Umweltprobleme: Wissenschaftler warnen vor Biosprit

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Palmölherstellung in Malaysia (Mai 2006): "Aus klimaschutzpolitischer Sicht keine Option" Zur Großansicht
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Palmölherstellung in Malaysia (Mai 2006): "Aus klimaschutzpolitischer Sicht keine Option"

Biosprit in der Kritik: Forscher haben sich ungewöhnlich drastisch gegen eine steigende Biospritproduktion ausgesprochen und warnen vor Umweltproblemen. Die Politik reagiert - aber langsam und nur aus eigennützigen Motiven.

Viel deutlicher kann man es nicht formulieren: "Die Förderung des Einsatzes von Biokraftstoffen ist aus klimaschutzpolitischer Sicht keine Option", schrieb der wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik unlängst in einem umfangreichen Gutachten. Im Vergleich zu anderen klimapolitischen Optionen seien Biodiesel und Bioethanol aus deutscher Produktion kostspielig und nutzlos, diktierten die Forscher den Ministerialen in ungewöhnlicher Klarheit in den Zettelblock. Gemessen auf einen Hektar Anbaufläche werde auf diese Weise einfach zu wenig CO2 eingespart.

Auch aus Großbritannien war ähnliches zu hören. Bob Watson, oberster Wissenschaftsberater des Landwirtschaftsministeriums in London, wetterte gegen "perverse Ergebnisse". Der Anbau von Energiepflanzen wie Mais, Getreide, Raps oder Zuckerrohr zur Treibstoffproduktion drohe den Treibhauseffekt im Zweifelsfall zu verschlimmern. Verbindliche Quoten darüber, wie viel Biosprit dem konventionellen Treibstoff beigemischt werden müsse, seien deswegen rundheraus falsch. Ähnlich äußerte sich auch David King, Watsons Amtsvorgänger, und Großbritanniens Chefwissenschaftler John Beddington.

Immer mehr Forscher machen Front gegen die vermeintlich umweltfreundlichen Kraftstoffe. Einer der profiliertesten Köpfe ist Chemienobelpreisträger Paul Crutzen. Sein Team hatte festgestellt, dass durch zusätzliche Düngung beim Energiepflanzenanbau größere Mengen des Treibhausgases Lachgas (N2O) entstehen. Dadurch falle etwa die Ökobilanz von Raps-Diesel negativ aus: Im Extremfall könnte dessen Treibhauswirkung um 70 Prozent höher liegen als bei konventionellem Treibstoff.

Andere Forscher warnen vor der Abholzung von Waldflächen in Schwellenländern, vor Wassermangel und der Überdüngung von Meeresgebieten infolge des Energiepflanzenanbaus. Dazu kommt die Preisexplosion auf den internationalen Lebensmittelmärkten, die von Marktbeobachtern zu einem guten Teil auch auf die steigende Biospritproduktion zurückgeführt wird. Der Uno-Sonderberichterstatter Jean Ziegler hatte vor zwei Wochen einen fünfjährigen Stopp der Biospritproduktion aus potentiellen Nahrungsmitteln gefordert. In dieser Zeit solle die Menschheit nach alternativen Wegen zur Gewinnung von umweltfreundlichem Treibstoff fahnden.

Doch Mahnungen hört man in den Berliner Ministerien nicht allzu gern - hat sich die Regierung doch in der " Roadmap Biokraftstoffe" ambitionierte Ziele gesetzt. Lange Zeit war die Biospritbranche in Deutschland ein Vorzeigesektor, der gerade im wirtschaftlich oft noch schwachen Osten boomte. Zuletzt hatten die Herstellerfirmen ohnehin mit Problemen zu kämpfen, wegen einer Steuererhöhung auf Biotreibstoffe.

Noch mehr Gegenwind erscheint also politisch wenig opportun: "Die Politik ist stolz darauf, was sie im Bereich der Bioenergie alles angeschoben hat. Da ist man wenig begeistert über Kritik", sagt Folkhard Isermeyer, Chef des wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Isermeyer ist Chef des Bundesforschungsinstituts für ländliche Räume, Wald und Fischerei in Braunschweig - und hatte bereits vor rund zwei Jahren mit einem Thesenpapier auf die Probleme durch den Biosprit-Boom hingewiesen. "Damals war das noch eine Minderheitenmeinung", sagt er mit hörbarer Genugtuung. Denn inzwischen liegen die Dinge anders.

Gegenwind kommt auch aus der Politik

Außer Wissenschaftlern sprechen sich auch erste Politiker offen gegen eine zu starke Fixierung auf Sprit vom Acker aus, zum Beispiel Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU). Er beklagte in dieser Woche den negativen Einfluss der Biokraftstoffe auf die Lebensmittelpreise: "Dies verschärft das Ernährungsproblem in den ärmsten Ländern." Man müsse deswegen darüber diskutieren, ob eine verbindliche Beimischungsquote für Biosprit tatsächlich aufrechtzuerhalten sei.

Astrid Klug (SPD), parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, kündigte unlängst an, die deutsche Bioenergiestrategie komme "auf den Prüfstand". Für Seehofer-Berater Isermeyer sind das ermutigende Zeichen, dass sich zumindest langfristig etwas ändern könnte: "Die Politik reagiert nicht innerhalb weniger Wochen, damit muss man sich als beratender Wissenschaftler abfinden."

In diesen Zeiten sind Stimmen selten geworden, die sich ausdrücklich für den gescholtenen Biosprit aussprechen. Zu den Unterstützern gehört Ex-Umweltminister Klaus Töpfer, der frühere Chef des Uno-Umweltprogramms. Eine direkte Beziehung zwischen der Biospritproduktion und weltweit steigenden Lebensmittelpreisen herzustellen, sei zu einfach, sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Wir müssen genauer hinsehen." So hätten zum Beispiel global angleichende Ernährungsgewohnheiten einen wichtigen Anteil an den Preissteigerungen. Die Biospritproduktion solle trotzdem weiter ausgebaut werden, auch gegen Quoten bei der Beimischung habe er nichts einzuwenden: "Es ist wichtig, Dinge zu quantifizieren, um sie überprüfen zu können."

Die Bundesregierung muss in diesen Tagen darüber befinden, ob in Zukunft zehn statt bisher fünf Prozent Biotreibstoff bei der Benzin- und Dieselproduktion beigemischt werden können. "Es würde uns schmerzen, wenn diese Verordnung aufgehalten wird", sagt Karin Retzlaff vom Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Ginge es nach ihnen, würden sie lieber reinen Biosprit verkaufen - am besten steuerbegünstigt.

Möglicherweise wird die Regierung sich nun tatsächlich bewegen und die Beimischungsquote vorerst nicht anheben. Die Gründe dafür werden aber nicht hungernde Menschen in Afrika oder abgeholzte Waldgebiete in Südamerika sein, sondern vielmehr urdeutsche Interessen: Hierzulande haben deutlich mehr Autos Probleme mit dem Biosprit als den Ministerialen lieb sein kann. Nach am Freitag vorgestellten Schätzungen würden sich rund drei Millionen Wagen am Treibstoff verschlucken, wenn der Biospritanteil im Benzin wie ursprünglich geplant auf zehn Prozent anstiege.

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