit gewaltiger Energie brechen Magma, Gas und Gestein kilometerhoch in die Luft, hatte Morgan bereits 2004 berichtet, als er seine Theorie der Verneshots vorstellte.
Die Explosionen könnten manche Katastrophe der Erdgeschichte ausgelöst haben, etwa das Aussterben der Dinosaurier, schrieb der Geophysiker damals. Schließlich erklärte bislang keine Theorie das Massensterben der Riesentiere am Ende der Kreidezeit schlüssig.
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