Umstrittener Entwurf Forscher ringen um neuen Uno-Klimabericht

Ein vertraulicher Uno-Report zeigt, wie die globale Erwärmung begrenzt werden könnte - und er offenbart harte Debatten. Für Wissenschaftler ist es ein Wettlauf ums eigene Renommee.

Gewitter über Florida
Getty Images

Gewitter über Florida

Von


Der Beschluss wurde als Wunder gefeiert: Im Dezember 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft in Paris auf ein Klimaabkommen. Für Erstaunen sorgte besonders das Vertragsziel: Nicht wie erwartet auf zwei Grad sollte die globale Erwärmung begrenzt werden, sondern möglichst gar auf 1,5 Grad über dem Niveau des 19. Jahrhunderts.

Das wird eng. Um ein Grad ist die globale Temperatur bereits gestiegen. Gleichwohl scheint das ambitionierte Ziel geboten: Steigt die Temperatur um mehr als 1,5 Grad, so lautet eine Befürchtung, würden flach gelegene Inselstaaten bereits geflutet.

Aber: Ist das 1,5-Grad-Ziel überhaupt noch zu erreichen? Wenn ja, wie? Wie sieht eine um 1,5 Grad wärmere Welt aus? Was bedeutet eine weitere Erwärmung für Umwelt und Menschheit?

Die robustesten Ergebnisse

Die Uno beauftragte ihren Klimarat IPCC mit einem Sachstandsreport, der das Wissen zusammenfassen sollte. Anfang Oktober dieses Jahres soll der "1,5-Grad-Sonderbericht" des IPCC erscheinen. Eine erste, vertrauliche Version der Zusammenfassung des Uno-Klimareports zirkuliert mittlerweile, sie liegt dem SPIEGEL vor.

Einige Ergebnisse aus dem Entwurf, die der IPCC als am robustesten einstuft, lauten:

  • Um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, dürfe die Menschheit noch etwa 600 Milliarden Tonnen CO2 in die Luft blasen, das entspricht - gemessen am derzeitigen Ausstoß - der CO2-Menge von etwa zwölf Jahren (nach zwölf Jahren "weiter wie bisher" müssten die Emissionen also auf Null sinken).
  • Die aktuellen Ziele der Staaten, ihren CO2-Ausstoß einzuschränken, reichten nicht, das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.
  • Wahrscheinlich werde die globale Erwärmung die 1,5-Grad-Schwelle überschreiten, bei gleichbleibendem Ausstoß von Treibhausgasen in etwa 25 Jahren.
  • Würde CO2 mit entsprechender Technologie aus der Luft zurückgeholt, könnte die Erwärmung erheblich gemildert werden. Sogenanntes Geoengineering hingegen - die Erzeugung künstlicher Wolken - sei "nicht praktikabel".
  • Der Anbau von energiespendenden Pflanzen und die Aufforstung CO2-speichernder Wälder aber müsste eingeplant werden, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.
  • Kohleenergie hingegen sollte jedes Jahr um etwa fünf Prozent verringert werden.
  • Zwei Grad Erwärmung habe generell stärkere Auswirkungen als 1,5 Grad Erwärmung.
  • Der Meeresspiegel werde bei zwei Grad Erwärmung etwa zehn Zentimeter höher steigen als bei 1,5 Grad Erwärmung, in beiden Fällen aber würde der Anstieg bis weit ins nächste Jahrhundert weitergehen.
  • Bei einem globalen Temperaturanstieg von zwei Grad könnten Korallenriffe "nicht länger von Korallen dominiert sein", weil CO2 das Wasser saurer macht, Organismen mithin schlechter Kalkskelette bilden können.
  • Bereits bei 1,5 Grad Erwärmung könnte die Arktis im September ohne Eisschollen sein.

Bei anderen Themen indes fallen Urteile schwerer, angesichts der oft dürren Datenlage - Vermerke im Berichtsentwurf offenbaren die Unentschiedenheit der Forscher. Mit den Unsicherheiten geht der Berichtsentwurf offen um.

Ein Hauptthema des Berichts macht den Gelehrten zu schaffen: Die Folgen einer zügigen Umstellung der Energieversorgung für Gesellschaft und Industrie. Die wäre aus Sicht des IPCC dringend notwendig. Es mangele an Erfahrung, heißt es im Berichtsentwurf in schonungsloser Offenheit - ein solch radikaler Umbau der Gesellschaft sei nie zuvor geplant worden.

Gut für die Karriere

Auch um andere Themen, etwa Veränderungen von Extremwetter und Landwirtschaft oder soziale Auswirkungen des Klimawandels, werde noch intensiv gerungen, berichten Klimaforscher, die an dem Bericht mitarbeiten. Der Entwurf werde sich noch ändern, an manchen Stellen wohl gravierend, teilt der Uno-Klimarat mit.

