Uno-Gipfel in Durban: Klimakonferenz droht im Chaos zu versinken

Aus Durban berichtet Markus Becker

Fundamental-Forderungen gefährden einen Erfolg bei der Klimakonferenz in Durban: Ein neues Entwurfspapier enthält Passagen, die insbesondere für die USA völlig inakzeptabel sind. Damit scheint bestenfalls ein Minimalerfolg möglich - doch selbst dafür läuft den Delegierten die Zeit davon.

Klimakonferenz: Kompromiss verzweifelt gesucht Fotos
AFP

Durban - Bis in den frühen Samstagmorgen haben die Delegierten in Durban verhandelt, und zunächst war die Stimmung unter den Beobachtern gut. Ein neues Papier, das am Samstag von den südafrikanischen Gastgebern veröffentlicht wurde und den Stand der Verhandlungen wiedergibt, enthält deutlich ehrgeizigere Klimaschutzziele als ein früherer Entwurf:

  • Die Erderwärmung soll auf zwei Grad begrenzt werden, möglicherweise sogar auf 1,5 Grad,
  • Die Treibhausgasemissionen sollen bis 2050 um 50 bis 85 Prozent im Vergleich zu 1990 sinken; bis 2020 sollen sie bereits um 30 bis 50 Prozent fallen. Insbesondere dieses mittelfristige Ziel ist eine zentrale Forderung von Wissenschaftlern und Umweltschützern.
  • Auch die Entwicklungsländer werden in die Pflicht genommen: Sie sollen das aktuell prognostizierte Wachstum ihrer Emissionen bis 2020 gemeinsam um 15 bis 30 Prozent drosseln. Wer welche Last trägt, sollen die Entwicklungsländer unter sich ausmachen - der Dauerkonflikt mit den Industriestaaten wäre damit entschärft.

Allerdings: So wird es kaum kommen. IIn Paragraf 47 des Papiers, in dem es um die Finanzhilfen für die Entwicklungsländer geht, heißt es: Die Zahlungen sollen "dem Etat entsprechen, den die Industrieländer für Verteidigung, Sicherheit und Kriegführung ausgeben". Dieser Passus dürfte insbesondere für die USA völlig inakzeptabel sein: Das Land müsste nicht nur Gelder in Höhe seines Verteidigungshaushalts lockermachen, sondern zusätzlich Milliardensummen, die für Kriege ausgegeben werden. Allein der Afghanistan-Einsatz kostet die USA derzeit fast 100 Milliarden Dollar pro Jahr.

Angesichts der Debatte um drohende Kürzungen im US-Wehrhaushalt, der Finanzkrise und der wenig klimafreundlichen politischen Stimmung in Washington halten Beobachter es für ausgeschlossen, dass die US-Delegation dem aktuellen Entwurf in Durban zustimmt.

Hinzu kommt das Zeitproblem: Die Klimakonferenz ist bereits in die Verlängerung gegangen, für einen Beschluss bleiben nur noch wenige Stunden. "Die Delegierten können die politischen Minen, die das Papier enthält, deshalb nicht mehr einzeln entschärfen", sagt Reimund Schwarze, Klimaökonom vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung.

Notfall-Passus als Hintertür im Vertrag

Unentschärft aber würde Paragraf 47 den kompletten Entwurf zu Fall bringen. Denn darin steht auch, dass der Klimaschutzbeitrag der Entwicklungsländer "direkt abhängt vom Ausmaß der Unterstützung durch die Industrieländer"sei. Da diese aber kaum Klimaschutzgelder in Höhe ihrer Verteidigungshaushalte zusichern würden, müssten auch die Entwicklungsländer nichts mehr tun - "und damit wären alle Klimaschutzmaßnahmen in dem Entwurf hinfällig", so Schwarze.

Ganz am Ende des Papiers findet sich ein vielsagender Passus, auf den sich die Staaten im Notfall zurückziehen könnten: Sollte man sich nicht einigen, könne man die Debatte wieder an die Untergremien abgeben - "um ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln". Mit anderen Worten: Die Endlosverhandlungen gehen weiter. Der Entwurf soll von der lateinamerikanischen Staatengruppe "Alba" um Bolivien und Venezuela eingebracht worden sein, die auf Uno-Klimagipfeln gern radikale Forderungen stellen. Für den Nachmittag wird mit der Veröffentlichung eines neuen Papiers gerechnet. Es könnte die Grundlage für die abschließende Plenumssitzung sein, die für den Nachmittag erwartet wird.

Denkbar erscheint nun, dass der Durban-Gipfel einzelne Maßnahmen durchwinkt - wie etwa den Grünen Klimafonds. Durch ihn soll der Großteil jener 100 Milliarden Dollar jährlich fließen, die die Industrieländer ab 2020 den Entwicklungsländern zur Verfügung stellen wollen. Allerdings wäre auch das bestenfalls ein Minimalerfolg - zumal noch völlig offen ist, woher genau das Geld kommen soll.

Lässt die EU den Gipfel platzen?

In einem Beschlussentwurf, der ebenfalls in der Nacht zum Samstag entstanden ist, ist nun auch keine Rede mehr vom Klimafonds. Eine Passage, die in einer früheren Version stand, ist weggefallen. In dem Kapitel über Finanzhilfen heißt es nun lediglich, eine Arbeitsgruppe soll bis 2012 Vorschläge erarbeiten, die dann auf der nächsten Klimakonferenz Ende 2012 in Katars Hauptstadt Doha erörtert werden. Von einem Beschluss, der dort fallen soll, steht dort allerdings nichts.

