Ministerium räumt ein Massive Finanzierungslücke beim Naturschutz

Rund 1,4 Milliarden Euro wären nötig, um die EU-Naturschutzrichtlinien in Deutschland vollständig umzusetzen. Doch eine neue Aufstellung zeigt: Nur gut ein Drittel des Geldes ist auch da.

Bäume und Büsche zwischen Getreidefeldern als Rückzugsort für Pflanzen und Tiere (Archivbild)
DPA

Bäume und Büsche zwischen Getreidefeldern als Rückzugsort für Pflanzen und Tiere (Archivbild)


Die zur Umsetzung der EU-Naturschutzrichtlinien in Deutschland zur Verfügung stehenden Finanzmittel reichen bei Weitem nicht aus. Nach einer aktuellen Schätzung der Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Naturschutz, Landschaftspflege und Erholung sind in Deutschland zur vollständigen Umsetzung der EU-Naturschutzrichtlinien Mittel von mindestens 1,4 Milliarden Euro pro Jahr nötig. So jedenfalls steht es in einer Antwort des Bundesumweltministeriums auf eine Anfrage der Grünen im Bundestag.

Das Problem: Die für die Aufgabe eingeplanten öffentlichen Gelder sind deutlich niedriger. "Abschätzungen für die derzeit verfügbaren jährlichen Finanzmittel für direkte Naturschutzmaßnahmen in Deutschland belaufen sich auf rund 536 Millionen Euro", heißt es in der Antwort. Es gebe eine "Finanzierungslücke".

Die naturschutzpolitische Sprecherin und Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen-Bundestagsfraktion, Steffi Lemke, klagt daher: "Der Naturschutz in Deutschland ist dramatisch unterfinanziert, das zeigt diese Anfrage deutlich auf."

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Es fehlten knapp 900 Millionen Euro, so Lemke, während gleichzeitig Milliarden in eine industrialisierte Landwirtschaftspolitik flössen. Diese sei Hauptverursacher für Artenstreben und Naturzerstörung. (Lesen Sie hier, wer die Top-Empfänger von EU-Agrarsubventionen in Deutschland sind.)

"Jetzt ist das Finanzloch amtlich"

"Eine Agrarwende ist unerlässlich", sagte Lemke weiter. "Bei der Neuausrichtung der europäischen Agrarpolitik muss gelten: öffentliches Geld nur noch für gesellschaftliche Leistungen - wie Tier-, Klima-, und Naturschutz. Anders lässt sich der Negativtrend beim Insekten- und Artensterben nicht aufhalten." (Lesen Sie hier mehr zum Insektenschutzplan des Umweltministeriums.)

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Konstantin Kreiser, der Leiter EU-Naturschutzpolitik beim Naturschutzbund Deutschland, sagte: "Jetzt ist das Finanzloch amtlich: Die Mittel für den Naturschutz müssen in Deutschland mindestens verdreifacht werden. Sonst haben wir nicht den Hauch einer Chance, um unsere Insekten und Vögel zu retten."

Die Lösung liege in der EU-Agrarpolitik, so Kreiser. Dort müsse Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) einen Naturschutzfonds von mindestens 15 Milliarden Euro jährlich verankern. "Damit könnten Europas Landwirte endlich angemessen für wichtige Naturschutzleistungen bezahlt werden."

In Europa gibt es mehr als 27.000 miteinander vernetzte Naturschutzgebiete. Dieses "Natura 2000"-Netz bedeckt nahezu ein Fünftel der Landfläche der EU. Seine Grundlage sind zwei EU-Richtlinien, die Vogelschutz- und die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH). In Deutschland liegen insgesamt rund 4700 Natura-2000-Gebiete. Umweltschützer beklagen aber, dass viele der Schutzflächen in der EU bislang erst auf dem Papier existieren.

chs/dpa



insgesamt 45 Beiträge
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claus7447 31.05.2018
1. Das Thema wird
Frau Klöckner nur minimal interessieren. Dafür wird in grossflächen der agrarindustrie in MechPom und Sachsen gepumpt. Der kleine Landwirt hat keine Stimme.
mirage122 31.05.2018
2. Subventionen?
Vielleicht wäre es ja mal eine Möglichkeit, die Subventionen in die industrielle Landwirtschaft zu überprüfen. Da liegt einiges im Argen. Dann hätten wir sicherlich genügend Mittel zur Verfügung, Hier kann sich die Landwirtschaftsministerin, Frau Klöckner, ja vielleicht mal entscheidend profilieren. Oder haben wir schon vergessen, was die Indianer der Cree prophezeit haben: "Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann."
schmic79 31.05.2018
3. Finanzierungslücke
Man hat den Eindruck, dass wir fast überall eine Finanzierungslücke haben: Naturschutz, Bundeswehr, Brückenbau, Straßenbau, Rente, ALG 2, Schulbildung, Krankenhauswesen, ..... .... Nur bei den Diäten und Pensionen der verantwortlichen Bundespolitiker nicht - da kommt die Liquidität scheinbar wie der Strom aus der Steckdose....
regelaltersrentner 31.05.2018
4.
""Die Lösung liege in der EU-Agrarpolitik, so Kreiser. Dort müsse Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) einen Naturschutzfonds von mindestens 15 Milliarden Euro jährlich verankern. "Damit könnten Europas Landwirte endlich angemessen für wichtige Naturschutzleistungen bezahlt werden."" In diesem Land beschränkt man sich lieber auf die Landwirtschaft einzudreschen, und studiert lieber die Sonderangebote der Lebensmittelkonzerne.
airfresh 31.05.2018
5. Es ist klar, was zu tun ist
Landwirtschafts-Subventionen in Landschaftspflege-Subventionen verwandeln. Das Geld ist da - es muss nur für die richtigen Dinge ausgegeben werden. Osteuropäische Halbsklaven in der Niedersächsischen Pampa Fließband-Fleisch für weltweite Kühltruhen erzeugen zu lassen gehört nicht dazu.
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