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Umweltschutzkosten: Experte wirft Uno-Klimarat Schönrechnerei vor

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Neue Vorwürfe setzen den Weltklimarat weiter unter Druck. Jetzt übt ein renommierter Wirtschaftsforscher Kritik an dem Gremium - es soll die Kosten des Klimaschutzes absichtlich klein gerechnet haben. Einer der angegriffenen Wissenschaftler kommt aus Deutschland.

Chemiefabrik in Australien: Wie teuer ist der Umweltschutz? Zur Großansicht
REUTERS

Chemiefabrik in Australien: Wie teuer ist der Umweltschutz?

Er ist das Gesicht für die Krise der Klimawissenschaften: Rajendra Pachauri, der Chef des Uno-Weltklimarats IPCC. Ausgezeichnet mit dem Friedensnobelpreis, hat der Inder das Unheil für seine Zunft nicht wahrhaben wollen. Bis zuletzt soll der Ingenieur sich einer internationalen Überprüfung der Ergebnisse des mehrere tausend Seiten langen Rapports zum Zustand des Weltklimas widersetzt haben. "Er musste regelrecht bedrängt werden", sagt ein Insider.

Am Wochenende dann zeigte er erste Anzeichen eines Stimmungswandels: Es tue ihm leid, eine Studie, die den vom IPCC postulierten Gletscherschwund im Himalaja in Frage stellte, als "Voodoo-Wissenschaft" bezeichnet zu haben. Nur: Zurücktreten wolle er nicht.

Der IPCC kommt nicht zur Ruhe. Die Kritiker haben ein neues Kapitel in ihrer Fehlersuche aufgeschlagen. Es betrifft den dritten Teil des im Februar 2007 veröffentlichten Reports, der sich mit den Maßnahmen gegen den Klimawandel auseinandersetzt. Und damit bekommt das Problem auch eine deutsche Dimension. Denn einer der federführenden Autoren dieses Kompendiums war Ottmar Edenhofer, Umweltökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und ranghöchster deutscher IPCC-Funktionär.

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Sein Kollege, der renommierte niederländische Wirtschaftsforscher Richard Tol, greift ihn frontal an. Im dritten Teil des Berichts, sagt Tol, steckten Fehler - und die hätten eine eindeutige Tendenz: "Sie alle bewerten viel zu optimistisch, wie teuer die Klimapolitik in der Zukunft sein wird", sagt der Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Freien Universität Amsterdam zu SPIEGEL ONLINE. Während Edenhofer die Arbeit seiner Kollegen, etwa jene zu den Himalaja-Gletschern, als schlampig bezeichnet, müsse er sich genau diesen Vorwurf selber gefallen lassen, so Tol.

Fünf von sechs Studien nicht wissenschaftlich begutachtet

Die Unregelmäßigkeiten sind nicht so augenfällig wie etwa die falsche Prognose zum Himalaja. Wer sie durchschauen will, muss sich in der Diskussion unter Klimaökonomen schon gut auskennen. Tol kann genau das von sich behaupten und beharrt darauf, dass es sich um schwere handwerkliche Fehler handelt. Dazu hat er in den Protokollen des IPCC recherchiert und festgestellt: "Obwohl Prüfer der Kapitel auf die Fehler hingewiesen haben, tauchen diese dann doch im Bericht auf."

Man habe sich zudem auf Quellen verlassen, die nicht dem sogenannten Peer-Review-Verfahren, also der Prüfung durch Kollegen, unterzogen worden waren. Stattdessen hätten die IPCC-Autoren bewusst Studien herausgepickt, die eine für sie genehme Botschaft beinhaltet hätten. Andere seien schlicht unter den Tisch gefallen, kritisiert Tol.

Dabei geht es etwa um die Frage, ob Klimapolitik einen Wirtschaftsaufschwung und neue Arbeitsplätze generieren könne. Das wird im IPCC-Bericht äußerst optimistisch gesehen und mit sechs Studien belegt. Fünf von ihnen sind sogenannte Graue Literatur - also nicht wissenschaftlich begutachtet.

Dabei kam eine Übersichtsstudie, die noch rechtzeitig vor der Veröffentlichung des IPCC-Berichts vorlag und insgesamt 94 Untersuchungen zu dem Thema beinhaltete, zu einem ernüchternden Resultat: Der Arbeitsmarkt werde durch ökologische Umbauten um höchstens 0,64 Prozent wachsen - bei einer Fehlerbreite von 1,33 Prozent, was eine sinnvolle Aussage in eine positive oder negative Richtung eigentlich verbietet.

In Tols Augen haben Edenhofer und Co-Autoren dabei gegen ein IPCC-Prinzip verstoßen, wonach Graue Literatur nur dann herangezogen werden dürfe, wenn es keine begutachtete Studien gibt. "Hier wird Graue Literatur dafür verwendet, begutachteten Publikationen zu widersprechen", sagt Tol.

