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Historischer Weltklimavertrag: Zehn Gründe für das Wunder von Paris

Von , Paris

Aktivisten bei Klimademonstration in Paris: Ein Wunder wird wahr Zur Großansicht
AP/dpa

Aktivisten bei Klimademonstration in Paris: Ein Wunder wird wahr

Erdölstaaten ohne Erdöl, Schwellenländer ohne Kohle, kleine Inseln machen Weltpolitik: Es scheint schwer erklärlich, warum alle 195 Staaten dem Weltklimavertrag zugestimmt haben. Zehn Gründe, warum das Wunder wahr wurde.

Alle Staaten waren sich am Ende einig, ihre Vertreter lagen sich in den Armen. Die Welt hat einen Vertrag geschlossen, um die Erwärmung des Klimas zu bremsen, die Energieversorgung soll radikal umgestellt werden.

Wie ist der Erfolg zu erklären, wo doch zahlreiche Länder betonen, auf Kohle, Öl und Gas nicht verzichten zu können? Es gibt zehn Gründe, warum die Klimaverhandlungen von Paris als ein historischer diplomatischer Erfolg in die Geschichte eingehen werden:

1) Verhandlungsleiter Laurent Fabius

Die Teilnehmer in Paris waren beeindruckt von der Verhandlungsleitung der Franzosen. Sie hätten bestätigt, dass sie die besten Diplomaten der Welt wären, hieß es aus der deutschen Delegation.

Frankreichs Außenminister Fabius und seine Kollegin Laurence Tubiana führten seit Monaten intelligent. "Er hat die Knackpunkte der Verhandlungen frühzeitig erkannt", sagt Martin Kaiser von Greenpeace, ein erfahrener Beobachter von Klimaverhandlungen.

Flankiert wurde Fabius von Frankreichs Staatschef Hollande, der frühzeitig in China und Indien gemeinsame Linien auslotete. Schon im Frühjahr sorgte Fabius dafür, dass auf Ministerebene zwischen Staaten verhandelt wurde, sofern es Schwierigkeiten gab.

Die größte Stärke von Fabius war es, so berichten es Delegierte, alle Staaten regelmäßig anzuhören. Staaten, die sich übergangen fühlen, waren auf Klimaverhandlungen stets die größte Gefahr für eine Einigung. Die erstaunlich geringe Zahl von taktischen Einsprüchen zur Verzögerung der Verhandlungen in Paris scheint zu bestätigen, dass die meisten Staatenvertreter keinen Anlass für Blockaden sahen, weil sie stets Kontakt zur Verhandlungsführung hatten.

Wie gewieft Fabius agierte, zeigte er in der größten Krise der Pariser Verhandlungen Mitte der Woche: Um die größten Streitfragen zu klären, gründete er zehn Arbeitsgruppen - und machte ausgerechnet jene Staaten zu Gruppenleitern, die das jeweilige Thema am meisten blockierten. In der Verantwortung suchten sie dann eine Lösung.

Der größte Coup der Franzosen aber war der Staatschef-Trick.

2) Der Schatten der Staatschefs

Die Klimatagung in Paris begann mit einem großen Coup: Die Staatschefs der meisten Länder machten den Auftakt, forderten energisch einen Klimavertrag. Das Mandat ihrer Chefs setzte die Verhandler unter Druck.

Als die Staatschefs auf früheren Tagungen erst zum Ende kamen, war es oft andersrum: Die Verhandler konnten den zu erwartenden Showdown als Druckmittel gegeneinander einsetzen - und die Staatschefs mussten am Ende die Niederlage einfahren.

So war es auch beim größten Desaster der Klimaverhandler in Kopenhagen 2009.

3) Die Mahnung von Kopenhagen

"Die wichtigste Konferenz der Geschichte", so nannten viele Medien, Politiker und Wissenschaftler auch die Uno-Klimakonferenz im Dezember 2009. Nach zwei Wochen hatten sich sämtliche führende Akteure blamiert. Vieles war schlecht organisiert.

Der zu verhandelnde Vertragstext war nicht abgestimmt und mehr als 300 Seiten lang - in Paris waren es zu Beginn nur ein Sechstel, und auf den Entwurf hatten sich alle einigen können. Kopenhagen misslang gerade wegen ungenügender Vorbereitung. Die Delegierten waren ohne Kompromisslinie nach Dänemark gereist; die Staaten hatten sich sogar auf Extrempositionen versteift.

