Übervölkerte Wälder CSU-Mann schimpft auf Jäger

Feuer frei auf die deutschen Waidmänner. In einem 26 Seiten langen Memorandum begründet der CSU-Abgeordnete und Waldbesitzer Sebastian von Rotenhan, 55, aus Bayern, warum die naturgemäße Waldwirtschaft in Deutschland nicht funktioniert.

Von Sebastian Knauer


Jäger, erlegte Wildschweine: "Jagende Zahnärzte und Rechtsanwälte"
DDP

Jäger, erlegte Wildschweine: "Jagende Zahnärzte und Rechtsanwälte"

Bei der deutschen Jägerschaft herrsche "vollkommene Uneinsichtigkeit die Schalenwildbestände auf ein waldverträgliches Maß abzusenken" kritisiert der fränkischen Waldunternehmer und CSU-Landtagsabgeordnete von Rotenhan. Die Folge sei ein flächendeckender Verbiss junger Baumkulturen, der das Entstehen und den Erhalt wertvoller Mischwälder verhindere. Diese "Primitivforstwirtschaft" werde in den Bundesländern durch Landesforstbeamte befördert, die zusammen mit den Jägern einen "Sumpf" bilde.

Die in der Öffentlichkeit "vorgegaukelte Hege-Ideologie" sei nichts anderes als eine "gezielte Trophäenzucht". Es sei "jagenden Zahnärzten und Rechtsanwälten" nicht übel zu nehmen, dass sie gegen "horrende Jagdpachten" der Landesforstverwaltungen einen dichten Tierbestand erwarteten. Aber die Behauptung der Verbände, die Jagd sei "angewandter Naturschutz", ist für den Kritiker eine "ungeheuerliche Beschönigung dessen, was in unseren Wäldern tagein tagaus stattfindet".

Rotenhan, ehemaliger Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft, untermauert seine harsche Kritik mit Zahlen und Fotos (vollständiger Text auf papernews.de). So koste die Anlage eines Schutzzauns ("Gefängnisforstwirtschaft") gegen gefräßige Rehe und Hirsche dem Steuerzahler bis zu 10.000 Euro pro Hektar. Das Geld sei komplett "a fond perdue", da es mit den später verkauften Hölzern nicht zu erwirtschaften sei. In dieser "waldbaulichen Katastrophe" verarmter Bodenflora, auf denen nur noch Humus verzehrendes Gras wachse, werde dann auch noch, "wenn keiner zusieht", das Herbizid Roundup gespritzt.

Als Alternative fordert von Rotenhan, der sich für das Öko-Siegel "Forest Steward Ship" (FSC) naturnah erzeugten Holzes engagiert, eine Umkehr der Wald- und Jagdwirtschaft. Beim brandenburgischen Groß-Kölzig hatte von Rotenhan im Jahre 2000 einen erworbenen Forst nach dem Motto "Wald vor Wild" umgestellt. Mit einer geregelten Jagd sowie einer gezielten Durchforstung habe sich ein wertvoller Mischwald entwickelt. Für die Zukunft setzt der Waldbesitzer von Rotenhan auf eine neue Generation "junger Forstleute", die das "anvertraute Stück Erde" nicht nach der Qualität der Trophäen, sondern den "hinterlassenen Wäldern" beurteilen werden. Von Rotenhan: "Jedes Kind weiß, dass Jäger lügen. Das Jägerlatein ist sprichwörtlich."



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