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11. August 2017, 17:58 Uhr

Umweltpolitik

Warum Deutschland seine Klimaziele verfehlt

Ein Beitrag aus der Themenwoche "Umwelt" von

Windräder, Sonnenenergie, Abgasgrenzen: Deutschland baut seine Energieversorgung um - scheitert aber an den Klimazielen.

Energie macht das Leben bequem, produktiv und gesünder. Doch der Wohlstand der Industriegesellschaft gründete auf der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas. Dabei entstehen Treibhausgase, die die Luft wärmer werden lassen - das Klima wandelt sich.

Die Staatengemeinschaft hat 2015 deshalb beschlossen, die globale Energiewende einzuleiten, Deutschland sieht sich als Vorreiter. Die Umstellung hat Folgen für jeden.

Was ist das Klimaziel Deutschlands?

Bereits vor zehn Jahren verpflichtete sich die Bundesregierung, die deutschen Treibhausgasemissionen bis 2020 im Vergleich zu 1990 um 40 Prozent zu reduzieren und bis 2030 um mindestens 55 Prozent. Erreicht werden soll das, indem der Energieverbrauch umgestellt wird: Erneuerbare Quellen wie Wind und Sonne sollen Kohlekraftwerke ersetzen, Autos sollen mit Elektromotoren fahren, Heizungen modernisiert werden.

Wird das Ziel erreicht?

Das erste Etappenziel bis 2020 wird höchstwahrscheinlich verfehlt. Bislang gelang gerade mal eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen von 28 Prozent, die zudem großteils auf den Zusammenbruch der DDR-Industrie zurückzuführen ist. Fortschritte in den vergangenen Jahren blieben bescheiden.

Warum wird das erste Klimaziel verfehlt?

Industrie, Energiewirtschaft und Haushalte haben seit 1990 ihre Emissionen deutlich reduziert. Allerdings sinkt der Stromverbrauch nicht wie geplant, und die Effizienz des Energieverbrauchs hat sich nicht genügend gebessert. Auch der Verkehr kommt nicht mit bei der Energiewende: Zwar wurden Abgasgrenzwerte für Autos eingeführt und Motoren effizienter gemacht, zugleich aber mehr Kilometer mit immer mehr großmotorigen Fahrzeugen auf den Straßen gefahren.

Warum wird Strom teurer?

Die Umstellung auf erneuerbare Energien hat Strom deutlich verteuert, die Strompreise hierzulande gehören zu den höchsten in Europa. Ursache sind vor allem Extrabeträge: Steuern und Abgaben nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) verteuern Strom um gut die Hälfte, und Netzentgelte, mit denen der Verbraucher den Ausbau der Stromnetze finanziert, um etwa ein Viertel.

Vor allem die sogenannte EEG-Umlage fällt ins Gewicht: Der Staat garantiert Erzeugern von Ökostrom einen Fixbetrag, damit sich die erneuerbaren Energien lohnen. Den Unterschied zum Börsenpreis des Stroms zahlen die Verbraucher mit der Umlage.

Haushalte mit geringem Einkommen werden vergleichsweise hoch belastet, weil Strompreise für alle privaten Kunden gleich sind, Wohlhabende mithin weniger Anteil ihres Einkommens aufwenden müssen. Einen Rabatt bei der EEG-Umlage bekommen einzig energieintensive Großbetriebe, die mit ausländischen Firmen konkurrieren. Kleinere Unternehmen wie Bäckereien hingegen klagen über hohe Strompreise.

Kommt die Energiewende voran?

Knapp ein Drittel des Stroms in Deutschland stammt mittlerweile aus erneuerbaren Energiequellen, vor allem aus Wind und Sonne. Doch noch 40 Prozent werden mit der Verbrennung von Kohle erzeugt, gut ein Zehntel mit Erdgas und etwa ein Siebtel mit Atomkraft.

Trotz des Ausbaus der Erneuerbaren nahmen die Treibhausgasemissionen 2016 sogar wieder zu - vor allem weil auf der Straße mehr transportiert wurde.

Mehr Stromleitungen und Stromspeicher sollen die Energiewende voranbringen: In Planung sind weitere Leitungen, die Strom vom windreichen Norden in den bevölkerungsreichen Süden der Republik transportieren sollen. Zudem werden große Stromspeicher für Sonnen- und Windenergie erwogen - denn bislang verpufft viel Ökostrom.

Die Wende steht noch am Anfang: Selbst alle aktuell geplanten erneuerbaren Energieprojekte reichen bei Weitem nicht aus, um den Strombedarf in Deutschland zu decken.

Was wollen die großen Parteien?

Die CDU will erneuerbare Energie weiter voranbringen, die Klimaziele einhalten, am Atomausstieg festhalten. Gebäude sollen energiesparender gebaut, dafür Dämmungen gefördert werden.

Die SPD will im Wesentlichen das Gleiche, zudem sollen umweltschädliche Subventionen überprüft werden.

Die Linke will Stromkonzerne und Stromnetze vergesellschaften, Industrierabatte abschaffen, den Ausbau von Ökoenergie beschleunigen und das Erneuerbare-Energie-Gesetz sozialer gestalten.

Die Grünen wollen umgehend die 20 treibhausgasreichsten Kohlekraftwerke und alle Atomkraftwerke abschalten und die Ausbauziele für erneuerbare Energien "kräftig anheben". Strompreisrabatte sollen von der Industrie auf private Haushalte übertragen werden.

Die FDP will einen "Neustart der Energiewende", Erneuerbare sollen ohne Subventionen auf dem freien Markt bestehen können. Um das Ziel zu ermöglichen, soll die Energiewende mit ganz Europa koordiniert werden, um Strom an günstigeren Orten produzieren zu können.

Die AfD bestreitet den vom Menschen verursachten Klimawandel, will aus dem Welt-Klimavertrag aussteigen, erneuerbare Energien nicht mehr fördern und setzt stattdessen auf Kohle- und Kernenergie.

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