Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Umstrittene Aufforstung in Uganda: Bäume pflanzen, Bauern verdrängen

Aus Hoima in Uganda berichtet Susanne Götze

Plantagen-Projekt: CO2-Zertifikate aus Uganda Fotos
Susanne Götze

Ein deutscher Politiker lässt in Uganda unzählige Bäume pflanzen - offiziell zum Klimaschutz. Aber die Plantagen bedrohen das Überleben von Kleinbauern.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Lawrence Kamonyo weiß nicht, was Klimaschutz ist. Der afrikanische Kuhhirte kennt weder das Zwei-Grad-Ziel noch den Emissionshandel. Er hat noch nie einen Flug gebucht, einen Kühlschrank besessen oder einen SUV gefahren. Lawrence Kamonyo lebt in einem bescheidenen Haus im Busch im Nordwesten von Uganda, einem der ärmsten Länder der Welt.

Sein Pech, dass sein Stück Land für den Klimaschutz ausgewählt wurde. Und wenn es in Uganda um Land geht, wird nicht lange gefackelt. Das Haus der Familie Kamonyo wurde abgebrannt, seine Kinder hat man geschlagen, er selbst wurde festgenommen.

Der Hirte wollte sein Land nicht aufgeben, das er seit Jahren bewirtschaftet. Dort, wo er abends vor seiner strohgedeckten Hütte bisher seine Rinder zusammentrieb, will die deutsche Firma Global Woods Bäume pflanzen, um CO2 aus der Atmosphäre zu binden. Denn davon gibt es zu viel: Im Frühling 2015 stieg die Konzentration von CO2 laut Welt-Meteorologie-Organisation WMO im globalen Durchschnitterstmals über 400 ppm (parts per million). Auch auf dem internationalen Klima-Parkett sind private Investoren gern gesehen, wenn sie Umweltschutz und Business zusammen denken. Gerade erst haben bei der Klimakonferenz in Paris mehrere afrikanische Staaten sowie internationale Unterstützer die Aufforstung von hundert Millionen Hektar Wald angekündigt.

Klimaschutz mit Wald in Afrika?

Mit einer solchen Idee fing der ehemalige FDP-Politiker Manfred Vohrer 2002 mit Unterstützung des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ) in Kikonda - nicht weit von Lawrence Kamonyos Haus - an, Bäume zu pflanzen. Bis heute hat Vohrers Unternehmen Global Woods International AG auf 12.000 Hektar sechs Millionen Bäume wachsen lassen. Wenn der Karlsruher Klimaschutzfond, die Stadtwerke Hamm oder andere Unternehmen mit Vohrers Waldprojekt werben, denkt der deutsche Verbraucher wohl erst einmal: Was kann daran falsch sein, ein Waldprojekt in Afrika zu unterstützen und damit auch noch das Klima zu retten?

Die Hintergründe der Erderwärmung
Für den Viehhirten Lawrence Kamonyo und seine Nachbarn sind die Leute, die Bäume pflanzen, schlicht "reiche weiße Leute, die Geschäfte machen". "Ich habe nichts gegen Wald, wenn er ein richtiger Wald ist, in dem man leben und arbeiten kann", sagt der schmale 65-Jährige im abgerissenen Hemd, der kein Englisch spricht und kaum seinen Namen schreiben kann. Kamonyos Familie lebt seit Generationen von der Viehhaltung, eine Schule haben die wenigsten von ihnen besucht.

Tatsächlich hat die Kiefernplantage von Global Woods in Kikonda im Nordwesten Ugandas nichts mit der deutschen Vorstellung von Wald zu tun. Fährt man an die Plantage heran, sieht man fast ausschließlich Kiefern, die kilometerweit einsehbar in Reih und Glied stehen. Dabei gab es Kiefern in der Region nicht, bevor Manfred Vohrer nach Uganda kam. In der Umgebung der Plantage, die derzeit noch von der Firma gerodet wird, wachsen wilde Mango,- Casava- und Bananenbäume sowie Akazien, zwischen denen sich Antilopen, Affen, Buffalos und Hasen tummeln, Vögel laut kreischen und Insekten summen.

Vater und Sohn

In der Kiefernplantage von Global Woods ist es dagegen merklich still. Zwischen den nackten Stämmen wächst nur wenig Gras, Verstecke für Tiere gibt es kaum. Das könnte auch an dem Herbizid liegen, das die Firma rund um junge Bäume versprüht. Die Viehhirten klagen, dass Tiere, die die Baumplantage betreten, erkranken und ihre Kühe missgebildete Kälber zur Welt bringen. Die Plantage raube ihnen die Äcker, auf denen sie bislang Gemüse anbauten. Es steht Baum gegen Essen.