Spannend bleibt auch, wie sich die EU in der Schlussphase der Verhandlungen verhält. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) hatte die Latte für einen Erfolg hochgelegt. Er verlangte den Beschluss eindeutiger, rechtlich bindender Klimaschutzziele für alle Staaten. Einen "faulen Kompromiss" werde man nicht akzeptieren. Auch EU-Klimakommissarin hat offen damit gedroht, den Gipfel in einem solchen Fall scheitern zu lassen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 76 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Titel, viel später
ratxi 10.12.2011
Zitat von sysopFundamental-Forderungen gefährden den Klima-Erfolg: Ein neues Entwurfspapier enthält Passagen, die insbesondere für die USA völlig unakzeptabel sind. Damit scheint bestenfalls ein Minimalerfolg möglich - doch selbst dafür läuft den Delegierten die Zeit davon. Uno-Gipfel in*Durban: Klimakonferenz droht, im Chaos zu versinken - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,802896,00.html)
"America first" ist in den USA offizielles Programm. Ganz offiziell. Schon immer. Und wenn danach irgendetwas kommt, dann erst viel, viel später.
2. solche
cheguevara73 10.12.2011
Zitat von sysopFundamental-Forderungen gefährden den Klima-Erfolg: Ein neues Entwurfspapier enthält Passagen, die insbesondere für die USA völlig unakzeptabel sind. Damit scheint bestenfalls ein Minimalerfolg möglich - doch selbst dafür läuft den Delegierten die Zeit davon. Uno-Gipfel in*Durban: Klimakonferenz droht, im Chaos zu versinken - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,802896,00.html)
gipfel sind sinnlos, weil die usa keinem vorschlag zustimmen, der sie in irgend einer form in die pflicht nimmt. weiß garnicht warum man sich überhaupt noch zu solch lächerlichen veranstaltungen trifft bzw. die usa oder china einläd. sowas muss auf anderer ebene vorbereitet werden, z.b. wirtschaftsblockade, handelsbeziehungen abbrechen usw. doch wer will in europa schon für seine überzeugung opfer bringen? keiner. also bleibt es wie bisher und wir können nur abwarten, wie sich die folgen unserer ignoranz entwickeln.
3. Nun........
warndtmensch 10.12.2011
Zitat von sysopFundamental-Forderungen gefährden den Klima-Erfolg: Ein neues Entwurfspapier enthält Passagen, die insbesondere für die USA völlig unakzeptabel sind. Damit scheint bestenfalls ein Minimalerfolg möglich - doch selbst dafür läuft den Delegierten die Zeit davon. Uno-Gipfel in*Durban: Klimakonferenz droht, im Chaos zu versinken - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wissenschaft (http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,802896,00.html)
was, bitte was haben die bisherigen Klimagipfel effektiv für die Umwelt gebracht? Nichts, aber auch gar nichts.. Die Wirtschaft dominiert den Umweltschutz und so wird es auch bleiben.............
4. Vielleicht ...
Artefakt 10.12.2011
... sollten wir alle nur noch Produkte von Ländern kaufen, die sich an Mindest-Standards in Sachen Umwelt und Menschenrechte halten. Dann wären wir auch wieder wettbewerbsfähig.
5. Natürlich gescheitert.
Wigers7 10.12.2011
"Denn darin steht auch, dass der Klimaschutz-Beitrag der Entwicklungsländer "direkt abhängt vom Ausmaß der Unterstützung durch die Industrieländer". Da sie aber kaum Klimaschutzgelder in Höhe ihrer Verteidigungshaushalte zusichern würden, müssten auch die Entwicklungsländer nichts mehr tun - "und damit wären alle Klimaschutzmaßnahmen in dem Entwurf hinfällig", so Schwarze." Natürlich wird der "Klima-Gipfel" scheitern! Wie kann man als Gastgeberland solch einen Passus in die finale Abstimmung bringen? Das ist absolut unverantwortlich und man kann noch nicht einmal, wie vielleicht beabsichtigt, den USA hier einen Vorwurf machen, dass sie den Text ablehnen. Die Entwicklungsländer wollen also auch was machen, schön und gut, aber nur das, was die Industrieländer ihnen bezahlen? Worin liegt weiterhin die Anstrengung der Entwicklungsländer, ihre Emissionen zu kürzen, wenn sämtliches Kapital dafür von uns Industrienationen bereitgestellt werden soll? Das ist nur ein fauler Schrieb, der wieder einseitig nur die Industrienationen belasten soll mit den üblichen 0815-Appellen an unsere Verantwortung. Ich möchte ehrlich sein: Wer solch einen Wisch vorlegt, soll nicht einen Cent erhalten. Stattdessen sollte sowieso das gesamte Geld, was sinnlos in diese Länder fließt, in die Modernisierung Deutschlands gesteckt werden. Ob Angola nun 1 Mrd. € kriegt oder nicht, die Chemieabfälle werden so oder so in den Fluss gekippt. Die Zeiten der Diplomatie sind schon lange vorbei.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Natur
RSS
alles zum Thema Uno-Klimakonferenz in Durban 2011
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 76 Kommentare
  • Zur Startseite

Fotostrecke
UN-Klimakonferenz: Stimmen der Jugend

Interaktive Grafik
Temperaturveränderungen

Fotostrecke
Klima der Zukunft: Wo Extreme wüten