Übersäuerung der Meere: Weichkorallen könnten Steinkorallen verdrängen

Die Übersäuerung der Meere verändert die Zusammensetzung von Korallenriffen, warnen japanische Forscher. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnten Weichkorallen die in maritimen Lebensräumen wichtigen Steinkorallen mehr und mehr verdrängen.

Lederkorallen (hinten): Besser gegen saures Wasser gewappnet Zur Großansicht
DPA

Lederkorallen (hinten): Besser gegen saures Wasser gewappnet

London/Tokio - Steinkorallen spielen eine zentrale Rolle beim Entstehen eines Riffs und bieten den Lebensraum für viele Wasserorganismen. Doch die Übersäuerung der Meere könnte die Zusammensetzung der Riffe nachhaltig verändern, berichten japanische Forscher im Journal "Nature Climate Change". Steinkorallen kämen mit dem höheren Säuregrad schlechter zurecht als andere Korallenarten und könnten von diesen zunehmend verdrängt werden.

Gerät mehr Klimagas Kohlendioxid (CO2) ins Meer, sinkt der pH-Wert - das Wasser wird saurer. Die Folgen einer Meeres-Übersäuerung für Korallen wurden bereits in verschiedenen Studien erforscht. Eine Untersuchung im Mittelmeer hatte ergeben, dass kalkbildende Organismen in Gebieten mit hohen CO2-Werten zunehmend durch Algen und Seegras verdrängt werden. Auch Studien in Papua-Neuguinea und Mexiko zeigten, dass ein geringerer pH-Wert zu einer Abnahme der Korallenvielfalt führt.

Steinkorallen bilden zentimeterdicke Kalkskelette. Weichkorallen wie Lederkorallen (Sacrophyton elegans) hingegen besitzen zur Stabilisierung lediglich hauchdünne Kalknadeln, sogenannte Sklerite, die keine Riffe bilden. Die meisten Studien konzentrieren sich auf die Folgen einer CO2-Erhöhung für Steinkorallen, schreiben Shihori Inoue und Kollegen nun in "Nature Climate Change". Es gebe hingegen keine Untersuchungen über die Auswirkungen für Weichkorallen.

Kohlendioxidgehalt entscheidet

Die Forscher untersuchten deshalb die Umgebung der unbewohnten Vulkaninsel Iwotorishima, die zu den japanischen Ryukyu-Inseln gehört. Die gesamte Insel ist von Korallenriffen umgeben - bis auf die Südostküste, wo das Meerwasser aufgrund von Quellen und Vulkangasen übersäuert ist. Auch sonst ist die Zusammensetzung der Riffe von Iwotorishima den Forschern zufolge stark vom CO2-Gehalt abhängig. So wachsen Steinkorallen nur in Regionen mit normalen Kohlendioxid-Konzentrationen, Weichkorallen kommen hingegen auch bei leicht erhöhtem CO2-Gehalt vor.

Die Wissenschaftler sammelten fünf Lederkorallen-Kolonien aus Zonen, die dicht mit Weichkorallen besiedelt sind. Die Kolonien wurden in verschiedene Becken gesetzt und fünf Wochen lang beobachtet: In einem Tank herrschten normale, im anderen leicht erhöhte und im dritten stark erhöhte CO2-Konzentration. Vor dem Start des Experiments sowie nach rund zwei und fünf Wochen überprüften die Forscher, wie sich die Kalkbildung der Nesseltiere veränderte. Da Sacrophyton elegans in Symbiose mit einzelligen Algen lebt, wurde auch die Photosyntheserate untersucht.

Weichkorallen besser gegen Übersäuerung gewappnet

Tagsüber führte ein Anstieg der CO2-Konzentration demnach zu einer stärkeren Photosynthese, die Erhöhung hatte aber keinen Einfluss auf die Kalkbildung. Für die Nacht galt hingegen: Gibt es mehr Kohlendioxid im Wasser, geht die Kalkbildung zurück, oder es kommt sogar zur Entkalkung der Weichkorallen. Zwei von fünf Kolonien, die in stark CO2-reichem Wasser gehalten wurden, starben während des Experiments.

Ein radikaler CO2-Anstieg schadete den Lederkorallen also. Insgesamt seien die Weichkorallen jedoch stärker gegen Übersäuerung gewappnet, folgern die Forscher. Zum einen, weil ihre Kalknadeln in schützendem Gewebe eingebettet seien und aus einem weniger löslichem Material bestehen als die Kalkskelette der Steinkorallen. Zum anderen sei bekannt, dass Photosynthese die Kalkbildung verstärke. Bei einer CO2-Erhöhung könne eine gesteigerte Photosynthese am Tag somit die Entkalkung der Korallen bei Nacht bis zu einem gewissen Grad ausgleichen.

Dies könnte - in Verbindung mit ihrer Fähigkeit, Gegenden schnell zu besiedeln - dazu führen, dass Weichkorallen Steinkorallen im Zuge der Meeres-Übersäuerung zunehmend vertreiben.

hda/dpa

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS
alles zum Thema Kohlendioxid
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Warnung: Korallenriffe vorm Kollaps

Fotostrecke
Sensible Meeresbewohner: Vergängliche Schönheit

Testen Sie Ihr Wissen!