Die Wahrheit über die Erwärmung

Bei der Verfassung des Klimaberichtes geht es ähnlich zu wie auf einem Basar: Studienergebnisse werden in harten Debatten verhandelt. Für Klimaforscher geht es auch um ihr persönliches Renommee: Wer es schafft, seine Ergebnisse im Klimabericht unterzubringen, macht sie damit einstweilen zu Standardwissen. Was aber außen vor bleibt, ist aus der Debatte vorerst ausgeschieden.

Die Forscher machen Überstunden, um rechtzeitig fertig zu werden. Mehr als tausend Studien zum Thema 1,5-Grad-Welt sind seit Start des Klimaberichts in Fachmagazinen veröffentlicht worden; in den ersten Wochen dieses Jahres sind Dutzende hinzugekommen.

Fotostrecke

10  Bilder
Umwelt: Die wahren Krisenherde des Klimawandels

Die Zeit ist knapp: Studien müssen vorher in einem begutachteten Fachmagazin erschienen sein; allerdings werden bei dünner Datenlage auch Ausnahmen gemacht. Bis zum 15. Mai können Forscher neue Arbeiten einreichen beim IPCC, dann schließt die Annahme - und die Gutachter ziehen sich zu letzten Beratungen zurück.

83 Entscheider

83 Klimaforscher aus aller Welt sichten die Einsendungen - und gewichten die Beiträge. Sind Daten nicht eindeutig, etwa wenn es um Prognosen geht, stimmen die Gelehrten über eine gemeinsame Einschätzung ab.

Der vorliegende Entwurf ist vom Bemühen um eine nüchterne, wissenschaftliche Betrachtungsweise geprägt. In klaren Worten und ohne Verbrämung werden Sachverhalte auf ihre Wahrscheinlichkeit hin eingeordnet: "Mittleres Vertrauen", "Mittelgute Beweislage" steht da zum Beispiel unter der Behauptung, das 1,5-Grad-Ziel sei nur mit Hilfe großer Banken erreichbar, die beispielsweise Kredite für einen Umbau der Energieversorgung bereitstellen müssten.

Die Zusammenfassung des IPCC-Reports soll Entscheidungshilfe sein, sie hat politisches Gewicht. Wissenschaftler mit unterschiedlichen Weltanschauungen zerren an dem Werk, und am Ende verhandeln noch Regierungsvertreter aller Staaten mit um den Wortlaut der Zusammenfassung - so sieht es das Uno-Prozedere vor.

Für den Uno-Klimarat steht mit dem Bericht viel auf dem Spiel: Die Glaubwürdigkeit des IPCC hängt wesentlich von seinen Bewertungen der Forschungsergebnisse in der Zusammenfassung des Berichts ab. Werden sie nicht ausreichend von den Daten gestützt, macht sich der Klimarat angreifbar.



