Öl, Chemie, Uran US-Konzern zahlt Rekordsumme für Umweltschäden

Mehr als fünf Milliarden Dollar muss der US-Energiekonzern Anadarko für Umweltschäden aufbringen - es ist die höchste Entschädigungssumme in einem derartigen Fall. Die paradoxe Folge: Der Aktienkurs des Unternehmens schießt in die Höhe.

REUTERS

Houston - Fast ein Jahrzehnt des juristischen Taktierens geht zu Ende: In einem Streit um Umweltschäden haben sich die US-Regierung und der amerikanische Ölkonzern Anadarko Petroleum auf eine Entschädigung in Höhe von 5,15 Milliarden Dollar (3,75 Milliarden Euro) geeinigt. Es sei die höchste Summe, die es jemals in einem solchen Fall gegeben habe, teilte das US-Justizministerium mit.

Konkret geht es um die Dekontaminierung Tausender Standorte sowie die Entschädigung Tausender Kläger. So erhält allein die Navajo Nation, auf deren Territorium Schäden durch Uranbergbau entstanden waren, eine Milliarde Dollar.

Der Grund des Streits reicht weit in die Vergangenheit zurück. Das Energie- und Chemieunternehmen Kerr-McGee, inzwischen eine Tochterfirma von Anadarko, hat laut den Vorwürfen der Regierung seit seiner Gründung im Jahr 1929 Dutzende Gebiete in 22 US-Bundesstaaten verseucht. So sei Raketentreibstoff in den Lake Mead gelangt, aus dem etwa Las Vegas mehr als 90 Prozent seines Wassers bezieht. Im Reservat der Navajo-Indianer habe die Firma radioaktive und hochgiftige Uran-Abfälle einfach unter freiem Himmel aufgetürmt und im Osten und Süden der USA das krebserregende Holzschutzmittel Kreosot verklappt.

"Lang anhaltende Umweltschäden"

"Kerr Mc-Gee hat überall im Land bedeutende, lang anhaltende Umweltschäden hinterlassen", sagte der stellvertretende Generalstaatsanwalt James Cole. Dann habe das Unternehmen versucht, die riesige Rechnung für die Säuberung auf den Staat abzuwälzen.

Denn Anadarko weigerte sich, Entschädigungen zu zahlen. Das Argument der Firma: Kerr-McGee habe die Ansprüche in Höhe mehrerer Milliarden Dollar an seine 2005 gegründete Tochterfirma Tronox übertragen - praktischerweise drei Monate vor der Übernahme durch Anadarko. Tronox aber ging 2009 pleite, nachdem das Unternehmen laut "New York Times" bis zu 126 Millionen Dollar an Entschädigungen für Umweltschäden zahlen musste.

Kurz nach der Insolvenz zog Tronox gegen Anadarko vor Gericht: Die Auslagerung der Umweltschäden-Ansprüche sei nicht rechtens gewesen. Das US-Justizministerium, die Umweltbehörde EPA, mehrere Bundesstaaten und die teilautonome Navajo Nation schlossen sich der Klage an. Konkursrichter Allan L. Gropper folgte deren Sicht: Die Umorganisation der Firmen sei ein Versuch gewesen, sich vor Schadensersatzzahlungen zu retten. Kerr-McGee habe den Plan schon im Jahr 2000 gefasst. Die Einigung muss nun noch von Gropper und einem Bundesgericht bestätigt werden.

Aktien legten nach Einigung um 15 Prozent zu

Offen ist, inwiefern die Summe eine Strafe für Anadarko darstellt. Denn kaum war die Nachricht über die Milliardenentschädigung in der Welt, legte der Aktienkurs des Unternehmens um fast 15 Prozent zu. Anadarko-Geschäftsführer Al Walker begrüßte die Einigung in einer Stellungnahme: Sie "beendet die Unsicherheit durch diesen Streit".

