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Umweltschutz: Was wurde eigentlich aus dem Waldsterben?

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Deutscher Wald: Erst versauert, dann auferstanden Fotos
DPA

1981 schien das Schicksal des deutschen Waldes besiegelt. Die Angst vor dem Tod der Bäume trieb Zehntausende auf die Straße - und ebnete den Grünen den Weg in die Parlamente. Doch das Waldsterben fiel aus.

Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
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Als es sein alter Körper noch erlaubte, ist der Mann, der Deutschland das Waldsterben prophezeite, oft in den Wald bei seinem Haus spaziert. Dicht belaubt sind die meisten Bäume in dem Forst bei Waake-Bösinghausen nahe Göttingen. Jedes Frühjahr sprießt und wächst und wuchert das Grün. Nichts deutet auf den Garaus dieses Ökosystems hin - ebenso wenig wie in den meisten anderen deutschen Wäldern. "Gut, dass es so gekommen ist", sagt Bernhard Ulrich zu SPIEGEL ONLINE. Gut, dass der heute 88-Jährige falsch lag mit seinem Horrorszenario.

"Die ersten großen Wälder werden schon in den nächsten fünf Jahren sterben. Sie sind nicht mehr zu retten." So hat es Ulrich, damals Professor für forstliche Bodenkunde und Waldernährung in Göttingen, im Jahr 1981 vorhergesagt - und die Luftverschmutzung dafür verantwortlich gemacht. Seine Prognose versetzte die Nation in Panik. "Saurer Regen über Deutschland. Der Wald stirbt", titelte der SPIEGEL. "Über allen Wipfeln ist Gift", schrieb der "Stern". Und die "Zeit" kommentierte: "Am Ausmaß des Waldsterbens könnte heute nicht einmal der ungläubige Thomas zweifeln."

Alarmierende Schäden

Kaum ein Umweltthema hat die Menschen in der alten Bundesrepublik je so geeint wie die kollektive Angst vor dem Tod des sagenumwobenen deutschen Waldes. "Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch", lautete die Losung, die Anfang der 1980er Zehntausende auf die Straßen trieb. Heimatvereinsmitglieder in Trachten und Waldbauern mit Anzug und Krawatte demonstrierten neben langhaarigen Ökoaktivisten, die Fichtengerippe durch die Straßen trugen oder sich als Sensenmänner verkleideten. "Das Waldsterben war ein einigendes Thema quer durch die westdeutsche Gesellschaft", sagt die Kulturwissenschaftlerin Birgit Metzger, die demnächst ein Buch über das Waldsterben als Politikum veröffentlicht. "Diese Debatte stand stellvertretend für eine Reihe Umweltprobleme, die zu dieser Zeit aufgekommen sind."

Bilder apokalyptischer Landschaften mit grauen Baumskeletten und ohne sichtbares Leben flimmerten über die Fernseher: Sie zeigen Wälder im tschechischen Erzgebirge, denen die dreckigen Abgase aus der Erzverhüttung und den Braunkohlekraftwerken zugesetzt haben. Bei der Bundestagswahl 1983 wird das Waldsterben zum großen politischen Thema - getrieben vom Aufstieg der Grünen, die erstmals ins Parlament einziehen. Ihre Abgeordnete Marieluise Beck überreichte Helmut Kohl zur Wahl statt Blumen einen verdorrten Tannenzweig. Und der Kanzler springt auf den Zug auf. "Die Schäden in unseren Wäldern sind alarmierend", sagt er in seiner Regierungserklärung. "Die Bürger erwarten zu Recht wirksame Gegenmaßnahmen."

Den Worten folgen Taten. Gegen den Widerstand der Stromlobby treibt die schwarz-gelbe Bundesregierung die unter Helmut Schmidt gestartete Großfeuerungsanlagenverordnung voran: Nun müssen Kohlekraftwerksbetreiber Filter zur Rauchgasentschwefelung in ihre Schlote einbauen. Hubschrauber werfen tonnenweise Kalk über den Wäldern ab, um die Böden zu entsäuern. Die EU einigt sich auf verbindliche Abgaswerte für Pkw, später werden Luftreinhaltepläne eingeführt und Katalysatoren vorgeschrieben.

