Umstrittenes Düngungsexperiment Meeresforscher wollen an Algenversuch festhalten

Hoffnung fürs Weltklima oder gefährlicher Eingriff? Umweltschützer und Meeresforscher streiten über ein großes Eisendüngungsexperiment im Südozean. Die Wissenschaftler beteuern, der Versuch sei harmlos. Doch Kritiker sprechen von Größenwahn - und einem Verstoß gegen internationales Recht.

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"Polarstern" in der Antarktis (im Dezember 2001): "Düngungsfleck so groß wie ein Gänseblümchen"
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"Polarstern" in der Antarktis (im Dezember 2001): "Düngungsfleck so groß wie ein Gänseblümchen"


Das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) hat am Donnerstag seinem Führungspersonal einen kollektiven Betriebsausflug nach Berlin verpasst. Dort sollten die Wissenschaftler in Gesprächen mit Politikern, Umweltschützern und Journalisten für das heftig umstrittene Ozeandüngungsexperiment "Lohafex" werben. Institutschefin Karin Lochte, ihr Vize Heinrich Miller und Bereichsleiter Ulrich Bathmann mühten sich, mit geballter Expertenmacht möglichst alle Bedenken zu zerstreuen. "Wir haben uns 14 Tage im Direktorium mit fast nichts anderem befasst", sagt Meeresbiologin Lochte. "Die Dynamik, die sich da entwickelt hat, konnte niemand vorhersehen."

Die Idee hinter dem Projekt klingt eigentlich ganz simpel: Eine künstliche Algenblüte entzieht der Atmosphäre wegen der höheren Photosyntheseleistung zusätzliches CO2. Die Wissenschaftler auf dem deutschen Forschungsschiff "Polarstern" hatten nun geplant, auf 300 Quadratkilometern die bisher größte Blüte überhaupt herbeizuführen. Dafür wollten sie innerhalb von zwei Tagen 20 Tonnen Eisensulfat in einen Ozeanwirbel mischen, der wie ein riesiges Reagenzglas funktionieren soll.

Immer wieder ist Eisendüngung der Ozeane als ein Rezept gegen die Klimaprobleme der Welt diskutiert worden, weil abgestorbene Algen gefährliches Treibhausgas am Meeresboden binden könnten. Rund ein Dutzend kleinerer Eisendüngungsversuche hat es bisher gegeben. Das aktuelle Experiment ist nicht nur größer, sonder soll auch länger dauern als frühere Versuche - und über zwei Monate untersuchen, wie genau die Algen zum Ozeanboden absinken.

"Düngungsfleck so groß wie ein Gänseblümchen"

Doch Bedenken von Umweltschützern, die auch Mitarbeiter des Bundesumweltministeriums teilen, haben zu einem vorläufigen Stopp des Versuchs geführt. Die Kritiker monieren, das Experiment sei ein größenwahnsinniger Eingriff in die Natur - und außerdem ein Verstoß gegen internationales Recht. Sie führen an, dass unter anderem die Regeln der Biodiversitätskonvention (CBD) verletzt würden. Die Vertragsstaaten hatten sich im vergangenen Mai in Bonn darauf geeinigt, dass Eisendüngungsexperimente nur kleinräumig und in küstennahen Gewässern stattfinden dürfen.

Umweltminister Gabriel dürfte nicht zuletzt deswegen so scharf gegen den Versuch opponieren, weil der Beschluss, den die Kritiker nun als Argumentationshilfe benutzen, unter seiner Regie zustande kam. Nun sieht er seine Initiative gefährdet und Deutschlands Glaubwürdigkeit und Vorreiterrolle beim Schutz der biologischen Vielfalt bedroht.

Das AWI glaubt hingegen, die CBD-Bedingungen zu erfüllen - und verweist unter anderem auf die Größe der Zirkumantarktischen Meeresströmung, in deren der Bereich der Versuch stattfinden soll. Sie liegt bei 50 Millionen Quadratkilometern. "Wenn man sich den Zirkumpolarstrom als Garten vorstellt, dann ist unser Düngungsfleck so groß wie ein Gänseblümchen", sagt Institutschefin Lochte.

Der Versuch soll bei etwa 50 Grad südlicher Breite stattfinden. Das ist außerhalb jenes Meeresgebiets vor der Antarktis, das von einem speziellen internationalen Vertragssystem geschützt wird. Dort wären Experimente nur unter deutlich strengeren Auflagen - und im deutschen Fall mit einer Genehmigung des Umweltbundesamtes - möglich. Doch von der vom AWI angeführten Küstennähe ist trotzdem beim Blick auf die Landkarte wenig zu sehen. Am nächsten liegt noch die britische Inselgruppe Südgeorgien, die vom Versuchsgebiet aber auch mehr als 200 Seemeilen, also rund 370 Kilometer, entfernt ist. Trotzdem seien im Ozeanwasser des Versuchsgebiets noch küstennah lebende Algen nachweisbar, erklären die AWI-Forscher. Damit sei auch das Kriterium der Küstennähe erfüllt.