Doch auf dem Papier geht alles mit rechten Dingen zu bei Global Woods. Die kommerzielle Plantage ist mit dem als anspruchsvoll geltenden Gold Standard gelabelt, den die Stiftung gleichen Namens vergibt und 2003 von der Umweltorganisation WWF gegründet wurde. Unter dem Gold Standard wurde das Projekt vom TÜV Süd geprüft. Allerdings ist es merkwürdig, dass der Sohn des Ex-FDP-Politikers Vohrer, Moritz Vohrer, bei der Gold-Standard-Stiftung arbeitet und dort ausgerechnet für Waldprojekte zuständig ist. Und bevor Gold Standard das Projekt in Uganda prüfte, wurde es jahrelang vom Carbon-Fix-Standard kontrolliert - dessen Gründer ebenfalls der Sohn von Manfred Vohrer war. Die Gold-Standard-Stiftung und der TÜV streiten einen Interessenkonflikt ab. Auf die Vorfälle rund um die Plantage sei der Gold Standard laut einer Stellungnahme durch Zufall vor einigen Wochen gestoßen. Nun stehe eine Untersuchung an.

Zwei Millionen Tonnen CO2 gespart

Das Unternehmen hingegen weist alle Anschuldigungen zurück. Viele Mitglieder der Familie würden sich für eine nachhaltige Entwicklung einsetzen, lässt Manfred Vohrer schriftlich wissen. Die Zertifizierer seien unabhängige Dritte. Zu den Vorfällen vor Ort äußert sich der ehemalige FDP-Politiker nicht. Auch die Herbizide sind laut Global-Woods-Management legaler Bestandteil der Fortwirtschaft. "Es gibt keinen wissenschaftlichen Zusammenhang zwischen dem von uns verwendeten Pflanzenschutzmittel und dem Verenden von Kühen", verteidigt sich Mitarbeiter Matthias Baldus.

Der junge deutsche Förster arbeitet seit zehn Jahren für Global Woods. Irgendwann wolle das Unternehmen das Holz auch ernten, um es auf dem lokalen oder gar internationalen Markt zu verkaufen, sagt er. Wald ist eben ein Business.

Ursprünglich wollte Global Woods nicht nur mit dem Holz Geld verdienen, sondern vor allem Profite mit dem Verkauf von CO2-Zertifikaten machen - quasi ein Win-win-Geschäft. Umweltbewusste Unternehmen in Deutschland können sich dann mit den Zertifikaten, so genannten "Carbon Credits", ein grünes Image verschaffen. Das hat im Fall Global Woods zum Teil auch geklappt. Die Bäume, die Manfred Vohrer in Uganda gepflanzt hat, sparen laut Projektdokumentation in den 60 Jahren rund zwei Millionen Tonnen CO2 ein. Die Zertifikate erhält der Plantagenbesitzer, sobald die Bäume gepflanzt sind, und kann sie dann Stück für Stück verkaufen - auch wenn Holz entnommen wird.

Zertifikate-Preise im Keller

Gerade ist der Wert der Carbon-Papiere allerdings am Boden. Für ein CER (Certified Emission Reduction) erhält man an der Börse pro Tonne CO2 gerade mal 67 Cent. Seine Klimasünden auszugleichen ist derzeit so billig wie nie. Obwohl der Markt übersättigt ist, gibt es immer mehr CO2-Zertifikate: 4,5 Milliarden US-Dollar bezahlten Unternehmen, öffentliche Einrichtungen und Privatleute 2014 für freiwillige CO2-Kompensation, Tendenz steigend. Wenn in den nächsten Jahren mehr Unternehmen auf die Idee kommen, sich mit den Zertifikaten zu schmücken und klimaneutral zu werden, könnten die Preise wieder anziehen.

Von diesen Dimensionen ahnen die Bauern und Viehhirten des Kalangi-Dorfes nahe der Kikonda-Plantage nichts. Lawrence Kamonyo und seine Frau Jolly Kemirembe leben vielmehr in Angst, seit ein Mitarbeiter von Vohrer ihre Kinder verprügelte und ihr Haus zerstörte. Eine Entschuldigung oder Kompensation erhielten sie nach eigenen Aussagen von der Firma noch nicht. Global Woods gibt an, dass das "Gespräche über eine Wiedergutmachung" noch nicht abgeschlossen seien. Der Vorfall ist nun schon fast drei Jahre alt.

