Umweltschutz: Satellitentechnik spürt kriminelle Fischer auf

Von

Satellitenüberwachung von Schiffen: Zickzack-Routen im Ozean Fotos
GoogleEarth/ WWF

Illegale Fischerei ist ein Milliardengeschäft - und verschärft das Problem der Überfischung in den Weltmeeren. Satelliten sollen helfen, die Fangschiffe aufzuspüren. Bisher ist die Technik noch in der Entwicklung, doch Experten hoffen auf eine Echtzeit-Karte der Weltmeere.

In den Lagern stapelt sich Thunfisch, als die "Premier" am 19. April Mauritius ansteuert. Die Mannschaft will die wertvolle Fracht im Hafen abladen. Doch die Behörden verbieten das. Die "Premier" muss mitsamt Fracht beidrehen und sich einen anderen Hafen suchen - zum zweiten Mal in diesem Jahr. Bereits im März hätten die Seychellen das Boot abgewiesen. Ein teures Ärgernis für das südkoreanische Unternehmen Dongwon, dem die "Premier" gehört. Ein Erfolg für die Behörden - und Umweltschützer. Es ist eine Schlüsselszene in einem Krimi, der sich auf hoher See abgespielt hat. Ein Einzelfall zwar, aber einer, der ein globales Problem beleuchtet: illegalen Fischfang.

Experten schätzen, dass mit illegalen und nicht offiziell gemeldeten Fängen pro Jahr zwischen zehn und 23,5 Milliarden US-Dollar umgesetzt werden. Bis zu jedes fünfte angelandete Meerestier geht demnach Fischern ins Netz, die in rechtlichen Grauzonen oder illegal agieren. Damit verschärft das kriminelle Geschäft auf See das ohnehin große Problem der Überfischung.

Das Treiben auf See zu überwachen, ist eine logistische Herausforderung. Behörden und NGO versuchen dies vermehrt per Satellit. Radaraufnahmen aus dem Orbit zeigen die Schiffe gut an, vorausgesetzt, diese sind groß genug, erklärt John Amos von SkyTruth, einer gemeinnützigen Organisation in den USA, die sich dem Umweltschutz verschrieben hat und Satellitendaten sammelt und auswertet.

Zusätzlich ermöglicht das Anti-Kollision-System (AIS), das viele größere Schiffe besitzen, theoretisch eine Überwachung. Das AIS sendet Namen und Position eines Schiffs, seine Größe und Geschwindigkeit. Aber: "Fischer können lügen", sagt Amos. Das AIS könne manipuliert oder einfach ausgeschaltet werden. Oft zeige daher erst ein Abgleich verschiedener Daten, dass etwas nicht stimme.

Jeder schaut auf ein kleines Stückchen Ozean

Die Überwachung der Fischerei per Satellit steckt laut Amos zwar noch in den Kinderschuhen, aber sie sei dabei, sich rasant zu entwickeln. "Eine globale Echtzeit-Karte von Schifffahrt und Fischerei ist das Ziel", sagt er.

Amos hofft, dass die Daten in Zukunft sogar Vorhersagen ermöglichen. Verlasse ein Schiff den Hafen, das in illegale Fischerei verwickelt war, könnte man abschätzen, wo sein Ziel liegt - und die Behörden dort informieren, so dass sie rechtzeitig vor Ort sein können.

Um die großen Menge anfallender Daten zu verwalten, denken Amos und seine Kollegen auch darüber nach, Interessierte weltweit einzubinden - per Crowdsourching vorm eigenen Rechner zu Hause. "Man könnte sich vorstellen, dass Freiwillige jeweils ihr kleines Stück Ozean überwachen und sich melden, sobald etwas Auffälliges passiert", sagt Amos.

Auch der WWF arbeitet mit einem Satellitendaten-Anbieter zusammen, etwa um zu überprüfen, ob Grenzen von Meeresschutzgebieten eingehalten werden. Die Organisation beobachtet dabei, welche Routen Fischerboote nehmen - und in welchem Tempo. "Fährt ein Schiff auf einmal langsamer und im Zickzack, ist das ein Hinweis: Das ist ein Trawler, der zieht ein Netz hinter sich her und fängt", sagt Alfred Schumm vom WWF.

"Wir leiten diese Daten nicht an Behörden weiter", erklärt er. "Unser Ziel ist es nicht, einzelne schwarze Schafe zu identifizieren." Es gehe darum, Transparenz und Verständnis zu schaffen. "Wir wollen verdeutlichen, dass das gesamte Fischerei-Management verbessert werden muss, da es nicht nachhaltig ist."

"Illegale Fischerei darf sich nicht mehr lohnen"

Im Gegensatz dazu unterstützen die Pew Charitable Trusts auch Projekte, die Behörden direkt beistehen, etwa das im Februar gestartete Interpol-Projekt "Scale" oder "Fish-i: Africa", bei dem mehrere afrikanische Staaten zusammenarbeiten. "Wir wollen an der Änderung des Systems mitarbeiten", sagt Kristin von Kistowski von Pew.

