Ultraschall-Rekord Heuschrecken zirpen in höchsten Tönen

Der neue Singstar unter den Insekten ist eine bislang unbekannte Heuschrecke aus dem kolumbianischen Regenwald: Sie tönt mit bis zu 130.000 Schwingungen pro Sekunde. Dieses Ultraschall-Gezirpe kann ein Mensch nicht wahrnehmen - wohl aber die heruntergepitchte Version.


Nicht jeder Mensch kann Grillengezirpe hören. Weil er das nervige Summen einfach nicht hören will. Oder weil die schrillen Töne so hoch sind, dass man sie einfach nicht mehr wahrnehmen kann. Denn ein Mensch kann Töne mit Frequenzen von maximal 20.000 Schwingungen pro Sekunden (20 Kilohertz) hören. Mit 129.000 Schwingungen pro Sekunde ertönt hingegen das Gezirpe einer bisher unbekannten Laubheuschreckenart aus dem kolumbianischen Regenwald - bei keinem anderen Insekt wurden je höhere Ultraschallfrequenzen gemessen. 106.000 Hertz galt bislang als Maximum der Insekten-Töne.

Damit auch wir Menschen uns den Hochgesang der Heuschrecken anhören können, hat das Forscherteam um Fernando Montealegre-Z. von der University of Toronto in Scarborough das Gezirpe auf für uns hörbare Frequenzen heruntergerechnet. Dazu wurden die Schwingungen um den Faktor 32 verlangsamt. Das aufgeregte Gezirpe klingt dann aber auch eher nach einem Trommeln:

Zugegeben, eine Frau kann das Heuschrecken-Männchen damit sicher nicht betören - und womöglich nicht einmal die verehrten Artgenossin. Denn während Heuschrecken-Männchen der meisten Arten ihren Angebeteten ein Ständchen vorzirpen, blieb es den Forschern rätselhaft, warum die Heuschrecken der neu entdeckten Gattung Arachnoscelis sich auf die hohen Töne spezialisiert haben.

Ultraschall hat in feuchter Luft, wie sie in der tropischen Heimat der Tenor-Heuschrecken herrscht, eine sehr kurze Reichweite. Deswegen die Vermutung der Biologen: Vielleicht entgehen die Heuschrecken so den Lauschangriffen von Fledermäusen oder erleichtern sich das gegenseitige Erkennen auf geringer Distanz.

Die meisten Heuschrecken-Männchen verführen ihre Umworbene mit einem Balzgesang während der Sommermonate. Es ist das typische Zirpen, das auch Menschen hören können. Für dieses Liedchen reiben die Männchen ihre auf diese Musik spezialisierten Flügel aneinander: Auf der Unterseite des oberen Flügels sitzt die mit kleinen Zähnen besetzte Schrillleiste, über die das Tier mit der Schrillkante am unteren Flügel wie mit einem Bogen streicht. Je schneller sich die Flügel bewegen, desto höher wird der Gesang; die erreichbare Frequenz hängt davon ab, wie schnell sich die Muskeln kontrahieren.

Hochgeschwindigkeitskameras zeigen die Geige im Flügel

Mit diesem Mechanismus lassen sich die extrem hohen Ultraschalltöne der neu entdeckten Heuschreckenart jedoch nicht erzeugen, schreiben die Biologen in der Fachzeitschrift "Journal of the Experimental Biology" - und forschten nach. Dazu klebten sie einigen Heuschreckenmännchen kleine reflektierende Bänder auf die Flügel. Mit lichtempfindlichen Hochgeschwindigkeitskameras ließ sich so die Bewegung der Flügel verfolgen. Der anfängliche Verdacht der Wissenschaftler habe sich eigenen Angaben zufolge bestätigt: Die Bewegung der Flügel ist zu langsam, um alleine für die Rekordtöne verantwortlich zu sein.

Wie also kommen dann die schrillen Töne zustande? Indem das Insekt einen Flügel hinter den anderen spannt und ihn dann wieder losschnellen lässt, meinen die Forscher. Der Trick des tierischen Zirp-Instruments - eine Art eingebaute Geige - offenbarte sich unter dem Elektronenmikroskop: Der Bogen ist an einem besonders großen Stück biegsamer Haut befestigt.

Möglicherweise klemme er sich demnach hinter die Zähne der Schrillkante und verbiege sich, je weiter sich der Flügel vorwärts bewege, vermuten die Biologen. So speichere der Bogen elastische Energie und streiche beim Zurückspringen schnell über die Zähne der Schrillkante - der hochfrequente Ton entsteht.

fba/dpa



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