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27. Mai 2010, 17:40 Uhr

Umweltdesaster im Golf von Mexiko

BP setzt Operation "Top Kill" aus

Im Kampf gegen die Ölpest im Golf von Mexiko wechseln gute Nachrichten und Hiobsbotschaften: Der neue Versuch, das Ölleck zu stopfen, verlief erst vielversprechend, doch jetzt hat BP die Aktion vorerst gestoppt. Zugleich musste die US-Regierung ihre Schätzung der ausströmenden Ölmenge drastisch nach oben korrigieren.

Hamburg - Eine kurze Zeit lang schien es, als sei der entscheidende Erfolg im Kampf gegen die Ölpest im Golf von Mexiko eingetreten: Dem BP-Konzern sei es gelungen, das Ölleck zu stopfen. Mit der "Top Kill"-Methode sei genügend Schlamm in das Bohrloch gepumpt worden, um den Austritt von Öl und Gas zu blockieren, berichtete die "Los Angeles Times" unter Berufung auf den Einsatzleiter der Regierung, Küstenwachen-Admiral Thad Allen. Man habe den oberen Teil des Bohrlochs stabilisiert, sagte Allen dem Radiosender WWL First News.

BP weigerte sich allerdings, sich den Erfolgsmeldungen anzuschließen. In der Nacht zum Freitag wurde die Aktion dann vorübergehend ausgesetzt. Die Pause diene dazu festzustellen, ob die Abdichtung des Lecks mit Schlamm und Zement erfolgreich sei, teilte der Konzern mit. Die Unterbrechung bedeute nicht, dass etwas schief gegangen sei. Das Unternehmen teilte am Freitag mit, dass der Austritt des Öls sich zwischenzeitlich verlangsamt habe, jedoch weiterhin nicht unter Kontrolle sei.

BP-Manager Doug Suttles sagte, er sei nicht überrascht, dass das Vorhaben länger dauere als erwartet. Binnen Stunden soll laut BP wieder Schlamm in das offene Bohrloch in 1.500 Metern Tiefe gepumpt werden. BP-Konzernsprecher David Nicholas hatte schon zuvor auf auf Aussagen von BP-Managern verwiesen, laut denen es bis zu zwei Tage dauern könne, ehe man wisse, ob die Aktion erfolgreich gewesen sei. Auch die gemeinsame Kommandostelle von BP und Küstenwache wollte die Bemerkungen von Admiral Allen zunächst weder bestätigen noch dementieren.

Wenig später hatte Küstenwachen-Sprecherin Lisa Nowak die Worte Allens relativiert. Der Admiral habe die Aktion "noch nicht zu einem Erfolg erklärt". Der Austritt von Öl und Gas aus dem Bohrloch sei lediglich zeitweise durch den Gegendruck des Schlamms, der in die Quelle gepumpt wurde, unterbrochen worden. "Admiral Allen hält fest, dass der Prozess weiterläuft, aber dass die Dinge nach Plan verlaufen." Allen selbst sprach von einem "gewissen Erfolg". "Jeder ist vorsichtig optimistisch, aber es gibt keinen Grund, schon den Sieg zu verkünden. Wir müssen es sehr, sehr vorsichtig beobachten."

Täglich strömen 10.000 bis 25.000 Barrel Öl in den Golf

Zugleich veröffentlichte die US-Regierung neue Hiobsbotschaften. Der Direktor der Geologiebehörde USGS sagte, dass aus dem Leck am Meeresgrund täglich 10.000 bis 25.000 Barrel Öl in den Golf von Mexiko strömten. Das wäre zwei- bis fünfmal so viel wie die 5000 Barrel, von denen bisher die Rede war und die Experten bereits mehrfach angezweifelt hatten.

Meeresforscher haben im Golf von Mexiko zudem einen neuen Ölschwaden mit gigantischen Ausmaßen unter der Wasseroberfläche entdeckt. Der Schwaden reiche von kurz unter der Wasseroberfläche bis in eine Tiefe von 1000 Meter und sei fast zehn Kilometer breit, sagte ein Wissenschaftler der Universität South Florida, David Hollander. Das Ölgebilde erstrecke sich auf einer Länge von 35 Kilometern nordöstlich des Öllecks in Richtung Mobile Bay in Alabama. Es ist bereits der zweite große unterseeische Ölschwaden, der nach der Explosion der Bohrinsel "Deepwater Horizon" am 20. April entdeckt wurde.

