Umweltsünden Putin verspricht Großputz in der Arktis

Jahrzehntelang herrschte Sorglosigkeit, die schweren Umweltsünden in der russischen Arktis sind nicht mehr zu übersehen. Die Regierung in Moskau kündigt jetzt eine große Aufräumaktion an - gleichzeitig sollen in der Region aber immer mehr Rohstoffe gefördert werden.

Aus Moskau berichtet

dpa

Der reiselustige Regierungschef hat ein Faible für die Kälte. Immer wieder zieht es Russlands Premier Wladimir Putin in die Arktis. Im Frühjahr half er Wissenschaftlern öffentlichkeitswirksam dabei, einem narkotisierten Eisbären einen Peilsender zu verpassen. Im August machte er bei einem deutsch-russischen Forscherteam auf der Arktis-Forschungsstation "Samoylow" seine Aufwartung.

Dieser Besuch ist ihm offenbar nachdrücklich in Erinnerung geblieben. So sehr, dass er sogar auf der Moskauer Arktis-Konferenz am Donnerstag davon berichtete: Mit schwierigen Bedingungen müssten sich die Permafrost- und Paläoklimaexperten in Nordsibirien herumschlagen, sagte Putin in seiner Rede. "In ihrer Liebe zur Wissenschaft bemerken sie das noch nicht einmal." Deshalb wolle man jetzt "mit allen nötigen Mitteln" dabei helfen, ihre marode Station im riesigen Delta des Flusses Lena auf Vordermann zu bringen.

Doch im hohen Norden Russlands gibt es noch weit mehr zu tun, als Forscherquartiere zu renovieren: Es gilt, mit jahrelanger Verspätung das schmutzige Erbe der Sowjetunion aufzuarbeiten. Putin will deswegen im großen Stil in Aufräumarbeiten investieren. "Wir werden größere Mengen Geld in den Umweltschutz stecken", verspricht Putin mit großer Geste vor den Konferenzteilnehmern. "Wir planen ein großes Aufräumen in der Arktis. Wir müssen die Sauerei beseitigen, die über Jahrzehnte entstanden ist."

Nirgendwo leben so viele Menschen in der Arktis wie in Russland. Nirgendwo in der Region gibt es so viele Industriebetriebe - und nirgendwo belasten so viele Schadstoffe die Ökosysteme. Da gibt es spektakuläre Fälle wie den Strahlenmüll auf der Doppelinsel Nowaja Semlja, Überbleibsel von insgesamt 130 Atomwaffentests zwischen 1955 und 1990. Oder die Reaktoren von sowjetischen Atom-U-Booten, die einfach in der Barents- und Karasee entsorgt wurden. Und auf der Insel Franz-Josef-Land haben die Militärs mehr als 100.000 Treibstofffässer zurückgelassen, die einstweilen vor sich hin rotten.

Der Überblick fehlt

Doch wahrscheinlich ebenso dramatisch sind all die kleineren Umweltsünden in den arktischen Siedlungen, die seit dem Ende der Sowjetunion vielfach vor sich hindämmern und verfallen. Zu den Problemen zählen auch radioaktive Apparaturen in schrottreifen Navigationshilfen für die Schifffahrt an der Nordküste des Landes.

Einzelne Projekte, zum Beispiel auf der Kola-Halbinsel, kümmern sich schon jetzt um einige Ökobrennpunkte. Doch aktuell haben die Behörden noch nicht einmal einen präzisen Überblick darüber, was eigentlich alles zu tun ist. Bis zum nächsten Jahr will Katastrophenschutzminister Sergej Schoigu nun einen Atlas der Umweltgefahren in der Arktis vorlegen, der auf Vorarbeiten von Umweltschützern aufbaut.

