Unheimlicher Parasit: Forscher sagen Fuchsbandwurm den Kampf an

Von Kurt F. de Swaaf

Die Erkrankung ist heimtückisch, für Menschen kann ein Befall tödlich enden. Der Fuchsbandwurm beschäftigt Forscher schon seit Jahren. Möglicherweise lässt sich seine Ausbreitung aber mit einfachen Mitteln stoppen.

Meister Reinecke schaden sie nicht. Zu Zehntausenden können sich die nur wenige Millimeter langen Würmer im Dünndarm eines Fuchses tummeln, ohne dass dem Tier irgendetwas anzumerken ist. Die Schmarotzer machen es sich zwischen den Darmzotten bequem, ernähren sich von den halbverdauten Mahlzeiten ihres Wirtes und widmen sich ansonsten der Fortpflanzung. Mit dem Fuchskot gelangen ihre Eier ins Freie. Das ist der Neuanfang eines gruselig anmutenden Zyklus, faszinierend für Biologen, aber teuflisch aus der Sicht von Medizinern und anderen Personen. Eine perfide Meisterleistung der Evolution.

Füchse mögen den Mini-Bandwürmern der Spezies Echinococcus multilocularis als sogenannte Endwirte dienen, doch sie sind beileibe nicht die einzigen Tiere, die von den Parasiten befallen werden. Zahlreiche Nagerarten fungieren als Zwischenwirte und beherbergen als solche die Larvenstadien des Fuchsbandwurms. Sie werden von den rotpelzigen Räubern gefressen, der Kreis schließt sich. Für Homo sapiens wäre dies alles wohl kaum wichtig, wenn sich E. multilocularis auf Füchse und Nager beschränken würde. Das tut er aber nicht. Stattdessen infizieren die Würmer vereinzelt auch Menschen - mit verheerenden Folgen.

Alveolare Echinokokkose - kurz AE - heißt die gefürchtete Krankheit, die durch versehentlich geschluckte Fuchsbandwurmeier ausgelöst wird. Sie ist zum Glück überaus selten, in Deutschland werden jährlich meist ein bis zwei Dutzend neue Fälle bekannt.

Der Infektionsdruck scheint allerdings zu wachsen, vor allem in der Schweiz. Bis zum Jahr 2000 war dort die AE-Neuerkrankungsrate sogar leicht rückläufig. "Seitdem aber gibt es eine klare Steigung um den Faktor 2,6", erklärt der Parasitologe Peter Deplazes von der Universität Zürich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Deutlich mehr als eine Verdopplung also. Auch in Deutschland sind die Fälle im Jahr 2000 sprunghaft gestiegen, seit 2001 besteht eine Meldepflicht.

Tochterzysten in der Lunge

Als Ursache vermutet der Schweizer Experte die stark gewachsenen Fuchspopulationen, die mittlerweile bis in die eidgenössischen Großstädte vorgedrungen sind. Dennoch gibt es keinen Anlass zur Panik, denn auch heutzutage erkranken in der Schweiz statistisch gesehen noch immer weniger als drei von einer Million Einwohnern pro Jahr an AE. In Deutschland liegt die Rate sogar weit unter einer Infektion pro eine Million Menschen.

Dem minimalen Infektionsrisiko stehe allerdings eine "hohe Morbidität" und eine "hohe psychische Belastung der Betroffenen" gegenüber, konstatiert das Berliner Robert-Koch-Institut im "Epidemiologischen Bulletin" Nr. 15. Die Gefährlichkeit des Parasiten E. multilocularis geht von seinen Jugendstadien aus. Bis vor einigen Jahrzehnten kam eine Diagnose Alveolare Echinokokkose praktisch einem Todesurteil gleich. Der Grund: Wenn Bandwurmeier via Mund und Magen in den Darm gelangen, können von dort aus Larven in die Leber einwandern, wo sie sich zu blasenartigen, flüssigkeitsgefüllten Zysten, den sogenannten Finnen, entwickeln. Letztere beginnen nun zu wachsen und sich zu teilen. Dieser Prozess kann bis zu 15 Jahre dauern.

Irgendwann ist die Leber durchsetzt mit Finnen, deren Durchmesser bis zu 20 Zentimeter betragen kann. Tochterzysten tauchen bei Patienten regelmäßig auch in anderen Organen wie zum Beispiel der Lunge auf. Das gesamte Krankheitsbild hat deutliche Ähnlichkeit mit Leberkrebs, Metastasenbildung inklusive. Das zerstörerische Wuchern ist für den Parasiten durchaus sinnvoll: Einerseits der enormen Vermehrungsrate wegen - eine einzige Maus kann bis zu 100.000 eingekapselte Jungwürmer in sich tragen. Andererseits werden natürlich sterbenskranke Nager eher vom Fuchs erbeutet als gesunde Tiere.

