Umfrage Klimaschutz von Wahlkämpfern stark unterschätzt

Klimapolitik spielt bisher kaum eine Rolle im Bundestagswahlkampf - zu Unrecht, wie eine neue Umfrage nahelegt. Der Klimaschutz ist demnach insbesondere für die noch Unentschlossenen wichtig - und könnte viele sogar bewegen, gegen ihre sonstige politische Überzeugung zu stimmen.

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Klima-Aktivisten in Berlin (am 3. August 2009): "Zentrales Kriterium für ihre Wahl"
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Klima-Aktivisten in Berlin (am 3. August 2009): "Zentrales Kriterium für ihre Wahl"


Berlin - Das Muster scheint erfolgreich zu sein. Wer auf die eine ambitionierte Klimapolitik setzt, wer die Schaffung grüner Jobs verspricht, wer erneuerbare Energien fördern will, der hatte in der jüngeren Vergangenheit gute Chancen auf einen Wahlsieg. Barack Obama konnte unter anderem deshalb in den USA souverän siegen, Yukio Hatoyama in Japan und - einige Zeit zuvor - Kevin Rudd in Australien. Doch im Bundestagswahlkampf spielt das Thema bisher kaum eine Rolle - zum Missfallen von Umweltschützern, die nun ein Bündnis gegründet haben, um den Klimaschutz noch in die Endphase des Wahlkampfs zu bringen.

Eine am Donnerstag vorgestellte Infratest-Umfrage im Auftrag der neuen Kampagne "KlimakanzlerIn gesucht" ergab, dass sich das Wahlvolk sehr wohl für Klimapolitik interessiert - zumindest, wenn es direkt angesprochen wird. "Ein großer Teil der Wähler betrachtet die Klimapolitik der Parteien als ein zentrales Kriterium für ihre Wahl", sagt Christoph Bals von der "Klima-Allianz" im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. In dem Bündnis haben sich rund 100 Organisationen zusammengeschlossen, darunter Kirchen, Entwicklungsorganisationen, Umweltverbände und Gewerkschaften.

In der Telefonumfrage unter 1000 Wahlberechtigten hatten 92 Prozent angegeben, dass es bei der Entscheidung für eine bestimmte Partei wichtig oder sogar sehr wichtig wäre, dass diese "die Wirtschaft bei Investitionen in klimafreundliche Technologien und bei der Schaffung von Arbeitsplätzen in diesem Bereich maßgeblich unterstützt." Wer eine klimafreundliche Ökonomie mit grünen Jobs zu seinem zentralen Thema macht, könnte punkten - so scheint es zumindest.

"Viele Wähler sind enttäuscht über das unscharfe Profil"

Bisher deutet alles darauf hin, dass die noch Unentschlossenen über den Ausgang der Wahl entscheiden dürften - und genau für diese Gruppe scheint der Klimaschutz von großer Bedeutung zu sein. So ergab die Umfrage, dass viele Wähler einer Partei ihre Stimme geben würden, die sie eigentlich nicht bevorzugen, die aber ein klares Klima-Profil hat.

Beispiel SPD: Hier würden 41 Prozent der Befragten, die sich normalerweise als Nicht-SPD-Wähler einstufen, möglicherweise doch für die Sozialdemokraten stimmen, wenn die sich für grüne Jobs und erneuerbare Energien engagieren und Deutschland zu einer internationalen Führungsrolle bei den Klimaverhandlungen in Kopenhagen bringen. Unter jungen Wählern bis 29 Jahren liegt dieser Wert sogar bei 55 Prozent. Die Zahlen für die CDU liegen in ähnlicher Größenordnung.

"Die Botschaft ist einfach: Viele Wähler sind enttäuscht über das unscharfe Profil der großen Parteien in dieser Frage", sagt Bals. Zumindest auf dem Papier unterstützen die Deutschen eine Energiewende fast vorbehaltlos: 81 Prozent sagen, dass erneuerbare Energien langfristig "Vorrang bei der Energieversorgung" des Landes haben sollen. Nur sieben Prozent nennen an dieser Stelle die Kernkraft - und nur zwei Prozent die Kohle. Diese starke Präferenz für erneuerbare Energien überraschte selbst die Auftraggeber der Umfrage: "Das war ein viel eindeutigeres Votum, als wir erwartet hatten", sagt Bals. Selbst unter den Anhängern der Unionsparteien liege der Anteil der Befürworter umweltfreundlicher Energien bei 74 Prozent.

Die Bedeutung des Klimathemas werde von den Wählern höher eingeschätzt als von den Parteien: "Das Klimathema ist ein Schläferthema in diesem Wahlkampf", so Bals. Mit einer speziellen Kampagne will die Klima-Allianz in den letzten Wochen des Wahlkampfs noch einmal Druck machen. So sollen Aktivisten mit grünen Arbeitsschutzhelmen und weißen Overalls auf Wahlkampfveranstaltungen für die Schaffung grüner Jobs werben. "Die jüngsten Landtagswahlen haben gezeigt, wie knapp das Rennen zwischen möglichen Koalitionen werden kann", sagt Bals. "Die Klimawähler können die Wahl entscheiden."

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