Unterstützung bekommt Tol von seinem Kieler Kollegen Till Requate, der ihm "in den meisten Punkten Recht gibt". Den Ökonomie-Professor stört schon seit langem "die einseitige Darstellung" der Arbeitsgruppe drei des Weltklimarats, etwa dabei, wie die Kosten der Vermeidung von CO2-Emissionen unterschätzt würden.

Denn so förderlich die Resultate einer strengen Klimapolitik für die Wirtschaft sind, so günstig ist laut IPCC der Preis für Maßnahmen zur Reduktion von Treibhausgasen. Im entsprechenden Teil des IPCC-Berichts werden drei unterschiedlich ambitionierte Szenarien für die Senkung des Kohlendioxidausstoßes durchgespielt. Dabei ließe sich nun vermuten, dass die Kosten deutlich steigen, je mehr Kohlendioxid eingespart werden soll. Doch der Kostensprung zwischen dem mittleren und dem strengsten Szenario fällt seltsam gering aus.

"Das Autorenteam ist heterogen besetzt"

Sollte den Politikern suggeriert werden, Klimaschutz koste gar nicht so viel? Denn das strengste Szenario ist ausgerechnet jenes, bei dem der globale Temperaturanstieg auf zwei Grad begrenzt würde. Und genau jenes Zwei-Grad-Ziel ist die Kernbotschaft, die engagierte Klimawissenschaftler den Politikern empfehlen.

Der von Tol kritisierte Kollege Ottmar Edenhofer weist eine Voreingenommenheit der IPCC-Autoren zurück. "Das Autorenteam ist heterogen besetzt", erwidert der PIK-Forscher. Darunter fänden sich einzelne Autoren, die "fest im wissenschaftlichen Mainstream verankert" seien. Und der sei alles andere als dafür bekannt, die Kosten für Klimaschutz zu optimistisch einzuschätzen.

Dass man kritische Einwände der Prüfer nicht berücksichtigt habe, beantwortet Edenhofer ausweichend. Die zuständigen IPCC-Autoren hätten bestätigt, dass sie "die Kommentare korrekt eingearbeitet" hätten, so Edenhofer. Gleichzeitig schränkt er jedoch ein, dass dies von der internationalen Prüfungskommission des IPCC-Berichts noch einmal begutachtet werden wird. Jene Prüfungskommission werde sich im Übrigen auch mit den Prinzipien für die Anwendung Grauer Literatur beschäftigen, so Edenhofer.

