Umweltkatastrophe Ausmaß der US-Ölpest erstmals unabhängig berechnet

Die Ölpest im Golf von Mexiko war die bisher größte Katastrophe ihrer Art - aber wie viel Rohöl genau ausgelaufen ist, war bisher unklar. Jetzt haben Wissenschaftler eine detaillierte Berechnung vorgelegt. Sie bestätigt die gigantischen Ausmaße des Unglücks.

Ölleck im Golf von Mexiko: Forscher berechnen Menge des ausgetretenen Öls
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Ölleck im Golf von Mexiko: Forscher berechnen Menge des ausgetretenen Öls


Nach der Explosion der Bohrplattform "Deepwater Horizon" am 20. April war die Verwirrung groß: Wie viel Öl in den Golf von Mexiko strömte, wusste niemand. Erst hieß es, eine seriöse Schätzung sei nicht möglich. Dann war sie es plötzlich doch - und die Menge wurde ständig nach oben korrigiert. Zunächst war von 1000 Barrel (rund 159.000 Liter) pro Tag die Rede, dann von 5000, 12.000 und 19.000 Barrel, was rund drei Millionen Liter wären.

Doch selbst diese riesig erscheinende Menge war noch viel zu niedrig angesetzt, wie Wissenschaftler jetzt bestätigen. Timothy Crone und Maya Tolstoy von der der New Yorker Columbia University legen in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts "Science" die erste unabhängige Studie über das Volumen des ausgelaufenen Öls vor. Ihr Ergebnis: Zwischen dem 20. April und dem 15. Juli, als die erste effektive Verschlusskappe auf dem beschädigten Bohrloch installiert wurde, sind jeden Tag zwischen 8,9 und 10,8 Millionen Liter Öl ins Meer geströmt. Bis zum Ende der Ölpest seien so rund 700 Millionen Liter (4,4 Millionen Barrel) zusammengekommen. Das passt recht gut zu den bisher kursierenden Schätzungen von 660 bis 800 Millionen Litern.

Nur grobe Schätzung

Allerdings sei unklar gewesen, wie diesen Zahlen zustande gekommen seien, erklären Crone und Tolstoy. Sie haben die Menge deshalb selbst berechnet und dazu eine Methode angewandt, die Crone eigentlich für die Untersuchung von Hydrothermalquellen auf dem Ozeangrund entwickelt hatte. Dabei werden hochauflösende Videos eines Gas- oder Flüssigkeitsstroms Pixel für Pixel analysiert, um die Geschwindigkeit des Flusses zu berechnen.

Vor dem Abtrennen des defekten Steigrohrs am 3. Juni traten demnach täglich 56.000 Barrel oder 8,9 Millionen Liter aus, nachher 68.000 Barrel oder 10,8 Millionen Liter. Nehme man an, dass knapp 805.000 Barrel von BP abgesaugt wurden, liege die freigewordene Gesamtmenge bei 4,4 Millionen Barrel. Zum Vergleich: Beim Untergang des Tankers Exxon Valdez im Jahr 1989, der bis dahin folgenschwersten Ölkatastrophe in den USA, wurden knapp 258.000 Barrel oder 41 Millionen Liter freigesetzt.

Allerdings räumen die Forscher ein, dass die Schätzung der Gesamtmenge sehr grob ist. Die Berechnungen stützen sich auf nur zwei Videosequenzen von je 20 bis 30 Sekunden, die in einer ausreichenden Auflösung zur Verfügung standen: eine aus der Zeit vor dem 3. Juni und eine aus der Zeit danach. Die Fehlermarge geben die Wissenschaftler mit 20 Prozent an - der tatsächliche Wert könnte also zwischen 560 und 839 Millionen Litern liegen.

Tatsächlich dürfte die Unsicherheit noch größer sein, denn die Forscher mussten annehmen, dass das Öl 84 Tage lang mit konstanter Geschwindigkeit ausgetreten war. Schwankungen während dieser Zeit seien zwar "wahrscheinlich", heißt es in dem "Science"-Beitrag. Allerdings sei es nicht möglich gewesen, sie anhand der vorliegenden Daten zu quantifizieren.

mbe/dapd

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