Umweltschutz EU lässt sich Zeit im Kampf gegen das Artensterben

Tier- und Pflanzenarten sterben mit atemberaubendem Tempo aus. Die EU wollte das Massensterben auf dem Kontinent noch in diesem Jahr zum Stillstand bringen. Doch daraus wird nichts, wie EU-Umweltminister jetzt einräumen: Sie geben sich weitere zehn Jahre, um das Ziel zu erreichen.

WWF - Canon / John MacKINNON

Brüssel - Die Bilanz sieht düster aus, die Konsequenzen daraus ebenfalls: 17.291 von 47.677 Arten sind auf der aktuellen Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN als bedroht verzeichnet. 3 bis 30 Arten verschwinden täglich von der Erde, schätzt das Umweltprogramm der Uno (Unep) - es sei ein Massensterben, das hundertmal schneller ablaufe, als es aufgrund der Mechanismen der Evolution zu erwarten wäre.

Doch obgleich sich die EU erst im Sommer 2008 mit großem Tamtam zum weltweiten Artenschutz bekannt hatte, ist es mit der Einhaltung der dort vereinbarten Ziele nicht weit her.

Zehn weitere Jahre gibt sich Europa jetzt, um das Aussterben bedrohter Tier- und Pflanzenarten auf dem Kontinent zu stoppen. Eigentlich hätte dieses Ziel schon in diesem Jahr erreicht werden sollen. Wie die europäischen Umweltminister am Montag in Brüssel feststellten, kann dieses ursprünglich 2001 beschlossene Vorhaben aber nicht mehr fristgerecht eingehalten werden - und soll nun bis 2020 umgesetzt werden.

Dafür müssten aber entsprechende Mittel zur Verfügung gestellt und die Gesetze verschärft werden, erklärten die Minister. Der Verlust von Biodiversität schreite in einem "inakzeptablen Tempo" fort - mit ernsten ökologischen, ökonomischen und sozialen Folgen.

Reiche: Deutschland will eine halbe Milliarde Euro investieren

Nach Angaben von Umweltstaatssekretärin Katherina Reiche steht Deutschland jedoch weiterhin zu seiner Zusage, 500 Millionen Euro in den Artenschutz zu investieren. Jetzt müssten auch andere Länder ihre Verpflichtungen einhalten. Vor der nächsten Uno-Artenschutzkonferenz im japanischen Nagoya stehe Europa im Rampenlicht. "Glaubwürdigkeit, Transparenz und das gute Beispiel Deutschlands und der europäischen Union sind ganz wesentliche Faktoren, um in Nagoya erfolgreich zu sein", sagte Reiche.

Die Uno hat 2010 zum Jahr des Artenschutzes erklärt. Im Oktober will sich die Staatengemeinschaft unter anderem auf Leitlinien zu Schutzgebieten und zur Finanzierung verständigen. Laut der globalen Studie "The Economics of Ecosystems and Biodiversity" (TEEB) richtet das Artensterben jährlich einen Schaden von 50 Milliarden Euro an. "Der Schutz der biologischen Vielfalt sollte nicht als ein Eigenwert betrachtet werden, sie ist wichtig für das Wohlbefinden der Menschen und wirtschaftlichen Wohlstand", sagte die spanische Umweltministerin und aktuelle Verhandlungsführerin der EU-Umweltminister, Elena Espinosa.

Stillstand auch beim Bodenschutz

Auch beim Schutz der Böden vor Verschmutzung machte die EU keine Fortschritte: Deutschland und fünf weitere Länder blockieren Pläne für ein EU-Gesetz. In den Verhandlungen setzte sich Umweltstaatssekretärin Katherina Reiche für eine Abschwächung der geplanten EU-Klimaauflagen für Kleinlaster und Lieferwagen ein.

Ein Grund ist die Angst vor Kosten sowie Verwaltungs- und Berichtspflichten. So hat Deutschland bereits ein Bodenschutzgesetz mit Auflagen besonders auf Länderebene, die an ein EU-System angepasst werden müssten. So werden für Altlasten-Kataster 4000 Stoffe erfasst, die im Fall eines europäischen Gesetzes überprüft werden müssten. Deutschland will sich jetzt für eine Fortentwicklung der bestehenden EU-Bodenschutzstrategie einsetzen. Sie ist aber nicht verbindlich.

Auch Frankreich, Großbritannien, Österreich und Finnland sind gegen das Vorhaben. Anders als beim Wasser- oder Luftschutz sei Europa beim Bodenschutz nicht zuständig, heißt es. Unter den 27 EU-Staaten gibt es somit eine Sperrminorität. Der neue EU-Umweltkommissar Janez Potocnik machte klar, dass er dennoch für die Bodenschutzrichtlinie kämpfen will. "Der Schutz der Böden hat ganz klar auch mit Klima- und Artenschutz zu tun, die anerkanntermaßen EU- Themen sind."

cib/dpa



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
MadMad 15.03.2010
1.
Nun, wirklich überraschend ist das nicht. Wer keine Lobby hat, steht hinten an. Vielleicht könnten aber bedrohte Tierarten einen Platz in deutschen Hotels bekommen. Dann wäre ich deutlich optimistischer.
brux 15.03.2010
2. Schlampige Recherche
In dem Artikel geht mal wieder alles durcheinander. Die Europaeische Kommission hat erkannt, dass das 2010 Ziel von den Mitgliedsstaaten verfehlt wird und zielt nun 2020 an. Warum den Mitgliedsstaaten und vor allem Deutschland in dem Artikel eine positive Rolle zugeschrieben wird, ist mir nicht klar. Alles Bremser und politische Versager! Und haben die Deutschen aus der Autoemissionssaga nichts gelernt? Die Industrie liefert moderne Konzepte, wenn sie gezwungen wird, und nur dann. Bei den kleinen Nutzfahrzeugen zu bremsen ist wieder nur toericht.
Schakutinga 15.03.2010
3. Bislang...
Ein einziges Posing zu diesem Thema. Das sagt ja wohl alles. Traurig.
WehrtEuch 15.03.2010
4. Bruhaha
na ja, in 50 Jahren gibts dann eh nur noch uns. Auch nicht schlecht. Ich bin dann schon tot und meine Kinder müssen sich halt dann gegenseitig fressen. Nach mir die Siiiintflut ....
denkmal! 16.03.2010
5. Ja, schrecklich...
...aber wie soll denn dieser Artenschutz KONKRET aussehen? Leider erfährt man da nix aus dem Artikel. Er hinterlässt bei mir die schale Frage: Wann wird welche Tierart/Pflanzenart wie vor was geschützt? Alles Angstmache...? Leider wohl kaum! Wir beweisen hiermit mal wieder, dass unser Lebensstil unzeitgemäss geworden ist, ranzig, verquer gegenüber unserer Mitnatur. Unlogisch. Trotz Aufklärung mittelalterlich.
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