Umweltschadstoffe Schmelzende Gletscher geben alte Gifte frei

Jahrzehntelang waren sie in Alpengletschern eingeschlossen: Schadstoffe wie DDT und Dioxine. Jetzt gibt das schmelzende Eis sie wieder frei. In Sedimentschichten von Gletscherseen finden Forscher die Gifte in Konzentrationen wie zuletzt in den siebziger Jahren.

EMPA

Von Cinthia Briseño


Den Gletschern der Alpen geht es schlecht. Die globale Erwärmung macht ihnen schwer zu schaffen. Einige sind schon ganz verschwunden, ein großer Teil schrumpft beständig. Jetzt haben Forscher entdeckt, dass die schmelzenden Gletscher in den Schweizer Alpen auch noch eine böse Überraschung bergen: Sie geben Umweltgifte frei, die längst verboten sind und industriell nicht mehr hergestellt werden.

Der Chemiker Peter Schmid hat zusammen mit Kollegen vom Materialforschungsinstitut Empa an der ETH Zürich und vom Schweizer Wasserforschungsinstitut Eawag die Konzentration von Umweltgiften in den Sedimenten hochalpiner Seen gemessen. Dabei stießen die Forscher unter anderem auf Spuren von organischen Chlorverbindungen wie PCB, Dioxinen und Insektiziden wie DDT, wie sie in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins" Environmental Science and Technology" berichten.

Die Substanzen zählen zu den sogenannten POPs ("Persistent Organic Pollutants"), das sind organische Verbindungen, die nur schwer abbaubar sind und zum Beispiel als Weichmacher oder zur Bekämpfung von Schädlingen verwendet wurden.

"Eigentlich war unsere Entdeckung ein Zufallsbefund", sagt Schmid im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Forscher hatten herausgefunden, dass die Fische hochalpiner Seen ähnlich stark mit Dioxinen belastet waren, wie Fische aus urbanen Gewässern, in die industrielle Abwässer eingeleitet werden. "Das hatten wir nicht erwartet", sagt der 59-Jährige. Um der Ursache auf den Grund zu gehen, zogen die Wissenschaftler einige Bohrkernproben aus den Sedimenten verschiedener Gletscherseen, darunter auch dem Oberaarsee, einem 2300 Meter hoch gelegenen Stausee in der Nähe des Grimselpasses im Berner Oberland.

Schicht für Schicht untersuchten Chemiker im Labor die Sedimente. Auf diese Weise offenbarte sich ihnen die Geschichte des Oberaar-Stausees, der angelegt worden war. "Wir konnten anhand der Schichten bestätigen, dass in den Jahren von 1960 bis 1970 in großem Stil POPs produziert wurden und in die Umwelt gelangten", sagt Christian Bogdal, der an der Studie mitgewirkt hat. Weil POPs nur schwer abbaubar und sehr langlebig sind, gelangen sie als Partikel über die Atmosphäre in praktisch alle Regionen der Welt.

Als viele der Toxine Anfang der siebziger Jahre verboten wurden, gingen die Schadstoffmengen zurück. Auch das konnten die Forscher nachvollziehen. Doch eine böse Überraschung entdeckten sie in den Sedimentschichten der vergangenen zehn bis fünfzehn Jahre: Die Menge der Umweltgifte nahm wieder zu, während sie in urbanen Seen wie etwa dem Bodensee oder dem Greifensee nach dem Verbot der Substanzen stetig abgenommen hatte. Teilweise war die Menge chlorhaltiger Chemikalien in den Ringen von Ende der neunziger Jahre an sogar höher als in den Sechzigern und Siebzigern.

Bereits in der Vergangenheit haben ähnliche Studien in anderen Regionen wie etwa in den italienischen und österreichischen Alpen sowie in den kanadischen Rocky Mountains die Vermutung nahe gelegt, dass schmelzende Gletscher eine Quelle für die Anreicherung von Umweltgiften in Gletscherseen sein könnten. Doch Schmid und seine Kollegen haben jetzt erstmals mit Hilfe der Bohrkerne die Verseuchung der Sedimente über die Jahrzehnte hinweg untersucht.

Giftige Gletschermilch speist hochalpine Seen

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass die POPs über die sogenannte Gletschermilch, das Abflusswasser des Gletschers in den See fließen. Dort sinken sie zusammen mit den Schwebstoffen aus dem Gletscherschmelzwasser auf den Grund und lagern sich im Sediment ab. "Auf den ersten Blick könnte man sagen, es handelt sich lediglich um eine Umlagerung", sagt Schmid. "Früher waren die Gletscher die Depots für die Umweltgifte, jetzt sind es eben die Sedimentschichten der Gletscherseen."

Weil POPs nicht wasserlöslich und deshalb wenig mobil seien, befürchtet der Forscher keine akute Gefahr. Die POPs könnten nicht ohne weiteres aus den Sedimentschichten etwa ins Grundwasser gelangen oder den Fischbestand in den Seen massiv beeinträchtigen. Dennoch müsse man auf der Hut sein, schließlich sei das alpine Ökosystem sehr sensibel.

Deshalb planen die Forscher weitere Untersuchungen. "Wir müssen herausfinden, ob mit noch größeren Schadstoffmengen aus den Gletschern zu rechnen ist und welche Auswirkungen sich dadurch für die Umwelt ergeben", sagt Schmid. Seit 1930 hat sich die Zunge des Oberaalgletschers um 1,6 Kilometer zurückgezogen. Allein in den vergangenen zehn Jahren ist sie um mehr als 120 Meter geschrumpft. Zusammen mit Glaziologen wollen die Wissenschaftler die genauen Wege der Schadstoffe erforschen. Noch wissen sie nicht genau, wie die POPs im Gletscher lagern, wie deren Konzentrationsverteilung dort ist und wie sie vom Eis ins Schmelzwasser gelangen.

Außerdem hat Schmid noch ganz praktische Bedenken: Das Wasser für die Versorgung auf Alpenhütten, so sagt er, stammt oft aus Gletscherseen. Seiner Meinung nach müsse man dessen Qualität deshalb ständig überprüfen. Viele der POPs sind gesundheitsschädigend und stehen im Verdacht, krebserregend zu sein.



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