Überfischung der Ozeane Forscher hegen Zweifel an bisherigen Messmethoden

Wie sehr plündert der Mensch die Meere? Bisher leiten Meeresbiologen den Zustand der Fischbestände vor allem aus den Fangzahlen ab. US-Meeresforscher kritisieren dieses Verfahren jetzt - und kommen zu anderen Ergebnissen. Verfechter der alten Methode weisen die Kritik jedoch vehement ab.

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Von Magdalena Hamm


Um die Fischbestände in den Weltmeeren ist es schlecht bestellt - wie schlecht genau, ist schwer zusagen. Das marine Ökosystem ist so groß und komplex, dass es einer Mammutaufgabe gleich käme, es im Ganzen zu erfassen. Meeresforscher sind auf lokale Stichproben angewiesen und darauf, was ihnen Fischer als Fangquoten melden. In den vergangenen zehn Jahren hat sich deshalb eine Methode etabliert, bei der von den Fangmeldungen auf die Artenzusammensetzung unter Wasser geschlossen wird.

Doch wie aussagekräftig ist dieses Verfahren? Glaubt man Meeresforschern der University of Washington, ist es nur mäßig dafür geeignet, den Zustand der Biodiversität in den Ozeanen zu bewerten. Im Wissenschaftsjournal "Nature" haben sie Ihre Einwände jetzt zu Papier gebracht.

Bisher funktioniert die Inventur der Meere im Wesentlichen so: Aus den Angaben der Fischer analysieren Meeresbiologen, auf welcher Stufe der Nahrungskette die gefangenen Meerestiere anzusiedeln sind. Diesen Parameter bezeichnen die Experten als durchschnittliches trophisches Level, kurz MLT (Abkürzung für "mean trophical level"). Auf einer Skala von eins bis vier markieren Kleinstlebewesen wie Mikroalgen das untere, große Räuber, wie etwa Haie oder fleischfressende Wale, das obere Ende. Ein Tunfisch liegt etwa bei Stufe 3,5.

Je nachdem wie sich der Fang zusammensetzt, errechnen die Forscher das MLT. Je niedriger der Wert ist, desto weniger große Raubfische sind im Netz gelandet - auf die es die meisten Fischer aber abgesehen haben.

Wenn das ermittelte trophische Level in einem Fanggebiet über die Jahre sinkt, schließen manche Biologen daraus, dass sich analog dazu auch die Artenzusammensetzung in dem darin liegenden Ökosystem verändert hat.

1998 erschien ein Artikel im Wissenschaftsmagazin "Science", der anhand solcher Messungen einen globalen Abwärtstrend des trophischen Levels verzeichnete. Die Autoren nannten das Phänomen "fishing down the foodweb". Damit warnten sie davor, dass der Mensch im Begriff ist, die marine Nahrungskette Stufe für Stufe zu überfischen, bis irgendwann nur noch Arten eines niedrigen trophischen Levels übrig sind - wie etwa Krustentiere oder Quallen.

In ihrer neuen Analyse konnten die Forscher der Washington University diesen Zusammenhang zwischen Fangzahlen und tatsächlicher Artenvielfalt jedoch nicht uneingeschränkt bestätigen. In fast der Hälfte, der von ihnen untersuchten Ökosysteme, fanden sie eine andere Artzusammensetzung, als es das zuvor ermittelte trophische Level vermuten ließ. "Das ist, als würde man für ein einzelnes Ökosystem eine Münze werfen", sagt der Studienleiter Trevor Branch.

Dieses Ergebnis sei nicht unerheblich, schließlich würden anhand des MTL Aussagen über Biodiversität und den allgemeinen Zustand der Weltmeere gemacht. Auch das Artenschutzabkommen der Vereinten Nationenstütze sich bei Vereinbarungen für Meerestiere hauptsächlich auf diesen Wert.

Angriff auf eine bewährte Methode?

Rainer Froese, Fischereibiologe am deutschen Meeresforschungsinstitut IFM-Geomar in Kiel, war seinerzeit Co-Autor der jetzt kritisierten "Science"-Studie. Er zeigte sich überrascht über den plötzlichen Angriff, die Methode habe sich vielfältig bewährt. "Wir konnten den 'Fishing-Down'-Effekt vielerorts auch lokal bestätigen, zum Beispiel in der Ostsee", sagt Froese. Sein Kollege und damaliger Hauptautor Daniel Pauly, der das Fisheries Centre an der University of British Columbia leitet, sagt zudem im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, die neue Studie enthalte erhebliche Mängel.