Eine kenntnisarme, arrogante Verhandlungsleitung - zunächst EU-Klimakommissarin Connie Hedegaard, nach ihrem Rücktritt am 16. Dezember übernahm Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen - verprellte in Kopenhagen die Teilnehmer. Bald verlagerten sich die Verhandlungen in andere Hauptstädte Europas, wo Regierungschefs zusammenkamen, um Kompromisse auszuhandeln - die Delegierten in Kopenhagen waren faktisch entmachtet.

Zum Schluss der Konferenz reisten 120 Staatschefs zum denkwürdigen Showdown nach Kopenhagen, sie produzierten ein wohl einzigartiges Verhandlungsfiasko.

Und die ganze Zeit hatte der Streit zwischen China und den USA die Konferenz gelähmt - im Gegenteil zur Pariser Konferenz.

4) Obama

Der Weltklimavertrag sollte das außenpolitische Vermächtnis von US-Präsident Barack Obama werden. In Kopenhagen 2009 schwer gescheitert, hat Obama seit Langem ein strenges Regiment geführt in Sachen Klimaverhandlungen.

Er entfaltete eine "Rollout Strategie": So bezeichnen es Ökonomen, wenn ein Akteur viele Verbündete gewinnen will, indem er sich zunächst gezielt kleine Gruppen sichert - die er später miteinander verbindet.

US-Außenminister Kerry und Chefverhandler Stern waren monatelang in Sachen Klimavertrag in der Welt unterwegs. Der Einfluss der USA sorgte dafür, dass Gegner eines Klimavertrags wie Erdölstaaten überhaupt in ernstzunehmende Verhandlungen einstiegen.

5) Smog in China

Die extreme Luftverschmutzung durch Abgase in chinesischen Großstädten hat eigentlich wenig mit der Klimaerwärmung zu tun. Das Treibhausgas CO2 ist durchsichtig und ungiftig, es sind eigentlich Rußpartikel und Schwefelgase, die für Chinas Metropolen zum Problem werden. Und doch hat erst die Luftverschmutzung Umweltpolitik in China populär gemacht.

Die Chinesen haben zudem erkannt, dass sie über die Klimadiplomatie großen Einfluss haben, vor allem auf Entwicklungsländer. Sie haben sich deshalb freiwillig den milliardenschweren Klima-Hilfszahlungen der alten Industriestaaten an afrikanische Staaten angeschlossen.

Der Klimavertrag lässt China zudem weiterhin Sonderrechte beim Treibhausgasausstoß, weil dem Land weniger historische Verantwortung für den Klimawandel zukommt. Die eigenen Klimaziele aber sind zurückhaltend kalkuliert. Insgesamt also sprach für China alles für die Zustimmung zum Vertrag.

China machte deshalb wie die USA Druck auf seine Verbündeten. Die diplomatische Zange der beiden Großmächte brachte viele Staaten auf Linie.

6) Extremdiplomatie 2015

Klimaverhandlungen liefen dieses Jahr täglich. Ständig trafen sich Delegierte der Staaten in den Hauptstädten zu Konsultationen in kleiner Runde, um Bündnisse zu schmieden. Die zwischenstaatliche Diplomatie bildete das Gerüst der Klimaverhandlungen.

Vor allem ging es dabei um technologische Partnerschaften. Deutschland und Indien etwa schlossen Kooperationsverträge, ebenso die USA und China oder die EU und Afrika. Erst diese Abkommen überzeugten Entwicklungsländer, Klauseln im Klimavertrag zuzustimmen, die den Umschwung zu erneuerbaren Energien vorsehen.

7) Der Dreiklang-Effekt

Die Verhandlungen in Paris liefen wie durch in Verbindung stehende Röhren. Alle wichtigen Punkte wurden im Austausch verhandelt, vor allem die drei Hauptziele Temperaturziel, Abgasziel und Hilfsmaßnahmen gegen den Klimawandel, sie bildeten einen Dreiklang.

Je größer der Druck beispielsweise auf ein strenges Temperaturziel wurde, desto luftiger wurde das Abgasziel. Nur so ist es zu erklären, dass das Ziel, die Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, tatsächlich in den Vertrag kam - die vollständige Abkehr von Kohle, Öl und Gas wurde dagegen eingetauscht.

Stattdessen heißt es nun, dass in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ein Gleichgewicht erreicht werden soll zwischen dem Ausstoß von Treibhausgasen und deren Absorption. Eine Hintertür für fossile Energien bleibt also offen - sofern sie wieder aus der Luft entfernt würden.

