Überraschung Erdmännchen sind gute Lehrer

Lehrer, die sich aktiv um ihre Schüler kümmern, wurden bisher nur unter Menschen vermutet - und unter Ameisen. Jetzt aber haben Forscher gezeigt, dass auch Erdmännchen in der Lage sind, ihrem Nachwuchs auf diese besondere Art Wissen zu vermitteln.


Tiere können äußerst aufmerksame Beobachter sein: Bei zahlreichen Arten schauen sich Jungtiere wichtige Überlebensstrategien von den Älteren ab. Aktives Lehren und Lernen aber, bei dem eine Kommunikation und damit gegenseitige Beeinflussung zwischen Jung und Alt stattfindet, wurde bis vor kurzem nur dem Menschen zugetraut. Erst im Januar dieses Jahres hatten Wissenschaftler ausgerechnet Ameisen als erstes und bisher einziges gesichertes Beispiel für bidirektionales Lernen im Tierreich genannt.

Jetzt haben die Zoologen Alex Thornton und Katherine McAuliffe von der englischen University of Cambridge Ähnliches auch bei einer Gruppe wilder Erdmännchen (Suricata suricatta) im Süden Afrikas beobachtet. Die possierlichen Tiere leben in Gruppen von bis zu 40 Mitgliedern. Für den Nachwuchs in ihrer Gruppe sorgen aber zu etwa 80 Prozent nur ein dominierendes Männchen und sein Weibchen.

Die Erziehung der Jungen wiederum fällt "Helfern" zu, wie Thornton und McAuliffe die anderen erwachsenen Tiere in der Gruppe nennen. Sie bringen den kleinen Erdmännchen bei, wie sie lebende Grashüpfer zu fassen bekommen oder Skorpione verspeisen können, ohne vom giftigen Stachel erwischt zu werden.

Lehrer stellen sich auf Schüler ein

Auffallend ist, dass die Erdmännchen-Erzieher ihre Schüler nach und nach an größere Herausforderungen heranführen, schreiben die Forscher im Wissenschaftsmagazin "Science". Ähnlich überraschend stellten sie fest, dass die älteren Tiere ihre Aufgabe ohne eigenen Nutzen und unter persönlichen Opfern erfüllen. So nahmen sie es auf sich, giftigen Skorpionen den Stachel zu entfernen, bevor sie die Leckerbissen den Jungen zum Probieren vorlegten. Bis der Nachwuchs das Erwachsenenalter von etwa 90 Tagen erreicht hatte, war er von seinen Lehrern in alle Überlebenstricks für wilde Erdmännchen eingeweiht worden.

Damit seien die gängigen Kriterien für echtes Lehren erfüllt, erklären die Forscher: Ein Individuum verändert sein Verhalten nur in der Gegenwart eines unwissenden Beobachters, hat als Lehrer keinen Vorteil oder gar Nachteile durch seine Rolle, und der Schüler lernt schneller, als wenn er allein gewesen wäre.

"Klarer Fall von Lehrverhalten"

"Romantisch ausgedrückt könnte man sagen, dass der Erwachsene die Hilfsbedürftigkeit des Jüngeren erkennt", sagte Steven Hopp, Tierverhaltensforscher am Emory and Henry College in den USA. Ob und was Erdmännchen wirklich denken, bleibe aber freilich "eine nicht zu beantwortende Frage".

Hopp hält die Studie seiner beiden Kollegen aus Cambridge für einen "klaren und eindeutigen Fall von Lehrverhalten". Sie zeige, dass solche Strategien im Tierreich wahrscheinlich weiter verbreitet sind als bisher vermutet.

Den gleichen Schluss ziehen auch Thornton und McAuliffe. "Ich glaube, dass das Lehren unter Arten, bei denen abhängige Jungtiere komplexe Fähigkeiten lernen müssen, sehr weit verbreitet ist", sagte Thornton. Die Forscher betonen, dass ein besseres Verständnis über die Entwicklung von Lernen und Lehren auch das Wissen über das Wesen des Menschen erweitern könnte. "Wenn wir mehr über die kulturelle Evolution des Menschen erfahren möchten", erklärte Thornton, "ist größeres Wissen über die Evolution des Lehrens von zentraler Bedeutung."

mbe/rtr/dpa/AP



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