Branch und seine Kollegen haben für ihre aktuelle Analyse 14 der insgesamt 64 definierten Großraumökosysteme ausgewählt. "Sie haben also eine willkürliche Untermenge gebildet", sagt Froese. Pauly formuliert es drastischer: "Das ist 'cherrypicking'. Sie haben sich die Gebiete herausgesucht, für die ihre Theorie am ehesten passt." Es fehlten die wichtigen Fischereigründe in Indien, Indonesien, China und Afrika. "Unter den analysierten Ökosystemen ist kein einziges aus Südamerika, dabei ist Peru das Land mit der größten Fischereiindustrie überhaupt", so Pauly. "Es gibt Daten aus diesen Regionen, ich habe sie den Autoren sogar angeboten."

Diese lehnten sie aber offenbar ab. Stattdessen hätten sich die US-Kollegen auf Gebiete in Nordamerika, Australien und Neuseeland bezogen, in denen die Fischerei entweder gut geregelt sei oder einen geringen Anteil an der Gesamtindustrie ausmache.

Von den 14 ausgewählten Gebieten verglichen die Forscher nun das MLT mit 29 Datensätzen, die Forschungsschiffe dort auf regelmäßigen Ausfahrten erhoben hatten. Bei 13 dieser Datensätze konnten sie die Artenzusammensetzung nicht mit dem ermittelten Index in Einklang bringen. Studienautor Branch schließt daraus: "Global betrachtet scheint es nicht so zu sein, dass Menschen die marine Nahrungskette von oben nach unten abfischen."

Im Gegenteil, mit Hilfe ihrer neuen Daten haben Branch und seine Mitautoren den globalen MLT-Wert neu berechnet kommen zu dem Ergebnis, dass er seit den achtziger Jahren sogar wieder steigt (siehe Fotostrecke).

Allerdings, moniert Pauly, habe man dabei nicht berücksichtigt, dass sich die Fischerei ab diesem Zeitraum stetig ausgeweitet habe, auch in Regionen in denen zuvor nicht gefischt wurde. Dort seien natürlich wieder Fische eines höheren trophischen Levels anzutreffen - bis auch diese abgefischt sind. "Das ist, als würde ich als Bauer einen steigenden Ertrag verkünden, aber verschweigen, dass ich meine Anbaufläche verdoppelt habe."

Interessanterweise enthält die neue Arbeit auch eine Entwicklung der Fangzahlen nur für Fische ab einem Level von 3,5. Diese Kurve zeigt zwischen 1950 und 2000 einen kontinuierlichen Abwärtstrend. "Damit ist der 'Fishing-Down'-Effekt doch schon bestätigt", sagt Pauly. "Die ganz großen Fische werden immer seltener gefangen, obwohl die Fanggebiete erweitert wurden. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass sie aus den Ökosystemen verschwinden."

Keine Entwarnung - die Überfischung betrifft alle Glieder der Nahrungskette

Auch wenn die Forscher der Washington University Zweifel an der "Fishing-Down"-Hypothese hegen, wollen sie mit ihren Daten keinesfalls Entwarnung geben. Sie gehen stattdessen davon aus, dass die Überfischung insgesamt zugenommen hat, nicht nur bei den großen Raubfischen. "Wenn alles gleichermaßen ausgebeutet wird, bleibt das durchschnittliche trophische Level gleich", so Branch. Deshalb sei es nicht sinnvoll, diesen Wert heranzuziehen um Aussagen darüber zu treffen, welche Fischerei nachhaltig ist.

Im Golf von Thailand würde man beispielsweise einen steigenden Wert verzeichnen, nach der alten Theorie müsste sich das Ökosystem hier also erholen. In Wahrheit seien seit den fünfziger Jahren aber die Populationen sämtlicher Fische zurück gegangen. "Dort haben es die Fischer ursprünglich auf Muscheln und Garnelen abgesehen, die weit unten in der Nahrungskette stehen", sagt Branch. Erst jetzt, nachdem die Nachfrage gestiegen sei, hätten sie vermehrt auf große Raubfische umgestellt. "Fangdaten allein reichen also nicht aus, um den Zustand der marinen Ökosysteme zu beschreiben", es müssten mehr wissenschaftliche Daten für einzelne Arten erhoben werden.

Dem würde auch Pauly zustimmen, allerdings seien solche Messungen aufwendig und teuer. Für den Moment sei die Ermittlung des trophischen Levels ein gut funktionierendes Instrument um den Trend der Überfischung zu beschreiben.

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