Die Landrechte sind übrigens nicht endgültig geklärt. Genauso wie Global Woods hat auch Kamonyo einen Pachtvertrag in der Schublade. Das Land wurde offensichtlich zweimal verpachtet, das behaupten zumindest die Bauern. Doch Global Woods sitzt am längeren Hebel: Deren Security lässt Farmer wie Kamonyo regelmäßig von der Polizei festnehmen. Denn Landwirtschaft und Viehwirtschaft innerhalb eines "Forest Reserve" seien laut ugandischen Gesetzen nicht erlaubt, wie Global-Woods-Mitarbeiter Baldus erklärt.

Hinweis: Die Arbeit der Autorin wurde mit einem Stipendium vomNetzwerk Recherche unterstützt.


Zusammengefasst: In Uganda forstet eine deutsche Firma Wald auf. Doch das Projekt ist umstritten. Denn für die Flächen müssen Bauern, die in der Region leben, ihre Hütten verlassen und werden zwangsweise umgesiedelt. Zudem bieten die neu entstandenen Plantagen kaum Lebensraum für Tiere.

Klimagipfel in Paris

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 54 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ist doch super..
danreinhardt 09.12.2015
Dann pflanzt VW ein paar Bäume in Afrika und schon ist der Abgasskandal beseitigt. Ein hoch auf unsere simple Welt! -.-
2. Tuste Böses ...
westerwäller 09.12.2015
... isses nicht recht. Tuste Gutes ... isses nicht recht. Tuste gar nix ... isses auch nicht recht. Wat tuste nu?
3. Nichts gelernt
Crossi71 09.12.2015
Das kann kein deutscher Förster sein, der für dieses Unternehmen arbeitet. Monokulturen sind out! Keine heimischen Pflanzen anbauen ist out! Ergo kann es diesem Unternehmen nur darum gehen, doppelt zu kassieren. Über die CO2-Zertifikate und über Holzverkauf. Man sollte auch das System überarbeiten, damit Holzentnahmen wieder die Anzahl an Zertifikaten reduziert.
4. Es ist wie es ist.
Irene56 09.12.2015
WIR müssen uns überall einmischen und der Menschheit zeigen, wo es lang geht. Wenn andere dabei auf der Strecke bleiben? Pech gehabt, alles geht eben nicht, entweder wir betreiben dilettantischen Klimaschutz oder wir retten Menschen.
5. Hier wird deutlich,..
kraus.roland 09.12.2015
..welcher Irrsinn hinter dem CER-Handel steckt. Das haben sich die übelsten Umweltsünder ausgedacht, um weiterzumachen wie bisher. Auch ist abzusehen, dass das ganze Projekt schiefgeht, weil eine solche Monoplantage nur Schaden anrichtet.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



CO2-Zertifikate
CO2-Zertifikate können sich Unternehmen im verpflichtenden Emissionshandel anrechnen lassen, wenn Sie die gesetzlich festgelegte Höhe ihres CO2-Ausstoßes überschritten haben. Diese können auch aus sogenannten Offset-Projekten stammen, die oft in Entwicklungsländern durchgeführt werden. Neben Waldprojekten in Entwicklungsländern gibt es zudem Einsparprojekte im Bereich Energieeffizienz und Erneuerbare Energien. Bei Aufforstungsprojekten wird ein Waldplan aufgestellt, in dem man die zu erwartenden CO2-Emissionen berechnet, die durch die Bäume innerhalb von 60 Jahren gebunden werden. Eine Tonne CO2 ist dann ein Zertifikat und kann am Markt gehandelt werden. Diese werden jedoch nicht erst nach 60 Jahren, sondern bereits direkt nach Anpflanzen der Bäume ausgeschüttet ¿ egal ob das Unternehmen später das Holz erntet oder nicht. Die Waldprojekte müssen nach der Gold Standard Stiftung nachweisen, dass sie zusätzlich sind ¿ das heißt ¿ dass ohne das Projekt die CO2-Emissionen nicht gebunden würden.

