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"Umwelt-Heuchler": Streit um Al Gores Energieverbrauch

Mehr als 20 Mal soviel Gas und Energie wie der durchschnittliche US-Bürger soll Oscar-Preisträger und Umweltschützer Al Gore zu Hause verbrauchen. Konservative beschuldigen ihn der "Umwelt-Heuchelei". Doch die Blogosphäre nimmt die PR-Kampagne auseinander.

"Nachdem Sie sich einen Haufen ******** von ihm anhören mussten, kommt jetzt eine Ladung über den Energieverbrauch von Meister Gore." Das ist die freie Übersetzung einer Pressemitteilung der obskuren kalifornischen PR-Agentur Promotion vom 26. Februar mit dem Wortlaut: "After listening to his Load of ****, Get a Load of Lord Gore’s Load of Energy Use". Nur durch die verschämten Sternchen bleibt die Meldung innerhalb der Grenzen des Anstands. Den naheliegendsten Kalauer nahm beispielsweise eine Mitteilung bei PR-inside.com auf: "Gore's inconvenient truth" - Gores unbequeme Wahrheit.

Nur einen Tag nach dem Gewinn des Oscars für seine Dokumentation zum Klimawandel ("Eine unbequeme Wahrheit"), steht der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore im Zentrum eines Streits um seinen eigenen, häuslichen Energieverbrauch: Gore und seine Familie verbrauchten in ihrem Heim in Nashville im US-Bundesstaat Tennessee mehr als 20 Mal so viel Gas und Energie wie der durchschnittliche US-Bürger. 30.000 US-Dollar hätten die Strom- und Gasrechnungen für das Gore-Anwesen im vergangenen Jahr gekostet.

Das verbreitete am Montag das konservative Tennessee Center for Policy Research (TCPR), das ebenfalls in Nashville ansässig ist. Die Organisation kann sich über einen gelungenen PR-Coup freuen: Promi-Blogger Matt Drudge (der den Lewinsky-Skandal ins Rollen gebracht hatte) berichtete auf seiner Website über die Anschuldigungen. Konservative Blogs wie Townhall.com zogen nach. Und offenbar verschickten auch mehrere PR-Agenturen die TCPR-Meldung über unterschiedliche Kanäle (siehe oben) - nicht ohne Erfolg.

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe: Gestern erschien die Meldung über Gores Energiedurst in einer Unzahl von US-Regionalzeitungen. Auch die TV-Sender Fox und ABC nahmen sich des Themas an. Im Radioprogramm des Wirtschaftsnachrichtendienstes Bloomberg wurde gar der TCPR-Präsident Drew Johnson interviewt. Und auch der Londoner "Guardian" und die BBC berichteten: "Gore accused of energy hypocrisy" - Gore der Energieheuchelei beschuldigt.

Heftige Quellenkritik in der Blogosphäre

Nach Angaben von Johnson gibt es in Al Gores 20-Zimmer-Anwesen nicht nur ein beheiztes Schwimmbad und ein elektrisches Tor, das den Weg zum Haus öffne, sondern auch Lampen, die die Auffahrt beleuchten. "Alles Dinge, auf die man leicht verzichten könnte", sagte Johnson.

Haushaltsberechnungen des ehemaligen US-Vizepräsidenten belegen Johnson zufolge: Gore und seine Familie verbrauchten im vergangenen Jahr fast 221.000 Kilowattstunden, während der durchschnittliche US-Bürger nur rund 10.600 benötigt. Woher TCPR die zitierten Strom- und Gasrechnungen hat, ist unklar. Eine Sprecherin des Nashville Electric Service, von dem die Zahlen stammen sollen, sagte, dass das Unternehmen solche Daten nicht herausgegeben habe.

Heftig diskutieren die Blogger die erfolgreich lancierte Meldung: Bei CNN sei die ominöse Organisation unzutreffend als Umweltschutzgruppe bezeichnet worden, berichtet mediamatters. Bei der Promi-Bloggerin Ariana Huffington heißt es: Bloomberg habe mit seinem unkritischen Interview grundlegende journalistische Prinzipien missachtet. Denn schnell hatte sich in der Blogosphäre die Nachricht verbreitet, dass TCPR von der Steuerbehörde des Bundesstaates Tennessee nicht als "gesetzmäßige Organisation" anerkannt wird. "Ein schneller Test mit dem Klickstatistik-Tool Alexa zeigt, dass deren Website keinen Traffic bekommt", bemerkt der Blogger James Boyce süffisant und fragt: "Wer sind diese Leute?"

Ein Blogeintrag bei seeingtheforest fragt: "Habt Ihr wirklich geglaubt, dass die $chmiermaschine der Rechten Al Gore und sein Team mit dem Oscar für 'Eine unbequeme Wahrheit' davonkommen lassen würde?"

Schlägt der Wirbel um die Stromrechnung den Oscar?

Tatsächlich verweisen Links von der TCPR zu mehreren stramm konservativen US-Organisationen, darunter auf das American Enterprise Institute, das unter anderem vom Ölriesen Exxon Mobile finanziert wird. Hat hier ein potemkinscher Thinkthank die US-Gallionsfigur einer Energiewende vorgeführt?

Gores Sprecherin Kalee Kreider wies Johnsons Behauptungen nicht zurück. Wären die von TCPR veröffentlichten Zahlen falsch, hätte Kreider sie sicher nicht unberichtigt stehen lassen. Sie sagte jedoch, der Oscar-Preisträger investiere genug in erneuerbare Energien wie Wind- und Sonnenkraft, um "100 Prozent seiner Elektrizitätskosten auszugleichen". Der Ex-Vizepräsident berechne seinen ökologischen Fußabdruck und gleiche diesen aus, indem er Maßnahmen zur CO2-Reduktion unterstütze. Zur politischen Motivation des montäglichen PR-Coups sagte Kreider nur: "Wenn Menschen eine Botschaft - wie etwa Gores Aussage über die globale Erwärmung - nicht mögen, ist es für sie leichter, den Überbringer der Nachricht anzugreifen."

Dass es sich bei der Elektrizität, welche die Gores offenbar in größeren Mengen verbrauchen, um Ökostrom handelt, berichten auch seriöse US-Medien erst, seit Kreider darauf hingewiesen hat. Auch zwei Tage nach der TCPR-Meldung und einen Tag nach der Reaktion der Gore-Sprecherin berichten die Nachrichtenagenturen über den vermeintlich skandalös hohen Energieverbrauch des Ex-Vizepräsidenten. Doch eine Suche mit Google-News (US-amerikanisch) zeigte am Mittwochnachmittag (MESZ) auch: Die Suchworte "gore" und "electricity" brachten rund 930 Treffer, "gore" und "oscar" hingegen knapp 4000.

hei/stx/AP

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