Umweltpolitik: Vorsitzender des Welt-Klimarats kündigt Abschied an
Die globale Umweltpolitik steht vor einem Umbruch: Nach elf Jahren im Amt kündigt der Vorsitzende des Uno-Klimarats IPCC, Rajendra Pachauri, seinen Abgang an. Er werde 2015 als Vorsitzender aufhören, sagte er SPIEGEL ONLINE. Der Streit um die Nachfolge ist eröffnet.
Die Weltklimapolitik verliert ihren wichtigsten Mann. Der Vorsitzende des Uno-Klimarats IPCC, Rajendra Pachauri, kündigt seinen Abschied an. Er werde nach dem Ende seiner zweiten Amtszeit 2015 nicht mehr erneut für den Vorsitz kandidieren, sagte Pachauri SPIEGEL ONLINE in Stockholm, wo am Montag die finalen Verhandlungen über den neuen Klimareport begonnen haben.
Für die Nachfolge werden unter den Delegierten zahlreiche Namen prominenter Umweltfunktionäre ins Feld geführt, einen Favoriten gibt es aber bislang wohl nicht. Die Wahl des neuen Vorsitzenden dürfte für den IPCC zur Herausforderung werden. Pachauris Wahl im April 2002 zog sich über eine Woche hin, das Verfahren musste geändert werden, es herrschte großes Durcheinander.
Seit elf Jahren leitet Rajendra Pachauri den Weltklimarat IPCC. Er nahm den Friedensnobelpreis entgegen, den das Uno-Gremium 2007 zugesprochen kam. 2010 überstand er zweifelhafte Anschuldigungen, die sich gegen angebliche Interessenkonflikte richteten. Im selben Jahr widerstand Pachauri auch der größten Krise des Klimarats, als krasse Fehler im IPCC-Bericht bekannt geworden waren.
Vorzeitigen Rücktritt abgelehnt
2011 empfahl das InterAcademy Council IAC, das die Arbeit des IPCC begutachtet hatte, der Vorsitzende des Klimarats sollte nur eine Amtszeit fungieren. Da war Pachauri gerade am Beginn seiner zweiten Amtszeit; er lehnte einen Rücktritt ab.
2015 endet seine zweite Amtszeit. Dann werde für ihn Schluss sein, sagte der IPCC-Vorsitzende. Ein vorzeitiger Rücktritt sei nicht notwendig. "Die Regeln des IAC lassen sich nicht rückwirkend anwenden", rechtfertigt Pachauri sein Festhalten am Vorsitz über eine Legislaturperiode hinaus.
Der 73-jährige Inder Pachauri ist Ökonom und Eisenbahningenieur; er fungierte lange als Vorsitzender des Energieforschungsinstituts Teri in Neu-Delhi und ist in der Energiebranche bestens vernetzt. Nachdem 2010 hoch dotierte Beraterverträge mit Großunternehmen bekannt geworden waren, wurde er zum Rücktritt vom IPCC-Vorsitz aufgefordert. Der Finanzdienstleister KPMG prüfte Pachauris Einkommen und entlastete den Ökonomen: Alle Tantiemen seien an seine Firma geflossen; Pachauri habe lediglich sein Gehalt bezogen.
Jeder ein Nobelpreisträger?
Den Vorwurf, es bestünden Interessenkonflikte, wies Pachauri von sich. Er sei bezahlter Angestellter seines Instituts, nicht des IPCC. Er sehe keinen Konflikt zwischen seinen Tätigkeiten. Wissenschaftler dürften sich nicht in den Elfenbeinturm zurückziehen. Er fühle sich in seiner Rolle als jedermanns Berater sehr wohl, sagte er dem Magazin "Science".
In die Kritik geriet Pachauri, als er den Gewinn des Nobelpreises des IPCC 2007 allen beteiligten Wissenschaftlern widmete: "Jeder von euch ist ein Nobelpreisträger", teilte er den Tausenden Forschern mit, die dem Klimareport zuarbeiten. Erst 2012 nahm der IPCC diese Ansicht offiziell zurück. Der Nobelpreis sei nur dem Klimarat als Organisation verliehen worden; einzelne Forscher dürften sich nicht als Nobelpreisträger bezeichnen.
Unter Druck von allen Seiten
Überschwang wurde Pachauri auch immer wieder vorgehalten, wenn er Forschungsergebnisse an politische Mahnrufe knüpfte. Häufig appellierte er an die Weltgemeinschaft, auf alternative Energien umzusteigen, um einen gefährlichen Klimawandel abzuwenden. "Es ist fünf Minuten vor zwölf", warnte er vor der IPCC-Konferenz in Stockholm.
"Der Klimawandel ändert alle Lebensbereiche", rief er den Vertretern der Staatengemeinschaft am Montag in Stockholm zu. "Die wissenschaftlichen Beweise dafür werden von Jahr zu Jahr stärker."
In Stockholm verhandeln Regierungsvertreter und Klimaforscher um jedes Wort der sogenannten Zusammenfassung für Politiker des IPCC-Reports, die am Freitag veröffentlicht werden soll. Industrieverbände setzen den Klimarat mit eigenen Veröffentlichungen unter Druck. Auch die politischen Delegierten der Regierungen wollen den Klimareport beeinflussen. Die Zustimmung der Politik "bereitet die Bühne für ein gutes Ergebnis", meint Pachauri.
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