Wie nötig die internationale Vernetzung ist, zeigt der Fall der "Premier". Das Schiff geriet 2011 ins Visier, weil es illegal vor der Küste von Liberia gefischt haben soll. Behörden des westafrikanischen Staates baten die Regierung von Mauritius, die "Premier" zu inspizieren - dort hielt sie sich Ende 2012 auf. Der Verdacht bestätigte sich: Die "Premier" hatte gefälschte Fanglizenzen. Mehrere Staaten verweigerten ihr daraufhin neue Lizenzen, wie die Initiative "Stop illegal fishing" berichtet. Ende März schließlich wiesen die Seychellen das Schiff vorm Einlaufen in einen Hafen ab - und am 19. April dann Mauritius. Und in der Zwischenzeit hatte man die "Premier" per Satellit im Blick, wie Pew beschreibt. Dabei zeigte sich etwa, dass sie sich mit einem anderen Schiff von Dongwon in internationalen Gewässern traf, wobei möglicherweise Fisch umgeladen wurde.

Dass die "Premier" nun mehrmals an Häfen abgewiesen wurde, ist das Unternehmen kostspielig, das Beispiel also abschreckend. "Illegale Fischerei darf sich nicht mehr lohnen", fasst es Kristin von Kistowski zusammen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Nahes Beispiel Ostsee
ekenkis 22.04.2013
Zitat von sysopGoogleEarth/ WWFIllegale Fischerei ist ein Milliardengeschäft - und verschärft das Problem der Überfischung in den Weltmeeren. Satelliten sollen helfen, die Fangschiffe aufzuspüren. Bisher ist die Technik noch in der Entwicklung, doch Experten hoffen auf eine Echtzeit-Karte der Weltmeere. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/umweltschutz-satellitentechnik-spuert-kriminelle-fischer-auf-a-894847.html
Als Kind habe ich mich übergeben, weil es nach dem Krieg nur Salzheering und "Schellfisch" (Dorsch) zu essen gab als die billigsten "Abfallfische". Inzwischen, nach jahrzehntelangem Raubfischen u.a. durch östeuropäschische Fischfabriken auf dem Meer, sind beide Sorten in der Ostsee selten geworden und quotiert. Hoffentlich geht es unseren Enkeln nicht so, dass alles was aus dem Meer kommt, Luxus ist und letztlich, ähnlich Laxen und Stören, "an Land" in Fischfarmen gezüchtet wird und sie ihren Fisch für teures Geld mit Antibiotika und Hormonen gespickt verzehren müssen.
2. Crowdsourching
gojoni 22.04.2013
...das ist wohl eine neue Wortkreation: eine Mischung aus Crowdsearching und Crowdsourcing. Interessant wäre nur zu erfahren, was der Autor nun wirklich meint...
3. Warum erst jetzt?
rgriese77 22.04.2013
Das war auch hoeste Zeit.
4. Die Fischer der EU konnten ihre Quoten oft nicht erfüllen, weil die Quote viel hoch war
Fricklerzzz 22.04.2013
Jetzt sind Nord und Ostsee leergefischt, da gibts nicht mehr viel zu regeln. Die Überwachung kommt viel zu spät und die Lobby sorgt dafür das alles was noch da ist, auch immer noch gefangen werden kann. Die machen das wie gehabt: tatsächlichen Bestand mal 6 Hochrechnen, davon dann 15% nehmen, das ergibt dann die "nachhaltige" Fangquote. Da von den EU-Komissaren keiner mal mit einem Fischer rausfährt ist verwaltungstechnisch immer alles überaus korrekt und alle sind zufrieden. Solange die Flotten nicht verkleinert werden, erholt sich da garnichts. Fricklerzzz
5.
Battlemonk 22.04.2013
Was soll das bringen ohne Strafen?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS
alles zum Thema Umweltschutz
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 17 Kommentare
Testen Sie Ihr Wissen!

Fotostrecke
Gejagte Meerestiere: Wo der Mensch die Fische fängt
Unsere Fische
Seelachs
Deutsche See Fischmanufaktur
Er hat graues Fleisch und ist deshalb nur in Deutschland beliebt, daher ist Seelachs nicht überfischt.
Seezunge
Um sie in die Fangnetze zu scheuchen, wird der Meeresboden mit Ketten durchpflügt. Die Hälfte eines Fangs wird zurückgeworfen, meist tote Babyschollen.
Scholle
DPA
Sie wird meist gemeinsam mit der Seezunge gefangen. Wegen der rabiaten Fangtechnik und der engen Netzmaschen gehen zahlreiche Jungtiere ins Netz.
Dorsch/Kabeljau
Corbis
In der westlichen Ostsee überfischt, in der östlichen Ostsee erholen sich die Bestände. In der Nordsee ist der Bestand so stark dezimiert, dass Forscher immer wieder einen Fangstopp forderten – erfolglos.
Hering
AP
In der westlichen Ostsee stark dezimiert. Die erlaubten Fangmengen wurden gerade um 30 Prozent reduziert. Dem Nordsee-Hering geht es dank niedriger Quoten besser.
Sprotte
In der Ostsee leicht überfischt. Sie wird zu Fischmehl verarbeitet und an Zuchtlachs verfüttert. Für ein Kilo Lachs werden drei bis fünf Kilo Sprotten gebraucht.
Lachs
DPA
Frei lebende Lachse sind so selten wie nie zuvor. Die weltweite Produktion in Aquakulturen übersteigt die Fangmengen aus dem Nordatlantik um das Tausendfache.