Zum Glück scheint nur ein kleiner Teil der menschlichen Bevölkerung für Echinokokkose anfällig zu sein. In mehreren Studien wurde durch die Anwesenheit von spezifischen Antikörpern bei Hunderten Personen eine E. multilocularis-Infektion nachgewiesen, ohne dass Zysten vorhanden waren. Fälle von spontaner Selbstheilung sind ebenfalls mehrfach bekannt.

Der Mensch, so Peter Deplazes, sei wohl ein ganz schlechter Wirt, der Parasit habe sich evolutionär nicht an unsere Spezies anpassen können. "Wir werden schließlich nicht von Füchsen gefressen", sagt der Forscher scherzhaft. Auch sind die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten von AE deutlich besser geworden. Die Finnen lassen sich in frühen, unkomplizierten Stadien operativ entfernen oder per Punktion abtöten.

Wie gelangen die Wurmeier in den Menschenmagen?

Ist der Befall zu weit fortgeschritten, greifen die Ärzte zur Chemotherapie mit Albendazol oder Mebendazol. Die Medikamente müssen allerdings meist bis zum Lebensende geschluckt werden, weil sie die Schmarotzer zwar in ihrem Wachstum hemmen, jedoch nicht töten. Trotzdem: In der Schweiz ist die Lebenserwartung von AE-Patientin nur noch drei Jahre kürzer als die von nicht infizierten Altersgenossen, wie jüngst Wissenschaftler im "Journal of Hepatology" (Bd. 49, S. 72) berichtet haben. Die wirtschaftlichen Schäden durch AE sind gleichwohl beachtlich: im Schnitt knapp 110.000 Euro pro Erkranktem. Prävention ist also wichtig, aber wie?

Über die Art und Weise, wie Fuchsbandwurmeier in menschlichen Mägen landen, ranken sich zwar allerlei Gerüchte, doch die Beweislage ist äußerst dürftig. "Die genaue Infektionsquelle ist bislang nicht bekannt", sagt Peter Deplazes. Ansteckung durch das Essen von rohen Waldbeeren, Bärlauch und dergleichen ist immer wieder im Gespräch gewesen.

Mehrere Experten wie der Würzburger Immunologe Klaus Brehm weisen diese Theorie zurück. Der "beste Freund des Menschen" wäre wohl eher Ansteckungsquelle Nummer eins, meint er. Hunde, die Mäuse fressen können und dann in Wohnungen kommen, seien "echte Fuchsbandwurm-Schleudern", so Brehm. Abgesehen davon wälzen sich einige treue Vierbeiner gerne in Fuchskot, und die Wurmeier haften nachgewiesenermaßen ausgezeichnet am Fell. In Katzen dagegen kann sich E. multilocularis anscheinend kaum fortpflanzen, wie eine Studie im Fachblatt "International Journal of Parasitology" (Bd. 36, S. 79) belegt.

Bei allen noch offenen Fragen ist eins auf jeden Fall klar: Der Fuchs ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Bandwurm-Bekämpfung. Vielerorts wird deshalb nach verstärktem Einsatz von Schrotflinte & Co. gerufen, auch wenn schon im Kampf gegen die Tollwut das massenhafte Töten von Füchsen wenig bewirkt hat.

Peter Deplazes findet diesen Ansatz wenig erfolgversprechend. "Die Bejagung in der Stadt ist ein Riesenproblem." Viel sinnvoller sei deshalb die Entwurmung von Fuchspopulationen mit dem Medikament Praziquantel, wie sie von Deplazes und Kollegen erfolgreich am Züricher Stadtrand getestet wurde.

Auch in Deutschland hat die Entwurmungsstrategie bereits Wirkung gezeigt. Das großflächige Verteilen im vierwöchigen Rhythmus von jeweils knapp 11.000 mit Praziquantel präparierten Ködern im Landkreis Starnberg senkte die Befallsrate der Rotpelze dauerhaft von 35 auf ein Prozent. Neue Projekte am Ammersee und im Isartal gehen ebenfalls gut an, erklärt der Wildbiologe Andreas König von der TU München. "Das Problem ist nur: Wer zahlt?"

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