Und Indien, schwer abhängig von Kohlestrom, hat sich die Zustimmung zum Vertrag mit Hilfsverträgen mit erneuerbaren Energien belohnen lassen.

8) Erneuerbare Energien

Auch die Serienreife und der Preisverfall mancher Energietechnologie sorgte dafür, dass Staaten an eine Energiewende glauben. Noch ist der Anteil der alternativen Energien gering und vieles Spekulation. Aber gerade hier könnte die Kraft des Weltklimavertrags liegen: Er schafft die politischen Voraussetzungen - und so vielleicht das Vertrauen bei Investoren, in neue Energietechnologie zu investieren.

9) Steigende Temperaturen

Nicht zuletzt haben aber wohl auch die steigenden globalen Temperaturen und die Prognosen der Wissenschaft Politiker bewegt. Der langfristige Erwärmungstrend ist ungebrochen, viele Umweltfolgen ungewiss - doch manche lassen sich beobachten, zum Beispiel der stetig steigende Meeresspiegel. Ein Fanal für die kleinen Inselstaaten.

10) Die Wucht der kleinen Inselstaaten

Die kleinen Inselstaaten in der Südsee und der Karibik haben normalerweise kaum politische Macht. Angesichts der ansteigenden Meere aber wurden ihre Proteste immer lauter. Auf den Pariser Verhandlungen gelang es ihnen sogar, die Mehrheit der Staaten für eine Allianz zu gewinnen, die eine maximale Erwärmung von 1,5 Grad fordert. Diese Allianz brachte in den letzten Tagen der Verhandlungen so viel Gewicht, dass es gelang, das für Inselstaaten überlebenswichtige Temperaturziel von 1,5 Grad im Vertrag zu verankern.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 407 Beiträge
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1. Papier ist geduldig
brain1 13.12.2015
Dass wir jetzt einen Vertrag haben ist schön. Hatten wir auch schon mal hinsichtlich der Stabilität des Euros und zu vielen Dingen mehr. Was machen wir denn, wenn beispielsweise die Chinesen so weiter machen wie bisher? Protestieren, bombardieren oder, wie immer lamentieren, ärgern und dann den nächsten großen Vertrag abschließen. Lächerlich diese Selbstbeweihräucheungsveranstaltungen.
2. Klasse Artikel
Leugnerwatch 13.12.2015
Sehr gute Analyse, sehr informativ. Ich finde es beruhigend, dass den Kohle- und Öllobbyisten deutlich die Grenzen ihres Einflusses aufgezeigt wurden.
3. Abwarten, es ist nur ein Papier
picassoundich 13.12.2015
Man wird sehen was die Zeit bringt. Die Zeit der leeren Versprechen ist eh vorbei, die Menschen wollen Taten sehen. Ein Gipfel, an dem zum Schluß jeder einfach nur noch nach hause fliegen wollte. Deshalb ist er für mich als Realist, erst ein mal nur ein Stück Papier, wie es schon viele gibt. Wiisen Sie, ein Zeichen wäre für mich gewesen, z.B. schon bis 2018 weltweit alle Plasiktüten zu verbieten. Und nicht etwa erst in 10 Jahren oder länger. Das geht, wenn man will.
4. Schön!
ohnefilter 13.12.2015
Schön, dass man vereinbart hat, die Temperatur um 2 Grad zu erhöhen. Dann sparen wir in der kühlen Jahreszeit erneuerbare Energien und schonen die Natur. Dafür können wir weiterhin mit 180 über die Autobahn brausen und sparen Zeit.
5. Wenn jetzt dieser Vertrag auch umgesetzt wird,
hevopi 13.12.2015
haben wir vielleicht doch noch eine Hoffnung für die nächsten Generationen. Leider haben alle Menschen schlechte Erfahrungen mit Zusagen und Versprechungen gemacht (sh. Europa, Problem Flüchtlingsverteilung, sh. Afrika, Hilfe geht nie an die wirklich Bedürftigen, sh. Korruptionsverteilung auf der Welt, sh. Steuermoral usw. usw.), wenn dieser Vertrag jetzt wirklich mit Leben erfüllt wird, gibt es ja vielleicht auch in Zukunft mehr Solidarität der Menschen untereinander. Mein Traum: Kein Krieg, keine Glaubenskonflikte, Solidarität aller Menschen und Versorgung der Armen mit dem Reichtum der Erde.
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Die Wahrheit über die Erwärmung
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Wer will was beim Klimagipfel?
China