Auch die amerikanische Ozean- und Wetterbehörde NOAA hat schlechte Nachrichten parat: Die Experten erwarten für dieses Jahr eine "aktive bis extrem aktive" Hurrikan-Saison. Es sei mit acht bis 14 Hurrikanen zu rechnen. Drei bis sieben davon könnten sich zu großen Wirbelstürmen der Kategorien drei, vier und fünf auswachsen. Der Durchschnitt liegt bei sechs Hurrikanen pro Saison, darunter zwei große.

Umweltschützer hatten zuletzt wiederholt die Befürchtung geäußert, dass Hurrikane mit der Flutwelle, die sie vor sich herschieben, das Öl im Golf von Mexiko noch tiefer in die empfindlichen Ökosysteme an der Küste pressen könnten. Das allerdings hänge in hohem Maße vom Weg des Sturms ab, wie die NOAA erklärte. Da sich ein Hurrikan entgegen dem Uhrzeigersinn drehe, würde er das Öl nur dann tiefer landeinwärts drücken, wenn er westlich am Ölteppich vorbeiziehe. Passiere er das Öl an dessen Ostseite, würde er es vermutlich sogar von der Küste fernhalten.

Chefin der Ölbohr-Kontrollbehörde tritt zurück

Der Versuch, das Ölleck mit dem "Top Kill" zu schließen, hatte am Mittwoch begonnen. Das Loch soll komplett mit Zement versiegelt werden. Zuvor waren mehrere Versuche, die sprudelnde Ölquelle in 1600 Metern Tiefe zu schließen, gescheitert. In den fünf Wochen seit der Explosion der Bohrinsel "Deepwater Horizon" sind viele Millionen Liter Rohöl in den Golf von Mexiko geströmt und haben inzwischen schwere Umweltschäden verursacht.

Die Katastrophe hatte am Donnerstag auch die erste personelle Konsequenz in der Politik: Elizabeth Birnbaum, Leiterin des Minerals Management Service (MMS), ist nach Angaben von Innenminister Ken Salazar zurückgetreten. Die Behörde, die für die Kontrolle der Offshore-Ölbohrungen verantwortlich ist, war zuletzt massiv kritisiert worden. Die Unternehmen sollen zu lasch beaufsichtigt worden sein. Zudem wurde bekannt, dass MMS-Kontrolleure sich von der Industrie schmieren ließen. Birnbaum hatte erst im Juli 2009 die Leitung der MMS übernommen.

Am Donnerstag kündigte US-Präsident Barack Obama Konsequenzen aus der Umweltkatastrophe an: Er will in den kommenden sechs Monaten keine neuen Tiefsee-Ölbohrungen mehr zulassen - auch die Kontrollen auf Bohrinseln sollen verschärft werden. Von der Entscheidung betroffen ist unter anderem der Energiekonzern Shell, der diesen Sommer in der Arktis nach Öl bohren wollte. Die Pläne des niederländisch-britischen Unternehmens waren in den vergangenen Wochen wegen der Ölpest kontrovers diskutiert worden.

In 33 Fällen sollen laufende Bohrungen im Golf von Mexiko gestoppt werden. "Diese Ölpest hat gezeigt, wie sehr Reformen nötig sind", sagte Obama in Washington. Die Maßnahmen seien nur erste Schritte eines Prozesses, der zu strengeren Regeln und Sicherheitsstandards für die Ölindustrie führen soll. Der Präsident sagte, er wolle die "behagliche und manchmal korrupte Beziehung" zwischen den Behörden und der Ölindustrie beenden.

Obama gestand angesichts der Umweltkatastrophe ein, zu gutgläubig gegenüber der Ölindustrie gewesen zu sein. "Es war ein Fehler von mir zu glauben, die Ölkonzerne wüssten, was im Fall der Fälle zu tun sei", sagte der Präsident am Donnerstag. "Ich habe mich geirrt."

mbe/otr/boj/Reuters/dpa/AFP/apn

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