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Buche, Lärche, Kiefer: Wie viele Bäume wachsen in deutschen Wäldern?
Die Jahre gehen dahin, aber der deutsche Wald will nicht so recht sterben. Sicher, in einigen Landstrichen wie in Teilen des Fichtel- und Erzgebirges oder im Harz gehen Waldbestände kaputt. Aber das befürchtete großfläche Waldsterben überall in Deutschland bleibt aus. 1993 veröffentlicht das Bundesforschungsministerium die Stellungnahme eines Expertenkreises, dem Bernhard Ulrich angehörte. Darin heißt es, "dass ein Absterben ganzer Wälder in Zukunft nicht mehr zu befürchten" sei. Im Gegenteil: 1996 stellt der damalige Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats des Europäischen Forstinstituts, der Freiburger Professor Heinrich Spiecker, eine Studie vor, die zeigt, dass sich das Wachstum der Wälder in Europa überall beschleunigt hat. 2003 erklärt die grüne Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast, der Trend zum Waldsterben sei umgekehrt worden.

War alles nur Hysterie? Darüber streiten sich die Gelehrten bis heute. "Die Politik hat erkannt, dass etwas falsch läuft und rechtzeitig Gegenmaßnahmen umgesetzt", sagt Bernhard Ulrich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Sonst wären große Teile des Waldes schwer geschädigt worden, wie in den Mittelgebirgen." Genauso sieht es Klaus-Hermann von Wilpert von der Baden-Württembergischen Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt in Freiburg. Dass Waldsterben heute kein großes Thema mehr sei, "ist der Fluch der guten Tat".

"Es geht dem deutschen Wald gut"

Spiecker widerspricht: "Das Waldsterben gab es gar nicht. Der saure Regen hat den Bäumen relativ wenig angetan", sagt der Freiburger Professor. Im Schwarzwald etwa seien in den 1980ern "maximal zehn Prozent von dem, was durchschnittlich zuwächst, abgestorben".

Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte. "Beide Seiten haben auf ihre Weise recht", meint Andreas Bolte, Leiter des staatlichen Thünen-Instituts für Waldökosysteme in Eberswalde. "Viele Bäume kommen besser mit einem sauren Bodenmilieu zurecht als erwartet." Andererseits hätten die Schutzmaßnahmen aber auch eine Menge gebracht: Vor allem die Belastung durch Schwefeldioxid sei dramatisch zurückgegangen: "Ende der 1980er wurden oft noch 25 bis 30 Kilo Schwefeleintrag pro Hektar und Jahr gemessen; heute sind es nur noch drei bis vier Kilogramm." Hätten Ulrich und andere damals nicht so laut gewarnt, wäre der Wald heute in einem wesentlich schlechteren Zustand.

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Von Beruf Förster: Loden und Waldi, das war gestern
In den vergangenen Jahren haben Bolte und seine Kollegen die Bundeswaldinventur koordiniert, eine Art Volkszählung der Bäume. Demnach bedeckt Wald heute fast ein Drittel der Fläche der Bundesrepublik oder 11,4 Millionen Hektar - gut eine Million Hektar mehr als Anfang der 1980er. "Es geht dem deutschen Wald gut", frohlockte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) bei der Vorstellung der Ergebnisse.

Allerdings erfasst die Inventur gar nicht, wie gut es den Bäumen geht. Und die Waldzustandsberichte einiger Bundesländer widerlegen Schmidt: In Nordrhein-Westfalen etwa sind nur noch 23 Prozent der Bäume ohne Schäden; vor drei Jahrzehnten waren noch 59 Prozent gesund. 36 Prozent etwa weisen deutliche Nadel- oder Blattverluste auf, besonders häufig kränkeln Buchen und Eichen.

"Der Zustand des Waldes ist nicht lebensbedrohlich", sagt der Freiburger Forscher von Wilpert. "Aber es geht ihm nicht besser als vor 30 Jahren." Saurer Regen mache den Bäumen nicht mehr zu schaffen, dafür aber Schädlinge wie der Borkenkäfer und der Eichenprozessionsspinner sowie weitere Auswirkungen des Klimawandels.

"Wir müssen nach wie vor ein Auge haben auf den deutschen Wald", sagt Bernhard Ulrich. Seinen Kassandra-Ruf von 1981 bereut er bis heute nicht: "Die Diskussion um das Waldsterben hat mit dazu beigetragen, dass in Deutschland ein breites ökologisches Bewusstsein entstanden ist." Da wird ihm niemand widersprechen.