Die Herausforderungen sind immens: Gut eine Million Russen lebt jenseits des Polarkreises. Mehr als ein Zehntel der Wirtschaftsleistung des Landes wird dort erwirtschaftet - das bringt fast zwangsläufig Ökoprobleme mit sich. Die Entwicklung des hohen Nordens in der Vergangenheit sei nicht immer durchdacht und wirtschaftlich sinnvoll gewesen, gesteht auch Putin ein. "Wir müssen diese Fehler in unseren Planungen für die Zukunft berücksichtigen."

Rohstoffförderung nach höchsten Umweltstandards

Doch wie soll das funktionieren? Bis zum Jahr 2020 soll die Arktis zur "wichtigsten Rohstoffbasis" Russlands werden. So sieht es ein polarer Aktionsplan vor, den die Regierung in Moskau im vergangenen Jahr beschlossen hat. Die Rohstoffe sollen nach höchsten Umweltstandards gefördert werden, so versprechen es russische Regierungsvertreter auf dem Arktis-Forum immer wieder. Doch ob dieses Versprechen tatsächlich umzusetzen ist und ob es die geplante große Aufräumaktion wirklich geben wird - wer weiß das schon.

Immerhin: Mit einigen neuen Schutzgebieten will die Regierung zumindest Teile der Arktis vor allzu rabiatem Zugriff und weiterer Verschmutzung bewahren. Insgesamt geht es um etwa fünf Prozent des Territoriums im hohen Norden. Prestigeprojekt ist der 1,5 Millionen Hektar große Nationalpark "Russische Arktis" auf Nowaja Semlja. Außerdem verhandeln die Regierungen in Moskau und Washington über einen gemeinsamen Park, der sich vom fernen Osten Russlands bis nach Alaska erstrecken könnte, wie Putin berichtet. Und so beschwört er die Gäste der Konferenz: "Wenn wir uns in der Arktis nicht verantwortungsvoll verhalten, dann bekommen wir neue globale Probleme anstelle von Vorteilen."