Ein weiterer Grund für den Kursanstieg dürfte sein, dass die Entschädigungssumme noch weit höher hätte ausfallen können. Die Regierung hatte ursprünglich rund 25 Milliarden Dollar verlangt - für die Säuberung von rund 2700 kontaminierten Gebieten und als Entschädigung für Gesundheitsschäden wie Krebs und Atembeschwerden bei mehr als 8000 Menschen. Ende 2013 hatte ein US-Bundeskonkursrichter eine mögliche Entschädigungssumme von 5,2 bis 14,2 Milliarden Dollar genannt.

Vizegeneralstaatsanwalt Cole zeigte sich auf einer Pressekonferenz dennoch zufrieden. Die 5,15 Milliarden Dollar, auf die man sich nun geeinigt habe, genügten für die Behebung vieler Umweltschäden. "Dadurch können wir sofort beginnen, anstatt viele Jahre zu warten."

Es ist nicht die einzige Milliardenentschädigung für Umweltschäden, die Anadarko in den vergangenen Jahren zahlen musste. Das Unternehmen war mit 25 Prozent am Macondo-Ölfeld im Golf von Mexiko beteiligt, das durch die "Deepwater Horizon"-Katastrophe vom April 2010 tragische Berühmtheit erlangte. Nachdem Anadarko auch hier zunächst jede Verantwortung für die Säuberungsarbeiten ablehnte, transferierte die Firma am Ende ihren Anteil an der Macondo-Quelle an BP - und legte noch vier Milliarden Dollar obendrauf. Im Gegenzug erklärte sich BP bereit, auf alle weiteren Forderungen gegen Anadarko im Zusammenhang mit der Ölkatastrophe zu verzichten.

mbe/AP/Reuters



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insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
raber 04.04.2014
1. Es gibt noch viele andere ...
So ist es richtig. Wer Umweltschäden verursacht, muss auch dafür zahlen. Leider gibt es noch zu viele Firmen, auch deutsche im Ausland, die ihre Bodenverschmutzung seit Jahrzehnten haben verschleiern können und hoffen, dass es nicht auffliegt. Sie haben die Grundstücke zum Teil gesäubert oder am liebsten verkauft. Wenn Corporate Compliance richtig funktionieren würde, müssten sie Selbstanzeige erstatten und den lokalen Behörden melden. Die Herstellung, Abfüllung und Lagerung von Pestiziden ist dabei auch eine grosse Verursachungsquelle.
kone 04.04.2014
2. Das bedeutet letztlich ...
Zitat von sysopREUTERS/ U.S. Coast GuardMehr als fünf Milliarden Dollar muss der US-Energiekonzern Anadarko für Umweltschäden aufbringen - es ist die höchste Entschädigungssumme in einem derartigen Fall. Die paradoxe Folge: Der Aktienkurs des Unternehmens schießt in die Höhe. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/umweltverschmutzung-in-usa-anarkando-konzern-zahlt-rekordsumme-a-962612.html
... nur, daß die Aktionäre eine höhere Entschädigungssumme erwartet haben. Und da die Börsenprofis in solchen Angelegenheiten tatsächlich eher anlysieren, als spekulieren, sind 5 Mrd. Dollar offenbar deutlich zu wenig !!
BettyB. 04.04.2014
3. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft,...
große lassen Aktienkurse steigen. Wieder einmal ein gutes Beispiel dafür, dass man an Umweltschäden gut verdienen kann...
noalk 04.04.2014
4. Was Banken erlaubt ist, ...
... ist anderen Unternehmen noch lange nicht erlaubt: Das Auslagern von Risiken in eine "Bad Company". Die Banken sollten sich ein Beispiel nehmen. Ich weiß, das bleibt ein frommer Wunsch ...
isegrim der erste 04.04.2014
5. Die 5 Milliarden waren sicher von den Aktionären schon
lange eingepreist. Sicher hatten diese mit einer wohl höheren Strafe gerechnet, so jetzt der Kursanstieg.
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