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Die Serie "Was wurde aus...?" spürt Themen und Menschen nach, die einst die Schlagzeilen beherrschten, dann aber aus dem Blickfeld verschwanden. Wir recherchieren, wie sich die Ereignisse fortentwickelt haben, und erzählen die Geschichte weiter. Jetzt können Sie mitentscheiden, welche Themen wir auswählen: Schicken Sie bitte Ihren Themenvorschlag an
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Außerdem in dieser Serie erschienen: Schwuler NFL-Footballer Michael Sam, Waldsterben, Knall vom Wedding, Gefangenenlager Guantanamo, Flug MH370, Bayerische Amigos, BSE, Rossis Wunderreaktor, Gaddafi-Clan, Ungarns Mediengesetz, Anton Schlecker, Fukushima und die Kernenergie, Biosprit E10, Abu Ghraib, #Aufschrei, Deutschlands Solarindustrie, Lehman Brothers, Sarah Palin, Dubai nach dem Crash, Winnenden nach dem Amoklauf, Kassiererin Emmely, Die Piraten von Somalia, Die Opfer des Boston-Marathons, die Schweizer Volksabstimmung gegen "Masseneinwanderung", Felix Baumgartner, Stiftung Warentest gegen Ritter Sport, Andrea Ypsilanti, Stefan Mappus, Annette Schavan, Die Piratenpartei, Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking, Mahmud Ahmadinedschad, Bischof Tebartz-van Elst, Dominique Strauss-Kahn, Der Pferdefleischskandal

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 186 Beiträge
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1. Saurer Regen
tao chatai 03.01.2015
war den Kohle Kraftwerken vor allem im UK geschuldet,die sind mittlerweile alle (glaub ich) abgestellt. Schade im die Kamintechnik die war super wie man heute noch in Hong Kong auf Lamma Island sehen kann!Exellent!!!
2. Einfach mal in den Wald gehen
grunzbichler 03.01.2015
Die ganze akademische Diskussion beendet sich von alleine, wenn man den Wald einmal aufsucht. Man wird kaum eine gesunde Eiche finden, die Eschen sind massiv unter Schädlingsdruck, die Buchen sehen auch nicht gerade gut aus. Linden haben unverhältnismäßig viel Totholzanteil. Wäre die Politik nicht so massiv eingeschritten, mit KAT, Entschwefelungsanlagen, etc. , dann wäre dieses Horrorszenario schon sehr nahe an der Realität. Diverse Spinnerarten werden immer stärker, zB. an Traubenkirschen.
3. Wenigstens
frank1980 03.01.2015
haben die Ökö-aktivisten mit dem angeblich vom Menschen verursachten Klimawandel ein neues Thema gefunden. Ob sie mit ihrer neuen Warnung recht hatten wird man erst in vielen Jahrzehnten wissen. Dann nämlich wenn die Temperatur auch bei kaum noch CO2 Ausstoß natürlichen Schwankungen unterliegt.
4.
marthaimschnee 03.01.2015
Wieviele Autoren hat der Artikel eigentlich? An manchen Stellen kommt man sich nämlich vor, als würden die Absätze gar nicht zusammenpassen. Da wird von Gegenmaßnahmen geredet und direkt im Anschluß, daß der Wald einfach nicht sterben will. Na das heißt doch, daß die Gegenmaßnahmen erfolgreich waren, daß die großflächige Umweltzerstörung dem Menschen zu verdanken ist und schlicht und einfach endet, wenn er aufhört, die Umwelt zu zerstören! Hier wurde keine falsche Prognose aufgestellt, sondern durch entschlossenes Handeln die prognostizierten Folgen verhindert. Förderlich dafür war, daß jeder direkt diese Folgen sehen konnte und ziemlich eindeutig war, was da passiert und was passieren wird, wenn man den Kurs weiter fährt. Genausogut hätte man sich aber auch in heute bewährter Form auf Gutachten von gekauften Experten verlassen können ... und hätte heute keinen Wald mehr.
5. Leben erhalten
Europa! 03.01.2015
Die Abwendung des Waldsterbens durch technische Maßnahmen ist eine Blaupause dafür, wie wir unseren Planeten auf lange Zeit als Lebensraum erhalten können. Man darf nicht vor der Profitgier, der Trägheit und Bequemlichkeit kapitulieren, wenn es um die Erhaltung der Natur und des Lebens geht.
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Zum Autor
Claus Hecking ist freier Internationaler Korrespondent und Reporter für SPIEGEL ONLINE, die "Zeit", das Magazin "Capital" und andere Medien.

Website: www.claushecking.com

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