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Zero Thrust 23.09.2010
1. Installation 928-III...
Zitat von sysopJahrzehntelang herrschte Sorglosigkeit, die schweren Umweltsünden in der russischen Arktis sind nicht mehr zu übersehen. Die Regierung in Moskau kündigt jetzt eine große Aufräumaktion an - gleichzeitig sollen in der Region aber immer mehr Rohstoffe gefördert werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,719229,00.html
Na das möcht' ich gern sehen. Und das möcht' ich aber auch erst mal sehen, denn reden kann man immer - viel. Und Putin nehme ich - spätestens - seit seiner oberpeinlichen "Pan-Russia-Tour" nicht mehr richtig ernst. Die schwerwiegendsten (so man solche überhaupt aussondern kann) Probleme, die dort herrschen, wird man ohnehin nur noch verlagern können. Da wird dann letztlich nichts anderes geschieht, als wie es jetzt in der Andrejewa-Bucht geschieht: Man versucht, mit internationaler Hilfe, den ganzen Kernschrott dort wegzuschaffen - nach Majak, in den Ural... Tja, irgendwo muss es hin. Problem wird sein, dass vieles zu spät ist. Viel Material hat dort einfach schon zu lange gelegen und es wird - selbst wenn man beim Aufräumen einigermaßen erfolgreich ist (und ich will das erst sehen!) - lange dauern, bis sich die betroffenen Gebiete einigermaßen erholt haben. Man kann das nicht einfach mal eben wegzaubern, das will ich sagen, auch wenn Putin sich dabei gefällt, jetzt erst mal einen in die Richtung zu geben. Letztendlich geht es hierum und *nur* hierum: Alles andere ist Augenwischerei, Schall und Rauch. Ich mag sie wirklich gern die Russen, aber Weltmeister im Umweltschutz waren sie nun wirklich noch nie und ich glaub nicht (mehr) dran, dass sich das je ändern wird. Jetzt wird halt erst mal gehandelt, um neue Rohstoffe zu erschließen und greifbar zu machen und was DABEI dann am Ende herauskommt, das wird, wenn die Arktis erst mal ausgebeutet wurde, genau wen noch interessieren? Wie witzig. Auf Grundlage v. Vorarbeiten von Umweltschützern?! Dazu sollte man wissen, dass "normale" Umweltschützer in die wirklich desaströsen Zonen - soweit ich sagen kann - gar nicht ohne weiteres reinkommen. Weil das (nach wie vor) Sperrgebiete (und geschlossene Städte) sind! Aber das auch eher nicht, weil dort nun noch die großen, militärischen Geheimnisse gehortet würden - sondern wohl viel mehr, um das tatsächliche Ausmaß der ganzen Misere zu vertuschen. (Es ist 100%ig schlimmer als das, was "man" weiß und nachlesen kann. Ist es eigentlich immer.) Der gute Herr Katastrophenschutzminister sollte nun gerade einer derjenigen sein, die es sich mit eigenen Augen ansehen könnten - aber wahrscheinlich mag er nicht...
weissich 23.09.2010
2. Beim Wort nehmen
Zitat von sysopJahrzehntelang herrschte Sorglosigkeit, die schweren Umweltsünden in der russischen Arktis sind nicht mehr zu übersehen. Die Regierung in Moskau kündigt jetzt eine große Aufräumaktion an - gleichzeitig sollen in der Region aber immer mehr Rohstoffe gefördert werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,719229,00.html
Na gut, man wird dort nicht gleich übermorgen die schwäbische Kehrwoche einführen können. Aber wie lautet ein altes chinesisches Sprichwort:"Ein Weg von tausend Meilen beginnt mit einem Schritt." Von nun an kann man die Putin-Kamarilla samt Nachfolgern bei diesem Wort nehmen. Das ist ja auch schon was.
nixmausi 23.09.2010
3. Wenn´s nicht so ernst wäre,
Zitat von sysopJahrzehntelang herrschte Sorglosigkeit, die schweren Umweltsünden in der russischen Arktis sind nicht mehr zu übersehen. Die Regierung in Moskau kündigt jetzt eine große Aufräumaktion an - gleichzeitig sollen in der Region aber immer mehr Rohstoffe gefördert werden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,719229,00.html
könnte man sich schlapp lachen. Russen als die Saubermänner der Erde! Nirgendwo werden sog. Bodenschätze so gnadenlos ausgebeutet, die Natur niedergemezelt, ganze Landstriche verseucht und dem Erdboden gleichgemacht, Oppositionelle "entsorgt", derweil sich eine gelangweilte "Elite" die Radkappen mit Diamanten verieren lässt, weil es ja schon alles gibt. Ekelhaft, diese "lupenreinen Demokraten"!
keats 24.09.2010
4. Russen putzen und dann noch die Arktis, ich kann nicht mehr.
Zitat von nixmausikönnte man sich schlapp lachen. Russen als die Saubermänner der Erde! Nirgendwo werden sog. Bodenschätze so gnadenlos ausgebeutet, die Natur niedergemezelt, ganze Landstriche verseucht und dem Erdboden gleichgemacht, Oppositionelle "entsorgt", derweil sich eine gelangweilte "Elite" die Radkappen mit Diamanten verieren lässt, weil es ja schon alles gibt. Ekelhaft, diese "lupenreinen Demokraten"!
Stimmt kann vor lachen kaumtippen !!!!! Russen putzen und dann noch die Arktis, ich kann nicht mehr. Nur mal zum Verständnis, Putzen, bzw. alles was man unter diesem Begriff mit verstehen kann, heisst doch nicht etwas von einer Ecke wo es leicht zu sehen ist in eine andere "Ecke" zu schaffen, bzw. zu verstecken, so zu sagen unter den Teppich zu kehren. Geht in Russland so wie so nicht, denn da ist kein Platz mehr. Vielleicht kommt ja noch der Weihnachtsmann vorbei und hilft, der soll doch da in der Nähe wohnen, zumindest war das früher mal so !
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