Der weltweit größte CO2-Emittent hat seinen Kurs geändert. Auf dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen galt China noch als großer Verweigerer. Nun erwarten Beobachter, dass sich das Land für einen erfolgreichen Klimagipfel einsetzen wird. Staatspräsident Xi Jinping und Frankreichs Präsident François Hollande haben Anfang November zugesagt, sich für regelmäßige Kontrollen der in Paris vereinbarten Ziele starkzumachen. Alle fünf Jahre soll eine komplette Überprüfung der erreichten Fortschritte stattfinden. Peking hatte im Juni angekündigt, seine bisherigen Klimaziele für den Gipfel zu erhöhen. Der Ausstoß von Kohlendioxid soll demnach möglichst vor 2030 den Höhepunkt im Land erreichen. 20 Prozent des Energiebedarfs sollen bis dahin aus nicht fossilen Quellen gedeckt werden. Zudem sollen die Emissionen gemessen an der Wirtschaftsleistung bis 2030 um 60 bis 65 Prozent gegenüber 2005 reduziert werden. Durch drastisches Einsparen von Kohle hofft China, auch die Smogprobleme in den Großstädten zu lösen. Das Problem: China stößt in der Realität laut neuen Auswertungen offenbar ein Sechstel mehr Treibhausgase aus als bisher bekannt.
USA
US-Präsident Barack Obama hat sich früh zum Klimagipfel in Paris bekannt und zeigt sich zuversichtlich. Die größte Volkswirtschaft der Welt hat angekündigt, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 17 Prozent im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Bis 2025 sollen sie um 26 bis 28 Prozent sinken und bis 2050 um 80 Prozent. Gegen teils erbitterten Widerstand der konservativen Republikaner hat Obama zuletzt Zeichen gesetzt. So verbot er den Weiterbau der umstrittenen Keystone-Pipeline, die Ölsand-Abbaugebiete in Kanada mit dem Golf von Mexiko verbinden sollte. Allerdings hatte Außenminister John Kerry in Europa Verärgerung ausgelöst, als er erklärte, eine Vereinbarung auf dem Klimagipfel werde definitiv nicht den Status eines Vertrages haben. Dies wird in den USA als innenpolitische Taktik gewertet - einen rechtlich verbindlichen Vertrag müsste Obama durch den von den Republikanern dominierten Senat boxen.
Europäische Union
Die EU hat sich im internationalen Vergleich vergleichsweise ehrgeizige Ziele gesetzt. So soll sich etwa der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) bis 2030 um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 vermindern. Zudem macht sich der Staatenverbund dafür stark, dass der CO2-Ausstoß bis zum Ende des Jahrhunderts auf null sinkt. In Paris, so die Forderung, muss ein verbindliches Klimaschutzabkommen vereinbart werden. Zudem soll ein Mechanismus vereinbart werden, bei dem die weltweiten Anstrengungen alle fünf Jahre geprüft und falls nötig nachjustiert werden.
Entwicklungsländer (G77)
Diese heterogene Gruppe reicht von Bangladesch und anderen stark durch den Klimawandel gefährdeten Staaten bis Saudi Arabien. Viele der Länder haben zwar auch nationale Klimaschutzpläne vorgelegt, die Erfüllung der Ziele jedoch oftmals von finanzieller oder technischer Unterstützung durch die Industrienationen abhängig gemacht. Diese hatten unter bestimmten Bedingungen Klimahilfen zugesagt, die bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar erreichen sollen. Nun pochen die Entwicklungsländer auf konkrete Vereinbarungen dazu.
Indien
Das aufstrebende Schwellenland will bis 2030 etwa ein Drittel weniger Treibhausgase im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt ausstoßen als 2005. Das soll vor allem durch den massiven Ausbau der Solarenergie sowie weniger Subventionen für fossile Brennstoffe und eine Kohlesteuer gelingen. Indiens Formel lautet: 175 Gigawatt aus erneuerbaren Energien schon bis 2022, das ist viermal so viel wie heute. Doch Neu Delhi macht auch klar: Dafür braucht es richtig viel Geld und Technologietransfer. Weil die Industrieländer historisch gesehen den Klimawandel fast allein verantworten, sollten sie nun auch zahlen.

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