Umwelt Das Verschwinden der Schmetterlinge

Seit 200 Jahren werden Schmetterlinge in Europa immer weniger. Veränderungen der Landschaft verkleinern ihre Lebensräume - oft bleiben nur Schattenplätze.

DPA/ Michael Reichel

Rund 3700 Arten von Faltern oder Schmetterlingen (Lepidoptera) gibt es in Deutschland, darunter - neben der riesigen Zahl an Nachtfaltern und Kleinschmetterlingen - etwa 180 oft farbenprächtige Tagfalter, die überwiegend tagsüber unterwegs sind.

Doch die Vielfalt schwindet: In Bayern wurden seit 1766 etwa 3250 Arten nachgewiesen. "Ab 2001 fanden wir nur noch 2819 Arten. Weit mehr als 400 Spezies sind nicht mehr nachweisbar, was einem Rückgang von 13 Prozent entspricht", sagt Jan Christian Habel von der Technischen Universität München.

Er und seine Kollegen haben die Gegend um den Keilstein bei Regensburg untersucht, ein Naturschutzgebiet, das für seinen Reichtum an Schmetterlingen bekannt ist.

Die Bestände würden kleiner: Flatterten in den 1840er Jahren noch 117 Arten von Tagfaltern und Widderchen - tagaktive Kleinschmetterlinge - am Keilberg, so waren es um 2010 nur noch 71, wie das Team im Fachblatt "Conservation Biology" berichtet. Das entspricht einem Rückgang der Artenvielfalt um 40 Prozent.

Trend in ganz Europa

Der Trend betreffe auch andere europäische Länder, sagt Thomas Schmitt vom Senckenberg Deutschen Entomologischen Institut (SDEI) in Müncheberg bei Berlin: "Nach einer britischen Studie sind die Bestände des Kleinen Feuerfalters (Lycaena phlaeas) dort in 100 Jahren um 96 Prozent geschrumpft. Beim Gemeinen Bläuling (Polyommatus icarus) ist die Entwicklung ähnlich."

Jeremy Thomas von der Universität Oxford berichtete kürzlich im Wissenschaftsblatt "Science", in der englischen Grafschaft Sussex seien im späten 19. und im 20. Jahrhundert 42 Prozent der dort vorkommenden Arten ausgestorben.

"Nur solche Langzeitbeobachtungen können das ganze Ausmaß der Katastrophe zeigen", sagt Habel. "Die Beobachtung über einen Zeitraum von 200 Jahren bestätigt den allgemeinen Trend, dass gerade die spezialisierten Arten stark rückläufig sind."

Fotostrecke

7  Bilder
Fotostrecke: Die Invasion der Monarchfalter

Solche Spezialisten wie etwa Vertreter der Perlmutterfalter, diverse Scheckenfalter und Bläulinge sind von ganz bestimmten Futterpflanzen und Lebensräumen abhängig. Im Gegensatz dazu können Generalisten wie das Große Ochsenauge (Maniola jurtina), der Schachbrettfalter (Melanargia galathea) oder der Kleine Heufalter (Coenonympha pamphilus) Veränderungen besser verkraften.

Traurige Bilanz

Die rückläufigen Zahlen zeigen nicht nur den Trend für Regensburg, sondern für das ganze Bundesland und auch für die anderen Faltergruppen, sagt Ko-Autor Andreas Segerer.

"In ganz Bayern sinken die Artenzahlen, und auch bei den vorhandenen Arten schrumpfen die Bestände", sagt der Experte der Zoologischen Staatssammlung München, der erst im März einen Schmetterlingskatalog für Bayern veröffentlicht hatte.

Dazu zählt etwa der nach der Region benannte Regensburger Gelbling (Colias myrmidone), auch Orangeroter Heufalter genannt.

Die zeitliche Aufschlüsselung zeigt, wie sehr sich dieser Trend beschleunigt: Bis Ende des 19. Jahrhunderts verschwanden demnach 53 Arten, von 1900 bis 1970 waren es 138 Spezies, und von 1971 bis 2000 tauchten 226 Arten nicht mehr auf, rechnet Segerer vor und zieht die traurige Bilanz: "In den letzten 30 Jahren des 20. Jahrhunderts sind mehr Arten verschwunden als in den beiden Jahrhunderten zuvor."

Schwierige Eiablage

Thomas Schmitt beobachtet diese Entwicklung auch im Rest von Deutschland seit längerem, etwa im Moseltal, bei Düsseldorf oder in der Lüneburger Heide: "Wir gehen davon aus, dass bundesweit überall tendenziell dasselbe passiert, allerdings mit regionalen Unterschieden."

Was setzt den Tieren zu? "Schmetterlinge reagieren besonders sensibel auf Veränderungen ihrer Umwelt, denn viele Arten brauchen zwei Lebensräume, je nach Entwicklungsstadium", sagt Habel. Um das zu verstehen, hilft ein Blick auf den speziellen Lebenszyklus der Tiere.

Die meisten Schmetterlingsarten leben nur wenige Wochen als adulte Falter. In dieser Zeit müssen die Männchen die Weibchen begatten.