Fast alles richtig gemacht?

"Der Beschluss der Vertragsstaaten der Biodiversitätskonvention hat keine unmittelbare Bindungswirkung. Er ist eine politische Äußerung", erklärt der Seerechtler Uwe Jenisch von der Universität Kiel im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Am Freitag sollen zwei externe Gutachten fertig gestellt werden, in denen internationale Experten die Risikoabschätzung des AWI analysieren. Zusammen mit einem rechtlichen Gutachten sollen sie im Umwelt- und Forschungsministerium geprüft werden. "Am Montag werden wir eine Entscheidung haben", sagt AWI-Chefin Lochte.

Die Meeresforscher geben sich zerknirscht, glauben sie doch, fast alles richtig gemacht zu haben. Der externe Nutzerbeirat der "Polarstern", der Wissenschaftliche Beirat des AWI und die Helmholtz-Gesellschaft hätten die Pläne für das Experiment begutachtet und auch das Umweltbundesamt sei Wochen vor dem Start der "Polarstern" informiert worden. "Für die Zukunft müssen wir mehr machen, damit der Informationsfluss zwischen Wissenschaft und Politik besser funktioniert", räumt Lochte allerdings ein.

Auch international sorgt der Streit um das Experiment inzwischen für Verstimmung, schließlich ist der Versuch ein Kooperationsprojekt zwischen Deutschland und Indien. Eine Gruppe von 29 indischen Forschern ist mit an Bord der "Polarstern". Die Regierung in Neu-Delhi ist irritiert und will nun wissen, was genau den Fortgang des Vorhabens behindert.

Das Schiff steuert nun weiter unbeirrt auf das Expeditionsgebiet zu. Doch ob das Algen-Experiment überhaupt durchgeführt werden kann, das weiß an Bord niemand.



Forum - Geoengineering- ein Experiment mit ungewissem Ausgang?
insgesamt 292 Beiträge
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Seite 1
Rainer Helmbrecht 25.04.2008
1.
Zitat von sysopSoll der Mensch direkt in die Atmosphäre eingreifen, um die Erderwärmung zu bekämpfen? Geoengineering ist höchst umstritten. Wie ist Ihre Meinung?
Ja, ich bin dafür, wir sprengen unsere Welt und fangen noch mal ganz von vorne an, aber diesmal unter Vermeidung aller Fehler. Keine Äpfel, keine Schlangen;o). MfG. Rainer
grummeln, 25.04.2008
2.
Zitat von Rainer HelmbrechtJa, ich bin dafür, wir sprengen unsere Welt und fangen noch mal ganz von vorne an, aber diesmal unter Vermeidung aller Fehler. Keine Äpfel, keine Schlangen;o). MfG. Rainer
Wir müssen eh Platz für die interstellare Autobahn schaffen....
indosolar 25.04.2008
3. warum nicht ein Atomkrieg?
viele Vorteile, das Ruestungsarsenal waere abgebaut, der in die Atmosphaere geschleuderte Dreck, wuerde die Erde verdunkeln und am Ende wuerde es auch auch viel weniger von diesen Zweibeinern geben, die schon gar nicht mehr Zeitt und Infrastruktur haetten um die letzten Oelreserven zu verbrennen? Mal ehrlich, wann verstehen die Menschen endlich, das man den Teufel nicht mit dem Beezelbub austreiben kann?
Ein Belgier, 25.04.2008
4.
Klimarettung - die moderne Variante vom Turmbau zu Babel. Als hätte die Menschheit keine anderen Probleme als diesem Gespenst hinterher zu laufen.
Whisp 25.04.2008
5. Verschlimmbesserung
Zitat von sysopSoll der Mensch direkt in die Atmosphäre eingreifen, um die Erderwärmung zu bekämpfen? Geoengineering ist höchst umstritten. Wie ist Ihre Meinung?
Baaaaah.... schon wieder eine Verschlimmbesserung der Welt. FInger weg von so einem Unsinn. Die Erde hilft sich schon selber. Das hat sie ein paar Milliarden Jahre schon getan. Und jetzt kommen die Menschen udn meinen, dass sie ein System, was Zeitalter lang funktioniert hat, selbst in die Hand nehmen müssen... unsäglich...
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