Umweltökonom Tol aber bleibt bei seiner Kritik. Für ihn steht fest, dass der IPCC eine politische Agenda verfolge, statt wissenschaftliche Erkenntnisse nüchtern zusammenzufassen. "Er verfälscht bewusst den Wissensstand unserer Zunft", so Tol. Sein Fazit richtet sich an die Adressaten des IPCC-Berichts: "Das Werk ist eine schlechte Entscheidungsgrundlage für Umweltpolitiker."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 68 Beiträge
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1. Die "Kosten" des Klimaschutzes sind viel zu hoch angesetzt
jj2005 30.03.2010
Tol gehört zu einer Clique, die systematisch Angst vor dem Klimaschutz verbreitet. Wahr ist, dass die Kosten der Verminderung des CO2-Ausstosses stark davon abhaengen, wie die Reduzierung politisch umgesetzt wird. Klar ist, dass eine abrupte Politik, die Unternehmen und Verbraucher zwingt, bestehende Infrastruktur (Anlagen, Heizungen, Pkws) wegzuwerfen und durch teure Energiesparmodelle zu ersetzen, teuer kommt. Wenn hingegen durch stetige steuerliche Anreize, sprich: eine allmähliche Umverteilung der Steuerlast von der Arbeit zur Energie, eine Erneuerung der Infrastruktur im Einklang mit Investitionszyklen eingeleitet wird, dann kostet das volkswirtschaftlich garnichts. Im Gegenteil, angesichts der Tatsache, dass wir völlig überalterte und unwirtschaftliche Isolierung im Altbau haben, und eine Flotte von altertümlichen "Lastwägelchen" aka SUVs, kann die Erneuerung sogar Kosten einsparen. Übrigens alles nachzulesen in Ernst von Weizsäckers Büchern - er hatte die Idee einer allmählichen Steuerreform mit langsam aber stetigen steigenden Energiepreisen bereits vor zwanzig Jahren.
2. Hat jemand etwas Anderes erwartet?
haltetdendieb 30.03.2010
Das IPCC hat abgewirtschafet! Die Kosten für den "Umweltschutz" werden heruntergerechnet, um dann Bevölkerung und Wirtchaft im wahrsten Sinne des Wortes im Regen stehen zu lassen. Andererseits: Wenn man sich endlich von den Prämissen und total unseriösen Schlussfolgerungen des IPCC abwenden und seriösen Ergebnissen zuwenden würde, dann würden die Kosten des Umweltschutzes dramatisch sinken, da die Zusammenhänge, die das IPCC propagiert mitnichten bestehen. Es wird nicht wärmer, im Gegenteil, das Meer steigt nicht, die Gletscher Grönlands verschwinden nicht, die Antarktis ist kälter als je zuvor! Zweitens: Was hat das IPCC eigentlich mit Umweltschuitz zu tun? Es verbreitet Prämissen, die Menschen wie Al Gore reich machen, während diese Apologeten des Untergangs sich dabei dumm und dämlich verdienen und 220 mal so viel Energie verbrauchen wie ein Durchschnittsbürger des gleichen Budnesstaates. Das solche Menschen noch ernst genommen werden, wenn auch von immer weniger Menschen, zeigt doch, wie dumm und verlogen die Warnungen des IPCC sind. Das IPCC hat fertig!
3. lachhaft
gunman, 30.03.2010
Zitat von sysopNeue Vorwürfe setzen den Weltklimarat weiter unter Druck. Jetzt übt ein renommierter Wirtschaftsforscher Kritik an dem Gremium - es soll die Kosten des Klimaschutzes absichtlich klein gerechnet haben. Einer der angegriffenen Wissenschaftler kommt aus Deutschland. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,686205,00.html
"... renommierter Wirtschaftsforscher" !!! Moch Fragen? Es soll verdient werden, viel mehr! Ablassbriefe her! Klimaschutz oder wie man nicht in 21th Jahrhundert in die Hölle kommt, Hauptssache es kostet und bringt Geld, Geld, Geld! Die Menschen müssen darauf vorbereitet werden, denn es wird ja soooooooo teuer. Und zahlen werden es nur die Bürger, nicht die Hersteller der Energiesparlampen.
4. Recherche
physik 30.03.2010
Ein bißchen Recherche hätte sicherlich nicht geschadet: http://en.wikipedia.org/wiki/Richard_Tol#Climate_Change Aber vielleicht lautet ja die nächste Schlagzeile, dass Kreationisten die Evolutionstheorie ablehnen...
5. ...
Schalke 30.03.2010
Und irgendwann ist dann der naturwissenschaftliche Teil des IPCC in der erneuten Begutachtung. Man darf gespannt sein, was noch kommt.
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Weltklimarat: Streit über Rajendra Pachauri
IPCC - der Klimarat der Vereinten Nationen
Ziele
ESA 2004
Der Intergovernmental Panel on Climate Change, zu Deutsch der zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaveränderungen mit Sitz in Genf, wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und der World Meteorological Organization (WMO) gegründet, die ebenfalls zur Uno gehört. Der Inder Rajendra Kumar Pachauri ist seit Mai 2002 Vorsitzender des IPCC.

Der auch als Weltklimarat bezeichnete IPCC soll umfassend, objektiv und ergebnisoffen die wissenschaftlichen, technischen und sozioökonomischen Informationen über den von Menschen verursachten Klimawandel bewerten. Das Gremium, dem Hunderte von Wissenschaftlern in aller Welt zuarbeiten, soll die Folgen und Risiken der Klimaveränderung abschätzen und ausloten, wie man sie abschwächen oder sich an sie anpassen kann.

Der IPCC führt keine eigenen Forschungsprojekte durch, sondern analysiert die Ergebnisse wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die dem Peer-Review-Verfahren - der Prüfung von Fachartikeln durch unabhängige Gutachter - gefolgt sind. Mehr auf der Themenseite...
Arbeitsgruppen
Der IPCC hat bisher 1990, 1995, 2001 und 2007 Berichte über den Stand der Klimaforschung abgegeben. An dem Bericht sind drei Arbeitsgruppen beteiligt: Arbeitsgruppe I stellt den Stand der Klimaforschung dar, fasst Daten und Computersimulationen zusammen und trifft Aussagen über die künftige Entwicklung. Arbeitsgruppe II berichtet über die möglichen Folgen der Erwärmung für Mensch und Umwelt, Arbeitsgruppe III über mögliche Gegenmaßnahmen.
Ergebnisse bisher
Im ersten Klimareport des IPCC von 1990 war noch von einem natürlichen Treibhauseffekt die Rede, der von Emissionen des Menschen verstärkt werde. Der Bericht von 2007 aber gab die Verantwortung eindeutig dem Menschen - und sorgte so weltweit für Schlagzeilen.

Der Report basiert auf Hunderten Modellrechnungen, ausgefeilten Computermodellen, zahllosen Studien und Messreihen. 450 Hauptautoren liefern die bisher genaueste Beschreibung dessen, was die Temperatur der Atmosphäre etwa seit dem Jahr 1800 in die Höhe treibt. Am letzten Bericht des IPCC haben 2500 Experten sechs Jahre lang gearbeitet.

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