"Die Weibchen müssen dann zur Eiablage eine Stelle finden, wo die Raupe sich später entwickeln kann", sagt Habel. "Das kann dauern, und solche Plätze müssen vorhanden sein."

Gerade die Spezialisten unter den Faltern entwickeln sich oft nur an einer Pflanzenart, an denen die Raupen fressen, bevor sie sich verpuppen und das adulte Stadium erreichen.

Gülle und Kunstdünger

Doch viele solche Pflanzen sind seltener geworden. Der Hauptgrund ist nach Einschätzung aller Experten eindeutig: die intensive Landwirtschaft.

Immer mehr Flächen werden zu Äckern umgewandelt, zum Anbau entweder von Lebensmitteln oder von Energiepflanzen, etwa für Biogasanlagen.

Nicht nur die Zerstörung von Flächen entzieht vielen Tieren die Lebensgrundlage, auch die Umgebung der Äcker leidet weiträumig. "Die Felder werden intensiv gedüngt, mit Gülle und Kunstdünger", erläutert Segerer.

"Die Stickstoffverbindungen dünsten in die Luft aus und verteilen sich um die Felder. Damit wird die Umgebung noch in etlichen Kilometern Entfernung mitgedüngt." Auch Straßenverkehr, Industrie und Viehzucht erhöhen die Menge von Stickstoffverbindungen in der Atmosphäre.

Das Ergebnis sah Habel mit seinen Studenten im Juli auch am Keilstein, an dessen Fuß sich kilometerweit Felder erstrecken. "Die Flächen waren total vergrast. Die Düngung lässt Gräser wachsen, die dann viele andere Pflanzen verdrängen. Das ist für viele Schmetterlingsarten fatal."

Problem der schattigen Kuhle

Der hohe Bewuchs behindert die Entwicklung der Tiere gleich mehrfach. Zunächst wird es für viele Falter schwierig, durch das Dickicht zu bestimmten niedrigen Blüten etwa von Hornklee oder Sonnenröschen zu gelangen, um Nektar zu saugen oder Eier abzulegen.

Außerdem stärkt die bessere Nährstoffversorgung die Blätter der Futterpflanzen, viele Raupen knabbern aber bevorzugt an geschwächten, weniger widerstandsfähigen Blättern.

Nicht zuletzt ändert der hohe Bewuchs mit der Beschattung und Abdunklung das Mikroklima, wie Senckenberg-Forscher Schmitt betont. Trockene Orte, an denen die Sonne bis auf den Boden gelangt, verschwinden.

Die schattige Kühle dagegen verzögert die Entwicklung von Ei und Larve, zudem macht die damit einhergehende Feuchtigkeit Eier und Puppen anfälliger für Pilze.

Nur kleine Inseln

Gerade jene Arten, die auf diese niedrigen Bereiche spezialisiert sind, drohen angesichts der widrigen Bedingungen zu verschwinden. Die ockerbraun gescheckte Berghexe (Chazara briseis), die nur auf mageren Trockenrasen vorkommt, ist inzwischen bundesweit vom Aussterben bedroht, im Raum Regensburg wurde sie seit vielen Jahrzehnten nicht mehr gesehen.

Neben dem Dünger setzten Faltern auch die auf den Feldern eingesetzten Pestizide zu, die sich zunehmend in der Umwelt anreicherten, betont Habel.

Peter Huemer vom Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum untersuchte dies im Südtiroler Vinschgau, in dessen Tälern mit Einsatz von Spritzmitteln intensiv Obst angebaut wird. Die Chemikalien werden in die Höhe getragen und dezimieren die Schmetterlingsbestände noch mehr als 300 Meter über dem Talboden.

Intakte Lebensräume bilden meist nur noch kleine Inseln inmitten landwirtschaftlich intensiv genutzter Flächen. Verschwindet auf einem dieser Flecken eine Falterart, können Artgenossen aus anderen Habitaten kaum nachrücken. Die meisten Schmetterlinge haben - im Gegensatz etwa zu Vögeln - nur einen sehr geringen Bewegungsradius.

Rettung im eigenen Garten

Etwa 80 Prozent aller Falterarten, so schrieb Jeremy Thomas von der Universität Oxford kürzlich im Fachblatt "Science", lebten in geschlossenen Populationen und würden ein bis zwei Kilometer breite Streifen kaum überbrücken.

Wie kann man die Entwicklung stoppen? "Neben einer vielfältigen Landschaft brauchen wir Korridore zwischen Naturräumen, damit Arten wieder einwandern können", betont Habel. Solche Korridore könnten etwa entlang von Bächen, Flüssen, Bahntrassen oder auch Autobahnen verlaufen.

Um den Faltern zumindest in seiner Wohnumgebung einen Zufluchtsort zu bieten, hat Schmetterlingsforscher Segerer in seinem Garten einen Trockenrasen angelegt.

"Es ist nur ein kleiner Trittstein, umgeben von englischem Rasen", sagt er. Aber damit, so hofft er, könnte er wenigstens einigen Tieren ein dauerhaftes Refugium bieten: Denn viele Falterarten, sagt der Forscher, seien sehr ortstreu.

Fotostrecke

8  Bilder
Schmetterlingsschwund in Europa: Armer Falter

Von Walter Willems, dpa/boj



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.