Tunguska-Explosion: Der Tag, an dem sich der Himmel teilte

Von Luca Gasperini, Enrico Bonatti und Giuseppe Longo

Vor genau 100 Jahren mähte eine gigantische Explosion mitten in Sibirien Millionen Bäume nieder. Bis heute rätseln Forscher, was genau damals geschehen ist. Bei einer abenteuerlichen Expedition ist ein Team auf Hinweise gestoßen, die das Geheimnis lüften könnten.

Es geschah am 30. Juni 1908 um 7.14 Uhr am Morgen in Zentralsibirien. Semen Semenjow erlebte die Explosion mit eigenen Augen und sah, wie "sich der Himmel teilte. Über dem Wald erschien eine hohe und breite Feuerwalze. Von dort, wo das Feuer loderte, ging eine enorme Hitze aus. Dann verdunkelte sich der Himmel, es war ein heftiger, dumpfer Schlag zu hören, und ich wurde nach hinten geschleudert Danach ertönte ein Krachen, als würden Kanonen abgefeuert, und die Erde bebte."

Der russische Bauer gehört zu jenen Augenzeugen, die dem Entsetzen erregenden Geschehen wohl am nächsten gewesen waren. Als Tunguska-Ereignis ging es mittlerweile in die Annalen ein: der in der modernen Menschheitsgeschichte vermutlich heftigste Einschlag eines Objekts aus dem Weltraum auf der Erde. Semenjow selbst befand sich etwa 65 Kilometer vom Ort der Explosion entfernt, doch sogar aus Nordeuropa und Zentralasien berichteten Zeitgenossen von ausgedehnten, silbrigen Wolken und leuchtenden, farbenfrohen Sonnenuntergängen. Der Nachthimmel über Großbritannien war geradezu hell erleuchtet: Um Mitternacht sollen Londoner auf unbeleuchteten Straßen mühelos die Zeitung gelesen haben.

Auch Geophysiker registrierten das Ereignis anhand von Luftdruckwellen und seismischen Beobachtungen und orteten es in einem abgelegenen Teil Sibiriens. Das Epizentrum der Explosion lag nahe dem Fluss Podkamennaja Tunguska ("Steinige Tunguska") - in einer unbewohnten Region der sumpfigen Taigawälder, wo der Boden während acht oder neun Monate in jedem Jahr gefroren ist.

Seit 100 Jahren fasziniert das Tunguska-Ereignis Wissenschaftler und interessierte Laien gleichermaßen - wohl auch deshalb, weil seine Ursache weiterhin im Dunkeln liegt. Zwar nehmen die meisten Forscher an, dass damals ein Objekt aus dem Weltraum, wohl ein Asteroid oder ein Komet, über dem sibirischen Himmel explodierte. Doch weder Bruchstücke noch Einschlagkrater wurden gefunden. Nun aber steht unser Team, nachdem es die jüngste der zahlreichen wissenschaftlichen Exkursionen in jenes Gebiet unternommen hat, vielleicht kurz vor einer aufregenden Entdeckung.

Das Tunguska-Ereignis ist kein Einzelfall in der Erdgeschichte, und genau darum ist seine Aufklärung so wichtig. Frühere Kollisionen mit extraterrestrischen Objekten hatten erhebliche Auswirkungen auf die Entwicklung der Erde und auf die Evolution irdischer Lebewesen. Vor rund 4,4 Milliarden Jahren beispielsweise scheint ein marsgroßer Asteroid unseren noch jungen Planeten getroffen und so viele Trümmer herausgeschlagen zu haben, dass daraus unser Mond entstand. Auch vor etwa 65 Millionen war es möglicherweise der Einschlag eines großen Objekts, der das Aussterben der Dinosaurier einleitete. Selbst in unserer Zeit beobachten wir Kollisionen von Himmelskörpern im Sonnensystem. Im Juli 1994 registrierten gleich mehrere Observatorien den spektakulären Aufprall mehrerer Fragmente des Kometen Shoemaker-Levy auf den Planeten Jupiter. Und erst im vorigen September erschraken peruanische Dorfbewohner vor einem himmlischen Objekt, das über ihre Köpfe hinweg zog und schließlich einen 4,5 Meter tiefen und 13 Meter breiten Krater in den Erdboden schlug.

Mit Hilfe einer geeigneten Datenbasis lässt sich die Häufigkeit kleinerer Einschläge abschätzen. Peter Brown und seine Mitarbeiter an der kanadischen Universität von Western Ontario und am Los Alamos National Laboratory im US-Bundesstaat New Mexico verfügen über satellitengestützte Beobachtungen von Sternschnuppen, verglühenden Meteoroiden also, und über akustische Daten, die bei Einschlägen auf der Erdoberfläche gewonnen wurden. Ihre Ergebnisse extrapolierten sie auch auf größere Kollisionen. Die durchschnittliche Häufigkeit von Asteroideneinschlägen, die dem Tunguska-Ereignis ähneln, liegt ihren Ergebnissen zufolge bei etwa einem Ereignis in 200 bis 1000 Jahren. Es ist daher nicht unwahrscheinlich, dass auch wir noch erleben, wie sich irgendwo auf der Erde ein weiterer Einschlag ereignet. Das Tunguska-Ereignis fand allerdings in einer unbewohnten Gegend der Erde statt. Bei einer vergleichbaren Explosion etwa über Berlin wäre aber das gesamte Stadtgebiet zerstört. Um uns auf eine solche Möglichkeit vorbereiten zu können, müssen wir besser verstehen, was beim Tunguska-Ereignis genau geschah.

Zunächst gilt es herauszufinden, ob es ein Komet oder ein Asteroid war, der den sibirischen Wald heimsuchte. In beiden Fällen käme es zwar zu mehr oder weniger vergleichbaren Folgen, doch es gibt einen wichtigen Unterschied. Kometen mit langen Umlaufdauern, die sich auf ihren Bahnen sehr weit von der Sonne entfernen, würden mit weitaus höheren Geschwindigkeiten auf die Erde aufprallen als Asteroiden. Letztere bewegen sich auf sonnennäheren Umlaufbahnen, verfügen über kürzere Umlaufdauern und sind entsprechend langsamer. Beim Aufprall eines kleinen Kometen könnte daher die gleiche Energie wie beim Aufprall eines wesentlich größeren Asteroiden frei werden.

Nun ist es für Astronomen recht schwierig, Objekte mit langen Umlaufdauern zu verfolgen, bevor sie in das innere Sonnensystem gelangen. Kometen kreuzen die Erdbahn zudem mit geringerer Wahrscheinlichkeit als Asteroiden. Aus beiden Gründen sind bestätigte Kometeneinschläge auf der Erde bislang unbekannt. Wäre das Tunguska-Ereignis tatsächlich durch einen Kometen verursacht worden, wären wir einem einzigartigen Ereignis auf der Spur. Andererseits: Trat an jenem Junimorgen der viel häufigere Fall eines explodierenden Asteroiden ein, warum wurden dann noch keine Bruchstücke gefunden?

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