Umweltveränderung: Mauerfall nutzte schlauen Vögeln

Vom Fall der Mauer haben einige Vogelarten wie Meisen und Elstern profitiert. Eine internationale Studie hat ergeben, dass sich Singvögel mit größeren Denkorganen überproportional vermehrt haben. Der Grund sind offenbar die rapiden Veränderungen der Umwelt.

Kohlmeisen: Vögel eroberten grüner werdende Innenstädte zurück Zur Großansicht
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Kohlmeisen: Vögel eroberten grüner werdende Innenstädte zurück

Der Fall des Eisernen Vorhangs wurde in Ostdeutschland und Osteuropa zuerst bejubelt, dann zunehmend beklagt - weil sich viele Menschen von der schnellen, teils unbarmherzigen Veränderung ihrer Lebenswelt überfordert fühlten. Das gleiche galt zum Teil auch für die Tierwelt, die sich ebenfalls auf Umwälzungen einstellen musste. Eine Folge haben Wissenschaftler jetzt dingfest gemacht: In Ostdeutschland und in der Tschechischen Republik haben sich seit 1989/1990 Singvögel mit größeren Gehirnen stärker vermehrt als Vogelarten mit eher begrenzten geistigen Fähigkeiten.

"Der Bestandsanstieg solcher Singvögel lässt vermuten, dass Vögel mit guten kognitiven Fähigkeiten eher in der Lage sind, sich an schnell ändernde Umweltbedingungen anzupassen", sagt Katrin Böhning-Gaese vom Biodiversität und Klima Forschungszentrum (BiK-F), eine der Autorinnen der Studie.

Für ihre Studie hatte das deutsch-tschechische Forscherteam verglichen, wie sich die Bestände von 57 Singvogelarten in Ostdeutschland, Tschechien und im Westen Deutschlands entwickelten. Die Anzahl von Elstern, Meisen, Eichelhähern und anderen als "klug" geltenden Vögeln hat demnach in Ostdeutschland und Tschechien stärker zugenommen als in vergleichbaren Gebieten in Westdeutschland. Der Ost-West-Unterschied lege nahe, dass dies mit dem gesellschaftlich-wirtschaftlichen Umbruch in beiden Gebieten zusammenhängen könnte, schreiben die Wissenschaftler um Erstautor Jiri Reif von der Universität Prag im Fachmagazin "Biological Conservation".

Kluge Vögel erobern neue Lebensräume

Eine Chance, welche die Vögel mit größerem Gehirn für sich genutzt hätten, sei die Besiedlung der Städte gewesen, erklären die Forscher. Das Ende des Kommunismus habe besonders in diesem Bereich große Veränderungen mit sich gebracht. In den Innenstädten sei die Natur in Form von Grünanlagen und Parks zurückgekehrt, an den Stadträndern habe ein massiver Eigenheimbau der neu entstehenden Mittelschicht stattgefunden.

Vögel mit größerem Gehirn konnten sich an diese neuen Lebensräume anpassen, so die Forscher. Sie hätten die innerstädtischen Grünflächen sowie Vorstädte zügig besiedelt und sich vermehrt. Demgegenüber seien Vögel mit kleinerem Gehirn, wie beispielsweise die Dorngrasmücke, durch die Veränderung ihres bisherigen Lebensraumes - vor allem durch die explosionsartige Ausbreitung der Vorstädte - zurückgedrängt worden.

Für ihre Studie werteten die Forscher nicht nur die absoluten Zahlen von Singvögeln in den Jahren 1991 bis 2007 aus, sondern berechneten auch, ob es Zusammenhänge zwischen der Bestandsentwicklung und der Veränderung der Umwelt gab. Dabei berücksichtigten sie die individuellen Merkmale jeder Vogelart wie Lebensraum, Ernährung, klimatische Nische, Zugstrecke zwischen dem Brut- und Überwinterungsgebiet und die Gehirngröße im Verhältnis zum Gesamtkörper.

Die Auswertung ergab, dass nicht nur der politische Wandel Spuren bei den Vögeln hinterlassen hat. Die Forscher identifizierten auch zwei weitere Faktoren, die sich in allen untersuchten Regionen ähnlich auswirkten: die Intensivierung der Landwirtschaft und der Klimawandel. Auch davon hätten vor allem Vogelarten profitiert, die in puncto Nahrung flexibler waren und die Folgen des Klimawandels tolerierten. Demgegenüber habe die Anzahl bei Vogelarten mit spezifischen Ansprüchen an das Futter, mit einer engen klimatischen Nische und mit langen Strecken zwischen Brut- und Winterquartier abgenommen.

mbe/dapd

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