Von Axel Bojanowski
Die Forscher hatten den Gipfel des Vulkans Nyiragongo im Kongo gerade erst verlassen, als die Lavamassen losbrachen. Eben noch hatte im Krater der glutrote Lavasee geschwappt, doch dann riss der Kessel auf - er lief aus wie eine aufgeschnittene Milchtüte: Die dünnflüssige Lava rauschte mit bis zu 100 Kilometern pro Stunde sturzflutartig die Bergflanken hinunter, sie tötete 72 Menschen. Die Forscher waren gerade noch einmal davongekommen.
Das war im Januar 1977. Nahezu auf den Tag genau 34 Jahre später, im Januar 2011, campierten nun erneut Vulkanologen und Abenteurer am größten Lavasee der Welt auf dem Nyiragongo im zentralafrikanischen Regenwald. Auch sie fühlten sich sicher. Und auch sie hatten Glück, sie kamen unbeschadet davon. Ihre Fotos aber dokumentieren eine gruselige Veränderung des Vulkans: Der Lavasee sei in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen, berichten sie SPIEGEL ONLINE. Diesen Befund bestätigt auch eine Studie, die im März auf einer Tagung der Amerikanischen Geologischen Gesellschaft vorgestellt werden soll.
Damit steht fest: Im Vulkan steigt Magma auf. Der See mit der dünnflüssigsten Lava der Welt steht jetzt fast so hoch wie vor früheren Ausbrüchen. Anzeichen für einen unmittelbar bevorstehenden Ausbruch gibt es zwar nicht, doch spätestens seit seiner letzten Eruption im Januar 2002 gilt der fast 3500 Meter hohe Nyiragongo als unberechenbar.
Lava rauschte durch die Straßen
Am 17. Januar 2002 waren seine Lavamassen bis in die zehn Kilometer entfernte Stadt Goma geschossen, wo sie etwa 170 Menschen töteten; 120.000 wurden obdachlos. Die viele hundert Grad heiße Lava mit ihrer ungewöhnlich wässrigen Konsistenz rauschte durch die Straßen, entflammte Häuser und erstarrte schließlich zu einem buckligen silbrigen Steinpanzer. Er bedeckt seither ganze Stadtviertel und Teile des Flughafens wie eine riesige Grabplatte. Autos, Häuser und Verkehrschilder ragen aus dem Gestein; Straßen wurden umgeleitet. Den benachbarten Kivu-See brachten die Lavamassen zum Kochen.
Seit dem Desaster von 2002 versuchen Geoforscher den Nyiragongo zu überwachen. Doch Expeditionen sind gefährlich, Überfälle drohen; und fest installierte Messinstrumente werden meist geklaut. So gelangen Forscher nur an wenige Daten.
Umso bedeutender erscheinen die Fotos, die Teilnehmer einer privaten Exkursion um den Vulkanologen Tom Pfeiffer vom Kratersee des Nyiragongo nun präsentieren (siehe Fotostrecke). Die Bilder liefern den derzeit besten Einblick in einen der gefährlichsten Vulkane der Welt.
Zelten am Kraterrand
Vulkanologen wissen: Der Pegel im Krater ist der beste Gradmesser für die Bedrohungslage am Nyiragongo. Je höher er steigt, desto größer ist der Magmadruck. Noch steht der See deutlich unterhalb des Kraterrandes. Doch nicht erst sein Überschwappen bedeutete die Katastrophe. Der See bildet nur die Spitze eines riesigen Magmareservoirs, das tief in die Erde reicht. Wie im Januar 2002 könnten Erdbeben den einen Kilometer breiten Lavakessel bersten lassen und das Magma freisetzen.
Beim Ausbruch vor neun Jahren war der Krater des Nyiragongo vollständig ausgelaufen. Bereits 2006 hatte sich wieder ein stattlicher Lavasee angesammelt. Seither sei der Pegel um weitere 50 Meter angeschwollen, berichtet Vulkanologe Pfeiffer. Er stehe nun 450 Meter unterhalb des Kraterrandes. Damit hat er nahezu den Pegel bei vergangenen Eruptionen erreicht.
Die 21 Expeditionsteilnehmer um Tom Pfeiffer - unter ihnen drei bewaffnete Parkwächter - campierten mit ihren Zelten direkt am Krater hinter einer Klippe. Fünf Stunden hatte der Aufstieg im feuchtheißen Klima gedauert. Versteinerte Lavaflüsse auf den Bergflanken, Lavafetzen an den Bäumen und Erdspalten zeugten von früheren Ausbrüchen. Unvergleichliche Eindrücke am Gipfel belohnten die Forscher für ihre Strapazen.
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