insgesamt 128 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hirsnemehism 23.02.2018
1. Letztendlich...
...und langfristig wird es wohl nur zwei Möglichkeiten geben. Eine Art technokratisch-sozialistische Weltregierung, die vermutlich als einzige die globalen Problemlösungen verordnen und durchsetzen könnte... ...oder maximale Zerstörung, weil keiner mehr irgendwelche Rücksicht auf den Nachbarn nimmt!
schall_und_rausch 23.02.2018
2. Unverständlich
Abgesehen davon, dass der Artikel sprachlich teilweise nicht gerade schön ist ("Kohleenergie muss verringert werden",...) ist der folgende Satz für mich unverständlich: "Der Anbau von Energie spendenden Pflanzen und Aufforstung CO2 speichernder Wälder aber müsste eingeplant werden, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.". Was ist mit "Energie spendenden Pflanzen" gemeint? Wenn ich das google, lande ich auf Feng Shui-Websites. Ich nehme an, es sind Pflanzen gemeint, aus denen z.B. Biodiesel gewonnen wird? Deren Anbau ist doch aber gerade eine der hauptsächlichen Ursachen für die Abholzung der Wälder. Und wie muss man diese Pflanzen jetzt einplanen? Ist gemeint, damit zu planen, den Anbau dieser Pflanzen zu begrenzen? Íst das mit "einplanen" gemeint?
Überfünfzig 23.02.2018
3. Abgesehen von der Analyse von zu vielen…..
….könnte, eventuell, möglicherweise, Fakten deuten usw. wird es bei den Empfehlungen schon ganz schwammig! Anbau von CO2-aufnehmende Pflanzen! Schön und gut, aber das beißt sich doch mit der wohl nirgend im Bericht auftauchende Empfehlung, dass eigentlich die Weltbevölkerung einer wirksame Geburtenkontrolle unterworfen werden muß. Der Großteil der empfohlenen Maßnahmen wird wohl doch eher in die Richtung gehen, die westlichen Industriegesellschaften mit Hilfe eine Abgabe- und Fronsystem das Geld aus der Taschen zu ziehen und ihnen den schwarzen Peter zu zuschieben. Aber ob das gelingt, wage ich zu bezweifeln? Nur Deutschland, vielleicht noch die NL und die skandinavischen Länder wären bereit in eine Art Ökosozialismus mit Politbüropolitik zu gehen, während der Rest sich über die in diesen Länder aufgegebenen Produktionen freuen würde, um den Wohlstand in ihren Länder mehren zu können. Nur eins ist klar und das sollte dort auch Erwähnung finden, dass bei 1,5 Grad oder gar mehr die Menschheit weder aussterben noch dahinsiechen wird. Sicher wird es für einen Teil eng werden wenn tatsächlich das Meer große Teile der fruchtbaren Landmasse überschwemmen würde, aber die erhöhte Regentätigkeit in so einer Atmosphäre würde es dann auch es ermöglichen, das bisher unfruchtbare Regionen wieder zur Ernährung beitragen könnten. In der Beziehung wird mir im IPCC-Bericht zu schwarz gemalt und es wäre nicht verkehrt, das die versammelten Gehirnakrobaten vielleicht auch mal Alternativszenarien erdenken könnten, wenn es mit dem Ökoweltsozialismus und Geburtenrückgang nicht klapp.
-füchsle- 23.02.2018
4. leider einiges nicht ganz korrekt...
Hier sind leider einige Angaben nicht ganz korrekt: -Fachartikel werden NICHT beim IPCC "eingesendet" - sondern die beim IPCC beteiligten Wissenschaftler sichten die soweit in Fachmagazinen veröffentlichte Literatur. -Und es geht auch nicht zu wie auf einem "Basar", sondern die Veröffentlichungen werden begutachtet und die Einschätzungen ihrer Ergebnisse werden gemeinsam evaluiert und es wird sich auf eine Einschätzung geeinigt (!) (NICHT "verhandelt") -Außerdem, es geht nicht um "was kommt rein" und "was bleibt außen vor" - alles was in Fachmagazinen veröffentlicht ist, wird generell berücksichtigt. Die Frage ist viel mehr, wie es von den Wissenschaftlern evaluiert wird (s.o.) -Zu guter letzt blendet der Autor hier den extrem ausführlichen externen Begutachtungsprozess des IPCC-Berichts selbst einfach aus. Es gibt zwei offene Begutachtungsrunden an denen jeder (auch selbsternannte und kritische) Experte teilnehmen kann, um die Aussagen der IPCC-Autoren unter die Lupe zu nehmen und zu kritisieren, welche daraufhin wieder beantwortet werden müssen - alles veröffentlicht. Der Artikel bemüht sich den IPCC-Entwurf (ja, nicht Bericht, sondern Entwurf) neutral zu beschreiben, was jedoch schwierig ist wenn der Prozess falsch oder polemisch dargestellt wird. Aber ja, das 1.5°C-Ziel zu erreichen wird wohl tatsächlich sehr schwer und das wird große Folgen für sehr viele Menschen mit sich ziehen!
litholas 23.02.2018
5.
Zitat von -füchsle-Hier sind leider einige Angaben nicht ganz korrekt: -Fachartikel werden NICHT beim IPCC "eingesendet" - sondern die beim IPCC beteiligten Wissenschaftler sichten die soweit in Fachmagazinen veröffentlichte Literatur. -Und es geht auch nicht zu wie auf einem "Basar", sondern die Veröffentlichungen werden begutachtet und die Einschätzungen ihrer Ergebnisse werden gemeinsam evaluiert und es wird sich auf eine Einschätzung geeinigt (!) (NICHT "verhandelt") -Außerdem, es geht nicht um "was kommt rein" und "was bleibt außen vor" - alles was in Fachmagazinen veröffentlicht ist, wird generell berücksichtigt. Die Frage ist viel mehr, wie es von den Wissenschaftlern evaluiert wird (s.o.) -Zu guter letzt blendet der Autor hier den extrem ausführlichen externen Begutachtungsprozess des IPCC-Berichts selbst einfach aus. Es gibt zwei offene Begutachtungsrunden an denen jeder (auch selbsternannte und kritische) Experte teilnehmen kann, um die Aussagen der IPCC-Autoren unter die Lupe zu nehmen und zu kritisieren, welche daraufhin wieder beantwortet werden müssen - alles veröffentlicht. Der Artikel bemüht sich den IPCC-Entwurf (ja, nicht Bericht, sondern Entwurf) neutral zu beschreiben, was jedoch schwierig ist wenn der Prozess falsch oder polemisch dargestellt wird. Aber ja, das 1.5°C-Ziel zu erreichen wird wohl tatsächlich sehr schwer und das wird große Folgen für sehr viele Menschen mit sich ziehen!
Technisch und wirtschaftlich wäre das kein bisschen schwierig. Leider hat das Kapital einen enormen Aufwand betrieben um die fossilen Brennstoffvorräte in seinen Besitz zu bringen, und wehrt sich nun mit Händen und Füssen gegen die Entwertung dieses Besitzes, wo es doch schon mit einer Vervielfachung des Wertes bei der vorausgesehenen Verknappung gerechnet hat.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.