Gletscherschwund im Fotovergleich

Wer will was beim Klimagipfel?
China
Der weltweit größte CO2-Emittent hat seinen Kurs geändert. Auf dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen galt China noch als großer Verweigerer. Nun erwarten Beobachter, dass sich das Land für einen erfolgreichen Klimagipfel einsetzen wird. Staatspräsident Xi Jinping und Frankreichs Präsident François Hollande haben Anfang November zugesagt, sich für regelmäßige Kontrollen der in Paris vereinbarten Ziele starkzumachen. Alle fünf Jahre soll eine komplette Überprüfung der erreichten Fortschritte stattfinden. Peking hatte im Juni angekündigt, seine bisherigen Klimaziele für den Gipfel zu erhöhen. Der Ausstoß von Kohlendioxid soll demnach möglichst vor 2030 den Höhepunkt im Land erreichen. 20 Prozent des Energiebedarfs sollen bis dahin aus nicht fossilen Quellen gedeckt werden. Zudem sollen die Emissionen gemessen an der Wirtschaftsleistung bis 2030 um 60 bis 65 Prozent gegenüber 2005 reduziert werden. Durch drastisches Einsparen von Kohle hofft China, auch die Smogprobleme in den Großstädten zu lösen. Das Problem: China stößt in der Realität laut neuen Auswertungen offenbar ein Sechstel mehr Treibhausgase aus als bisher bekannt.
USA
US-Präsident Barack Obama hat sich früh zum Klimagipfel in Paris bekannt und zeigt sich zuversichtlich. Die größte Volkswirtschaft der Welt hat angekündigt, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 17 Prozent im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Bis 2025 sollen sie um 26 bis 28 Prozent sinken und bis 2050 um 80 Prozent. Gegen teils erbitterten Widerstand der konservativen Republikaner hat Obama zuletzt Zeichen gesetzt. So verbot er den Weiterbau der umstrittenen Keystone-Pipeline, die Ölsand-Abbaugebiete in Kanada mit dem Golf von Mexiko verbinden sollte. Allerdings hatte Außenminister John Kerry in Europa Verärgerung ausgelöst, als er erklärte, eine Vereinbarung auf dem Klimagipfel werde definitiv nicht den Status eines Vertrages haben. Dies wird in den USA als innenpolitische Taktik gewertet - einen rechtlich verbindlichen Vertrag müsste Obama durch den von den Republikanern dominierten Senat boxen.
Europäische Union
Die EU hat sich im internationalen Vergleich vergleichsweise ehrgeizige Ziele gesetzt. So soll sich etwa der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) bis 2030 um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 vermindern. Zudem macht sich der Staatenverbund dafür stark, dass der CO2-Ausstoß bis zum Ende des Jahrhunderts auf null sinkt. In Paris, so die Forderung, muss ein verbindliches Klimaschutzabkommen vereinbart werden. Zudem soll ein Mechanismus vereinbart werden, bei dem die weltweiten Anstrengungen alle fünf Jahre geprüft und falls nötig nachjustiert werden.
Entwicklungsländer (G77)
Diese heterogene Gruppe reicht von Bangladesch und anderen stark durch den Klimawandel gefährdeten Staaten bis Saudi Arabien. Viele der Länder haben zwar auch nationale Klimaschutzpläne vorgelegt, die Erfüllung der Ziele jedoch oftmals von finanzieller oder technischer Unterstützung durch die Industrienationen abhängig gemacht. Diese hatten unter bestimmten Bedingungen Klimahilfen zugesagt, die bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar erreichen sollen. Nun pochen die Entwicklungsländer auf konkrete Vereinbarungen dazu.
Indien
Das aufstrebende Schwellenland will bis 2030 etwa ein Drittel weniger Treibhausgase im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt ausstoßen als 2005. Das soll vor allem durch den massiven Ausbau der Solarenergie sowie weniger Subventionen für fossile Brennstoffe und eine Kohlesteuer gelingen. Indiens Formel lautet: 175 Gigawatt aus erneuerbaren Energien schon bis 2022, das ist viermal so viel wie heute. Doch Neu Delhi macht auch klar: Dafür braucht es richtig viel Geld und Technologietransfer. Weil die Industrieländer historisch gesehen den Klimawandel fast allein verantworten, sollten sie nun auch zahlen.

Die Kurven zeigen den Mittelwert über verschiedene IPCC-Szenarien, bei denen die Temperatur bis 2100 mit einer Wahrscheinlichkeit von 66% um maximal zwei Grad steigt. Bei der roten Kurve beträgt die Chance dafür nur 50%.



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: