Umweltminister Jürgen Trittin Rackern bis zum Schluss

Jürgen Trittin nimmt seinen Job Ernst. Während sein Parteifreund Joschka Fischer in Rom private Termine erledigt, kümmert sich der Noch-Minister um Naturschutz und Klimaerwärmung. In Hamburg stellte Trittin heute eine neue Initiative zur biologischen Vielfalt vor.

Von Sebastian Knauer


Der Minister kam wie immer gut vorbereitet und mit wenig Zeit im Gepäck. Im Vortragssaal des Hamburger Hotels Royal Meridian, mit Blick auf die glitzernde Alster, referierte er eine halbe Stunde zum Thema Natur- und Klimaschutz.

Umweltminister Trittin: "Solche Konflikte müssen wir aushalten"
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Umweltminister Trittin: "Solche Konflikte müssen wir aushalten"

Der Auftritt bei den "Hamburger Gesprächen für Naturschutz", veranstaltet von der Otto-Umweltstiftung, wurde zum Unwillen des hauseigenen Protokolls im Berliner Umweltministerium noch "reingequetscht", da der Minister am gleichen Tag in London zum Treffen der G-8 Umweltminister erwartet wird.

"Unser Minister ist der einzige aus der grünen Riege, der bis zuletzt rackert", sagt sein Sprecher Michael Schroeren. Während sich Ex-Verbraucherschutzministerin Renate Künast als neue Grünen-Mitchefin für die Partei engagiert und der noch amtierende Außenminister Joschka Fischer sich im Honeymoon befindet und Buchangebote prüft, kümmert sich Trittin um seine Fachgebiete.

Mit einer "nationalen Strategie" für die biologische Vielfalt will er auf die "zu wenig beachteten Auswirkungen" des Klimawandels für Flora und Fauna hinweisen. Das Bundesumweltministerium habe einen Entwurf für die Umsetzung der biologischen Vielfalt vorgelegt, der sowohl die Schutzgebiete Natura 2000 als auch die Sicherstellung der insbesondere ostdeutschen Biosphärenreservate als Nationales Naturerbe vorsehe.

Einschneidende Klimaveränderungen

So zeichne sich nach allen wissenschaftlichen Untersuchungen eine Verschiebung der Vegetationszonen auf der nördlichen Halbkugel ab, warnte Trittin, die einschneidende Auswirkungen haben könnte. Schon eine prognostizierte dauerhafte Erhöhung der Durchschnittstemperaturen um zwei Grad verändere ganze Landschaften. Mildere und regenreichere Winter verschöben auch das Gleichgewicht der heimischen Natur mit teilweise noch unerforschten Auswirkungen.

"Vom Eisbär bis zum Wattenwurm", so Trittin, seien im Naturschutz die Klimaveränderungen zu beobachten. Bei Zugvögeln im deutschen Wattenmeer sei schon heute eine geänderte Routenplanung wissenschaftlich belegt. Trittin forderte die Überprüfung der "Managementpläne" für die drei 20 Jahre alten Naturparks an den deutschen Küsten, da es zu einem weiteren Anstieg des Meeresspiegels kommen werde.

Seit den Übereinkommen für eine biologische Vielfalt habe Deutschland die Küstenregionen für ein internationales Netzwerk ausgewiesen. Erst kürzlich hat das Bundesumweltministerium in Nord- und Ostsee eine halbe Million Hektar unter Naturschutz gestellt und damit den geplanten Bau von Offshore-Windenergieanlagen unterbunden. "Solche Konflikte müssen wir aushalten", sagte Trittin.

Umso wichtiger ist für Trittin eine "kompromisslose Linie" in der Energiepolitik, um die Minderungsziele für Kohlendioxid bis 2020 zu erreichen. Der geplante Ausbau der Nutzung regenerativer Energien wie Biomasse, Wind, Wasser oder Sonne sei weiterhin notwendig, um die völkerrechtlich vereinbarten Margen des Kyoto-Protokolls zur Minderung des Kohlendioxidausstoßes zu erreichen.

Keine Abstriche am Atomausstieg

Darüber müssten schon heute für die Zeit nach dem Auslaufen der Kyoto-Vereinbarung im Jahre 2012 die Weichen für einen Anschlussvertrag unter Einbeziehung der USA, China und großen Schwellenländern gestellt werden. Schon nächste Woche wird Trittin zu seiner letzten großen Auslandsreise nach Peking fahren, um an der Nachfolgekonferenz für Erneuerbare Energien teilzunehmen, die erstmals 2004 im alten Bundestag in Bonn stattgefunden hatte. "Wer hätte gedacht, dass wir mit unserem Energiekonzept schon jetzt in der Großen Halle des Volkes in China willkommen sind", sagte Trittin.

Der Noch-Minister plädierte dafür, dass auf der Weltklima-Konferenz im kanadischen Montreal Ende November über die Kyoto-Nachfolgevereinbarungen entschieden wird. Diese Konferenz findet allerdings voraussichtlich erstmals ohne Trittin statt, da bis dahin sein Nachfolger Sigmar Gabriel, SPD, als Bundesumweltminister das Amt übernommen haben dürfte.

Mit Gabriel ist sich Trittin heute schon einig, dass es keine Abstriche an dem im Jahre 2000 ausgehandelten Atomkonsens mit der Industrie geben darf. "Da wird nicht gewackelt", sagte Trittin. Sein Nachfolger Gabriel, so glaubt Trittin, wird auch in der Endlagerfrage für nuklearen Abfall nicht von der rot-grünen Linie weiterer Standorterkundungen über Gorleben hinaus abweichen. "Schauen Sie sich an, wo Gabriels Wahlkreis liegt", kommentierte Trittin. Das umstrittene Endlager Schacht Konrad befindet sich in Salzgitter, nicht weit entfernt von Goslar.

In Eile musste Minister Trittin die Otto-Umweltkonferenz "Land unter" Richtung Flughafen verlassen. Noch im Fahrstuhl machte er seinen Mitarbeitern klar, dass er heute Abend wieder von London nach Hause fliegen wird. "Um 19 Uhr geht es wieder zurück, egal was die Briten wollen", sagt Trittin. Noch gut in Erinnerung ist dem Minister ein zweifelhaftes Produkt des Klimawandels in Nordeuropa: Bei der letzten Ratssitzung in Großbritannien wurde dort erstmals heimischer Weißwein serviert.



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